(tsch) Die beiden Schlangen sehen so aus, als ob sie Sandra Nasic gerne in den Hals beißen würden. Doch das selbstsichere Grinsen der ehemalige Guano Apes-Frontfrau vom Cover ihres ersten Solo-Albums verrät, dass sie die Tiere "richtig süß" findet. So schnell jagt keiner der in Göttingen geborenen Deutsch-Kroatin Angst ein. "Ich bin die Versuchung aus dem Garten Eden und werde euch mit dem Album alle verführen. Fragt sich nur, wo das enden wird. Eva wurde schließlich auch aus dem Paradies vertrieben", deutet sie vielsagend im Interview an. Mehr als zwei Jahre sind seit der Auflösung von Guano Apes vergangen. Und während Fans, Kritiker und Branchenkenner nach dem Ende der Band mit einem baldigen Erscheinen eines Soloalbums der charismatischen Sängerin rechneten, brachten zuerst die Ex-Kollegen ihre Werke auf den Markt. Doch nun zieht Sandra Nasic mit "The Signal" nach.
Anzeige
teleschau: Warum kommt Dein Soloalbum erst jetzt?
Sandra Nasic: Ich nahm mir eine Auszeit nach dem Ende von Guano Apes. Ich wollte viele Dinge nachholen, die ich in all den Jahren mit der Band verpasst hatte. Ich zog nach Berlin und ließ es mir gut gehen. Zudem war es mir wichtig, genügend Zeit in das Album zu investieren. Es ging mir darum, mich mit meiner Musik selbst zu konfrontieren.
teleschau: Was genau galt es nachzuholen?
Sandra Nasic: Das waren Angelegenheiten, zu denen normale Menschen in der Lage sind. (lacht) Ich würde mich aber nicht als unnormal bezeichnen, sondern eher den Lebensstil, den man automatisch annimmt, wenn viele Konzerte auf der ganzen Welt zu spielen sind. Irgendwann braucht man wieder eine vertraute Umgebung, um von dem ganzen Rummel Abstand nehmen zu können und um so etwas wie einen Alltag zu erleben.
teleschau: Deine Eltern kommen aus Kroatien. Wie oft hattest Du die Möglichkeit, Deine kroatischen Verwandten zu besuchen?
Sandra Nasic: Ich war jahrelang nicht da und habe somit auch ein wenig die Sprache verlernt. Ich möchte allerdings bald wieder nach Kroatien reisen und bin mir sicher, dass ich nach zwei Wochen die Vokabeln wieder intus haben werde. Ich merke außerdem, wie meine Mutter im zunehmenden Alter anfängt, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Erst kürzlich trafen wir uns alle zu einem Familienfest, und da legte sie kroatische Popsongs auf. Das war für mich am Anfang befremdlich, gefiel mir nach einer Weile aber richtig gut.
teleschau: Du besitzt nun ein Anwesen an einem See in Brandenburg. Ist das der Rückzugsort, den Du lange nicht hattest?
Sandra Nasic: Ja. Allerdings war das nicht meine Idee, sondern die meines Freundes. Wir liefen von Grundstück zu Grundstück und entschieden uns dann für eines. Da wir in Berlin zentral wohnen und durch die vielen Cafés immer viele Menschen unterwegs sind, ist es klasse, wenn man seine sieben Sachen packen und aus der Stadt flüchten kann. Ich habe so beides: die Ruhe, wenn ich sie brauche, und den Trubel, der für einen kreativen Menschen immer wichtig bleibt.
teleschau: Langweilst Du Dich schnell?
Sandra Nasic: (lacht) Ja. Immer dann, wenn ich eine Pause einlege, kribbelt es schon bald wieder, und ich werde unruhig. Allerdings macht so ein Grundstück viel Arbeit, ganz so entspannend ist es dann auch nicht. Nach einer Woche brauche ich dann wieder die Großstadt. Ich würde mich als rastlosen Menschen bezeichnen, der allerdings in den wichtigen Momenten auch abschalten kann.
teleschau: Berlin ist das Mekka für Künstler. Bist Du da nicht eine von vielen?
Sandra Nasic: Diesen Umstand genieße ich! Ich fühle mich definitiv als ein kleiner Teil, der zu einem großen Ganzen dazugehört - und habe damit gar kein Problem. Ich muss nicht hervorstechen. Nur mit meiner Musik will ich auffallen, und wenn diese durch den kreativen Tummelplatz Berlin beeinflusst wird, kann das nur gut sein.
teleschau: Gab es Hindernisse, die es auf dem Solo-Pfad zu überwinden galt?
Sandra Nasic: Ich musste mein Gitarrenspiel verbessern. Ich wollte die Songs selbst schreiben und auch aufnehmen, deswegen war Üben angesagt. Zudem ist es schwierig, wenn man sich mit einem Produzenten in die Haare bekommt. Doch dann muss man sich der Auseinandersetzung stellen und eine Arbeitsweise entwickeln, die funktioniert. In Berlin arbeitete ich im Studio mit einem Typen zusammen, der ein echter Freak war. Ab und an musste ich ihn rausschmeißen, was er mir aber nicht übel nahm. (lacht)
teleschau: Er kehrte immer wieder zurück?
Sandra Nasic: Ja. Immer wenn er am nächsten Morgen ins Studio kam, fand er dort meine Zettel mit Anweisungen vor. Mit solchen Menschen zu arbeiten, kann auch fruchtbar sein. Denn es entstanden Momente, da spielten wir einen Song in fünf Minuten ein und waren unheimlich konzentriert bei der Sache.
teleschau: Was muss geschehen, damit Du einen Produzenten vor die Tür setzt?
Sandra Nasic: Er muss nur sagen: "Sandra, warum willst du das anders haben?" Wenn ich finde, dass noch Verbesserungen notwendig sind, dann muss weiter an Songs gebastelt werden. Bei solchen Diskussionen gelangt man schnell an die Grenzen der Belastbarkeit. Ich muss zugeben, dass ich keine leichte Mitproduzentin bin, weil ich durchaus stur sein kann. Mich zieht es allerdings immer zu Querdenkern hin - was ein Vorteil ist. Das Endprodukt ist dann vielseitiger.
teleschau: Guano Apes stachen in den 90-ern schon deshalb hervor, weil sie mit Dir eine Frontfrau präsentierten. Hast Du eine Vorreiterrolle für all die weiblichen Bandleader eingenommen, die es mittlerweile gibt?
Sandra Nasic: Mit innovativen Ideen, wie zum Beispiel eine Frau ans Mikro zu lassen, muss man sich am Anfang mühsam freischwimmen. Ist das gelungen, gibt es immer Menschen, die auf der Erfolgswelle mitschwimmen. So funktioniert das Geschäft. Viele mögen das vielleicht nicht laut sagen, doch ich glaube, dass ich in Deutschland für all die Sängerinnen eine Vorreiterfunktion übernommen habe. Das macht mich auch ein wenig stolz!
teleschau: Innovativ zu sein, erfordert Mut. Bist Du ein mutiger Mensch?
Sandra Nasic: Auf jeden Fall. Sonst würde ich nicht das machen, was ich mache und hätte viele Entscheidungen anders getroffen. Mit einem Haufen Verrückter so lange in einer Band zu spielen und zu touren, erfordert Mut. Ohne Herausforderungen wäre es schnell langweilig für mich. Ob ich mit diesem Weg auch als Solokünstlerin Erfolg haben werde oder nicht, ist eigentlich egal. Mir ist nur wichtig, ungewöhnliche Dinge zu machen. In Routine zu verharren, ist mörderisch.
Julia Köhler
Sandra Nasic hat mit "The Signal" ihr erstes Soloalbum auf den Markt gebracht. (Edith Held / Gun Records)
Hat keine Amgst vor giftigen Tieren: Sandra Nasic. (Edith Held / Gun Records)
Sandra Nasic war für ein Jahrzehnt die Frontfrau der Guano Apes. (Edith Held / Gun Records)