Rooney

Die singende Traumfabrik

Band Rooney

(tsch) Der erste Blick fällt auf die Ansammlung von Ausweisen. Ordentlich um die Geldschatulle an der Kasse drapiert. Damit es schnell geht, wenn die Minderjährigen unter den Rooney-Fans nach dem Konzert im Münchner Atomic Café den Club verlassen müssen. Und das werden sie. Zusammen mit einem Großteil der restlichen Anhängerschar. Denn was danach bis in die frühen Morgenstunden aufgelegt wird - britische Gitarrenmusik, Knäckepop made in Sweden und überhaupt alles hippe - hat mit der Musik von Rooney nur wenig zu tun. Und doch wieder viel.

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Rooney kommen aus L.A.. Sie haben gerade ihr zweites Album mit dem Titel "Calling The World" veröffentlicht. Und mit ihrer ersten Singleauskopplung "When Did Your Heart Go Missing?", einer zuckersüßen Uptempo-Nummer mit Ohrwurm-Gitarrenintro, haben sie einen veritablen Hit produziert. Der sich geradewegs auf dem Weg in die Airplay-Charts befindet. Was die fünf Westküstenjungs natürlich freut. Ihnen auf der anderen Seite aber Magenschmerzen bereitet. Denn der Stempel "One-Hit-Wonder" ist bereits ins tintenfeuchte Kissen gedrückt.

Das Damoklesschwert des Musikbusiness schwebt aus diversen Gründen über den Häuptern der Bandmitglieder. Einerseits wäre da natürlich die augenscheinlich recht einfache Struktur ihrer Lieder. Rooney sind noch jung, die Altersspanne schwankt zwischen 22 und 28 Jahren. Robert, der Songwriter und Sänger, ist gerade mal 24 und verfügt über ein, nennen wir es mal: sonniges Gemüt. Seine Texte handeln zumeist vom Auf und Ab zwischenmenschlicher Beziehungen, von Selbstfindung und der Schwierigkeit, in der Welt zu bestehen. Verpackt sind diese simpel gestrickten Befindlichkeiten in oft tanzbaren und definitiv eingängigen Melodien. Was durchaus beabsichtigt ist, wie Drummer Ned Brower erklärt: "Uns sind beide Elemente wichtig, die Texte wie auch die Melodieführung. Zusammengenommen sollen sie eine schöne Geschichte erzählen, den Hörer unterhalten. Generell betrachtet, steht wahrscheinlich die Musik etwas mehr im Vordergrund. Andere Bands sind im Vergleich zu uns eher wortlastig. Nimm doch nur Emo-Bands. Du kannst davon ausgehen, dass die jede Menge Zeit dafür aufbringen, kluge Worte ohne jedwede Melodie zu finden. Im Grunde also das komplette Gegenteil von uns."

Auch Sänger Robert weiß, dass seine Texte eher einfacher Natur sind, dass die Kompositionen die Tendenz zum Kitschigen haben. Er gibt das unumwunden zu. Schließlich verfolgt er mit diesem Prinzip auch einen bestimmten Zweck. Die Musik soll gefallen, er will, dass die Texte mitgesungen und verstanden werden. Egal, ob es sich dabei um einen Harvard-Studenten oder eine 50-jährige Servicekraft vom Fastfood-Laden um die Ecke handelt.

Machen Rooney also Konsenspop? Oder mehr als das? Um diese Frage zu beantworten, muss man das Musikverständnis der Band näher betrachten. Das nämlich reicht weit tiefer als bei anderen Formationen ihres Alters. Rooney mögen es klassisch. Im rockgeschichtlichen Sinne. Ihre Einflüsse reichen vom Britpop der 90er-Jahre bis zum Motown-Sound der 50er-Jahre. Die Beatles sind ihre erklärte Lieblingsband. Daneben werden Led Zeppelin und Queen ins Feld geführt, E.L.O., Elton John und Billy Joel, die Kinks, Steely Dan, Tears For Fears und Toto. Und all das hört man - neben vielen anderen Klassikern und "guten Bekannten". Denn, so Ned: "Wir entdecken permanent neue alte Sachen." Aktuelle Bands spielen für sie im Vergleich dazu keine Rolle, denn "das einzige, was neue Bands können, ist aufzuzeigen, was andere vor ihnen geleistet haben", unterstreicht Robert die bandinterne Meinung.

Weil vieles von dem, was Rooney machen, in manchmal recht offensichtlicher Art und Weise zeigt, was andere vor ihnen geleistet haben, stellt sich natürlich die Frage nach dem Einzigartigen in ihrer Musik. Für die fünf Musiker eigentlich ein Unding. Ist für sie das Zitieren und Neuarrangieren doch ein kreativer Prozess, der zudem eine nicht alltägliche Liebe zum Detail erfordert. "Wir wollen keine Gitarrenriffs kopieren, irgendeinen bestimmten Haarschnitt tragen oder uns mit Anzug und Krawatte auf die Bühne stellen", stellt Robert klar. "Wir wollen einfach anders sein und unsere eigenes Ding durchziehen."

Irgendwo mag er damit ja auch recht haben. Welche aktuelle Band bringt es schon fertig, sich teilweise innerhalb eines Vierminüters quer durch fünf Dekaden zu zitieren und dabei weder altmodisch zu klingen noch sich zu verzetteln? Wer würde sein Cover-Artwork an der Aufmachung des Doors-Debüts und "Rubber Soul", dem sechsten Album der Fab Four, anlehnen und damit eine optische Zeitreise antreten? Und wer würde schon ernsthaft überlegen, ob man einen Teil des künftigen Merchandise-Angebots nicht am Abbey-Road-Design anlehnen sollte? Auf jeden Fall nur jemand mit einem gesunden Selbstbewusstsein.

Frontmann Robert Schwartzman dürfte davon eine ordentliche Portion in die Wiege gelegt bekommen haben. Ist seine Familie doch weltbekannt. Sein Bruder ist der Schauspieler und ehemalige "Phantom Planet"-Drummer Jason Schwartzman. Ihre Mutter ist Talia Shire, besser bekannt als "Adrian", die Filmfrau von Rocky Balboa. Roberts Onkel heißt Francis Ford Coppola. Auch seine Cousine Sofia trägt diesen Namen. Und Nicolas, sein Cousin, hat den nicht minder bekannten Familiennamen Cage. Ein Hauch von Hollywood? Wohl eher eine Sturmböe, die den Sänger von Rooney bei der Veröffentlichung des Debütalbums dazu veranlasste, sich hinter dem Decknamen Robert Carmine zu verstecken.

"Leute wie Frankie Valley oder Bobby Darin oder Bob Dylan - eigentlich hießen sie Frankie Castelluccio oder Bobby Dschabadabuni oder Bob Zimmerman. Die sagen von heute auf morgen: Ich heiße Bob Dylan. Das ist ja nichts neues, das man sich einen Künstlernamen zulegt. Das wollte ich auch eine Zeit lang. Aber dann dachte ich mir: Wozu? Mein Name ist Robert Schwartzman. Es weiß zwar kein Mensch, wie man das schreibt oder ausspricht, aber was soll's? Mir doch egal. Das ist mein Name."

Auch wenn der Sinneswandel einige Zeit in Anspruch genommen hat - mittlerweile steht der 24-Jährige zu seinen Wurzeln: "Im Endeffekt kommt es doch darauf an, was man mit seinen eigenen Händen schafft. Und nicht darauf, wen man kennt. Hilft es mir jetzt, dass ich einer Familie angehöre, die jeder kennt? Oder verletzt es eher? Ich denke, es ist Letzteres. Denn es macht die ganze Sache schwieriger für uns. Die Leute sind viel schneller mit ihren Urteilen, nach dem Motto: 'So toll seid ihr ja nun auch wieder nicht' ... Ein Freund von mir, Sean Lennon - er veröffentlichte neun Jahre lang kein Album. Weil er Angst hatte. Denn sein Vater war John Lennon. Man steht einfach nur im Schatten." Ein Los, mit dem sich weder Robert noch seine vier Weggefährten abfinden wollen. Weswegen sie manchmal ein wenig zu oft den unerschütterlichen Glauben an sich selbst bekunden: "Ich denke nicht, dass wir so ein One-Hit-Wonder-Ding sind", lautet ein Resümee, dem alle zustimmen. "Bislang hatten wir ja noch nicht mal einen Hit."

Bettina Dunkel


Rooney sind (von links): Louie Stephens, Matthew Winter, Robert Schwartzman, Ned Brower und Taylor Locke.
Rooney sind (von links): Louie Stephens, Matthew Winter, Robert Schwartzman, Ned Brower und Taylor Locke. (Universal Music)

Vereinen Musik der vergangenen Jahrzehnte: Rooney.
Vereinen Musik der vergangenen Jahrzehnte: Rooney. (Universal Music)

Rooney brachten mit "Calling The World" ihr zweites Album auf den Markt.
Rooney brachten mit "Calling The World" ihr zweites Album auf den Markt. (Universal Music)

Datum: 30.09.2007

Diskussion: "Rooney"

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