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HIM

Harmonie besteht nie

Band HIM

(tsch) Auch Ville Valo und Mikko Paananen werden älter. Erstens - Verzeihung - sieht man das ein bisschen. Und zweitens hört man's, weniger in der Sprachfarbe, als im Inhalt: Der Sänger der finnischen Band HIM und sein Bassist sitzen an einem Freitag Morgen gut gelaunt in der Interviewsuite eines Berliner Hotels. Einen Kater, so sagt Valo, habe er keinen. Schließlich hätte er gestern Abend nichts Großes gemacht, sei auf keiner Party gewesen oder so. Erstaunlich - denn es ist Popkomm, und da sind traditionell viele Partys. Früher galten HIM als böse Buben, als solche, die immer unterwegs sind. Sex, Drugs & Rock'n'Roll. Jetzt zeigen sie sich älter und veröffentlichen ihr neues Album "Venus Doom", das an die alten Erfolge anknüpft: So schoss die Platte in Deutschland sofort auf Platz drei der Longplay-Charts.

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teleschau: Deutschland ist nach Finnland das Land, das Ihr am häufigsten bereist - erinnert Ihr Euch noch an den ersten Besuch?

Ville Valo: Ja, noch sehr gut. Wir waren das erste Mal vor neun Jahren in Deutschland, um Promo zu machen. Wir fuhren in erster Linie mit dem ICE durch das Land, um viele verschiedene Radiostationen zu besuchen. Damals hatten wir noch mehr Zeit für so etwas - Deutschland war ja das erste Land nach Finnland, in dem uns die Leute hören wollten.

teleschau: Was hat sich seitdem verändert?

Valo: Oh, eine ganze Menge. Sechs Platten haben wir immerhin veröffentlicht. Und wir wurden für das, was wir tun, mit einer Art von Erfolg belohnt, die nicht selbstverständlich ist, die aber auch zu einem gewissen Stress führt. Man kennt uns auf der ganzen Welt - und dafür muss man arbeiten. Es wäre vermessen, davon auszugehen, dass das auch ohne geht.

Mikko Paananen: Übrigens sind auch die Interviews anders geworden. Wir gehen auf eine ganz andere Art und Weise auf den Gesprächspartner ein. Früher haben wir eben die Frage, die er stellte, beantwortet. Heute erzählen wir mehr Geschichten, mehr Anekdoten, reden freier. Zumindest ich.

teleschau: "Venus Doom" ist eine sehr direkte, eine sehr rockige Platte. Ist das eine Reise zurück in Eure Anfangstage?

Paananen: Das würde ich nicht sagen. Wir waren immer große Fans von 70er-Jahre-Rockmusik. Das hört man auf jeder Platte - es kann aber gut sein, dass es diesmal etwas mehr auffällt, weil es so etwas wie die oberste Schicht der Platte darstellt. Wir haben diesmal aber auch versucht, nicht an zu vielen Knöpfen zu drehen, das nicht zu stark zu produzieren.

Valo: So etwas ist bei uns aber selten eine bewusste Entscheidung. Es hat vielleicht auch biografische Gründe. Wir sind alle Kinder der frühen 70er-Jahre und haben in den späten 70-ern und frühen 80-ern angefangen, Musik zu hören. Unser musikalisches Bewusstsein entstammt also dieser Zeit, wobei Musik auch bei uns zu Hause sehr präsent war. Als ich drei war, lief die ganze Zeit lang "Cocaine" von Eric Clapton. Ist doch klar, dass man da verrückt wird (lacht).

Paananen: Wobei man schon auch dazu sagen sollte, dass das eine gute Zeit für Musik war. Hör' dich doch mal um, 99 Prozent der Platten, die heute erscheinen, sind einfach totale Scheiße.

teleschau: Wie habt Ihr bei "Venus Doom" gearbeitet?

Valo: Wie die Maschinen. Wir sind da sehr diszipliniert. Wir gehen ins Studio, ab da denken wir nicht mehr viel nach, sondern lassen einfach die Musik übernehmen. Fünf, sechs Tage die Woche, acht bis zehn Stunden am Tag. So kommen wir auch mit verhältnismäßig wenig Zeit aus. Zwei Monate im Studio, noch einmal zwei Monate Mixen, das ist es dann auch. Und wir planen zwei Wochen Extra-Spielraum ein - für den Fall, dass ich eine Grippe habe und nicht singen kann oder sich einer von uns irgendetwas bricht. Wenn man länger an einem Album hängt, denkt man zu viel nach, und das schlägt allzu schnell in Zweifel um.

teleschau: Man braucht eine gute Porton Selbstvertrauen, um das so runterzureißen.

Valo: Das würde ich nicht einmal sagen. Ich glaube nicht, dass die Zeit im Studio die schwierige ist. Das mag von Band zu Band unterschiedlich sein, aber bei uns liegen die Knackpunkte woanders, früher. Etwa beim Songwriting, und vor allem, wenn man dann beim Proben dem anderen seine Ideen vorspielt und hofft, dass sie gut ankommen. Alles muss gut klingen. Es gab auch bei uns schon Perioden, wo es Wochen dauerte, bis wir die Orientierung fanden, bis der Blickwinkel da war, der die Erstellung einer neuen Albums überhaupt reizvoll erschienen ließ.

teleschau: Ihr seid alle in Euren Dreißigern - also endgültig erwachsen. Was meint Ihr: Hört man das der Platte an?

Valo: Schwierig zu sagen. Mikko und ich kennen uns, seit wir acht oder neun Jahre alt sind, und auch mit den anderen habe ich schon so lange zu tun! Wir sind erwachsen, ja. Aber das war ein schleichender Prozess, der immer viel mit der Musik zu tun hatte und der sich nicht an Alterszahlen messen lässt.

Paananen: Ich glaube auch, dass es bei uns keine großen Punkte gab, an denen man das erkennen konnte. Es sind kleine Dinge, die sich anhäufen, kleine Veränderungen. An Villes Texten erkennt man es vielleicht am stärksten, und das hört man auf der neuen Platte dann doch: Die Texte sind erwachsener.

teleschau: Die Phrase, der Hit um des Hits Willen scheint nicht mehr so wichtig zu sein ...

Paananen: Ja, und das ist eine Sache, die man auf aktuellen Platten selten erkennt. Die meisten Bands suchen die einfachen Lösungen - wie der ganze Zeitgeist heute eben ist.

teleschau: Ville, was war deine Gefühlslage, als Du mit den Texten zu "Venus Doom" begannst?

Valo: Eine Gefühlslage reicht nicht aus, um einen Song zu schreiben. Ich arbeite an ihm, wenn ich traurig bin, wenn ich glücklich bin und in allen Stimmungen, die dazwischenliegen. Das ist wichtig. Man muss den Song mehrmals betrachten, ihn immer wieder rekapitulieren. Es kann sein, dass einem ein Songfragment unglaublich gut vorkommt, wenn man traurig und verzweifelt ist. Wenn man es am nächsten Tag mit guter Laune noch mal hört, merkt man dann, dass es einfach nur Rotz ist. Ein guter Song muss also Kanten haben, und Humor. Übrigens sind meine Texte bisweilen prophetisch: Es ist bereits mehrfach passiert, dass ich etwas schrieb und im Moment des Schreibens überhaupt nicht verstand - es aber später Situationen gab, die der Song sehr direkt beschrieb.

teleschau: Wäre Harmonie für Dich als Songwriter dann gefährlich?

Valo: Nein, glaube ich nicht. Weil es nie so ist, dass ich mich Monate lang sehr gut fühle. Ich glaube, dass das Leben an sich ein dauerhafter Kampf ist und man seinen Wert immer wieder beweisen muss. Ich bin also nie zufrieden. Dinge können besser werden, sie können schlechter werden. Dessen muss man sich bewusst sein, auch der Tatsache, dass man ab und zu Dinge zerstören muss, um etwas Neues zu schaffen. Insofern herrscht bei mir nie Harmonie, die gefährlich werden könnte.

teleschau: War Euer Erfolg je eine Gefahr für diesen Kreislauf?

Valo: Ich denke, das muss für einen Solokünstler extrem sein - für jemanden, der alleine im Rampenlicht steht und der plötzlich ein weltbekanntes Gesicht ist. Wir sind eine Band, das erleichtert einiges. Und wir mussten uns immer wieder beweisen, weil wir in verschiedenen Teilen der Welt zu verschiedenen Zeiten bekannt wurden. Wir haben nie die Bodenhaftung verloren.

Paananen: Im Übrigen: Wenn ein Arschloch in dir steckt, kommt es irgendwann raus. Egal, ob du erfolgreich bist oder nicht.

teleschau: Stichwort Bodenhaftung: Was war die dümmste, die klischeehafteste Rock'n'Roll-Sache, die Ihr je gemacht habt?

Valo: Oh, das war wohl ich. Ich bin, als wir auf Tour waren, einmal im Hotel von Balkon zu Balkon gesprungen. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Stockwerk das war, aber doch relativ weit oben. Das war wirklich ziemlich idiotisch von mir, ich hätte sterben können. Man denkt da immer: Naja, ich bin es ja, der stirbt, wenn er runterfällt, ich gefährde ja niemanden anderen. Aber das dich daheim zum Beispiel die Eltern so ganz schön schnell verlieren können, dass andere Menschen wegen einem sehr traurig werden, das blendet man in dem Moment aus.

Jochen Overbeck


Ville Valo gibt sich bei der Präsentation seines neuen Albums "Venus Doom" freundlich und bescheiden.
Ville Valo gibt sich bei der Präsentation seines neuen Albums "Venus Doom" freundlich und bescheiden. (Warner / Perou)

Mit der Band gewachsen: Ville Valo.
Mit der Band gewachsen: Ville Valo. (Warner / Perou)

HIM sind Finnlands erfolgreichster Rock-Export.
HIM sind Finnlands erfolgreichster Rock-Export. (Warner / Perou)

Datum: 30.09.2007

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Artikel ID 191049

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