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Nina Hoss
Es gibt keinen Grund zu bleibenSchauspielerin Nina Hoss (tsch) Die Interaktion von verschiedenen Kulturkreisen wird insbesondere im Medium Film gerne verwendet, um Spannung, Fremdartigkeit oder Machtlosigkeit zu inszenieren. Was Kultur bedeutet, liegt dabei im Auge des Betrachters, der von innen meist unreflektiert auf seine eigene, oder von außen reflektierend auf eine andere Gesellschaft blickt. Das Liebesdrama "Die weiße Massai" (Kinostart: 15.09.), in dem die "Weiße", Carola (Nina Hoss), auf den "Schwarzen", den Krieger Lemalian (Jacky Ido), trifft, geht mit diesem Thema erfrischend ausgewogen um. Carola folgt dem Massai-Krieger in sein kenianisches Dorf, um mit ihm ein neues Leben zu beginnen, doch sie scheitert am fremden Umfeld und vor allem an sich selbst. Die 30-jährige Hauptdarstellerin Nina Hoss ("Das Mädchen Rosemarie"), die an Originalschauplätzen in Kenia drehte, bilanziert, dass beim Film nicht nur die Kulturen auf der Leinwand, sondern auch in der Realität aufeinander prallten. Anzeige
teleschau: Sie spielen Carola alias Corinne Hofmann, die die autobiografische Buchvorlage lieferte. Was bedeutet Liebe für diesen Charakter? Nina Hoss: Das ist schwierig. Die Liebe, die ihr geradezu blitzartig begegnet, übt eine solche Kraft aus, dass sie ihr ganzes Leben ändern will. Für die Liebe gibt sie alles auf. teleschau: Aber das hat nur bedingt geklappt. Nina Hoss: Am Anfang fährt sie ihm erst einmal nach, da weiß sie nicht, dass sie schlussendlich vier Jahre lang mit ihm leben wird. Doch es entwickelt sich etwas, und Carola entscheidet sich, mit ihm zu leben. Diese Extremheit kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Vollständig in ein ursprüngliches Leben einzutauchen, das wäre nicht mein Ding. teleschau: "Die weiße Massai" ist ein eher pessimistischer Film, was die Annäherungen der Kulturen betrifft, weil er impliziert: Sie ist im Endeffekt trotz dieser großen Liebe nicht möglich. Nina Hoss: Der Film hebt hervor, dass es sehr schwer ist. Er erzählt, dass man sehr viel mehr Anstrengung aufbringen muss als unter "normalen" Umständen. Es hängt genauso viel davon ab, wie die Gesellschaft auf einen reagiert. Der Film sagt nicht, dass es unmöglich, aber dass es problematisch ist. Nicht, weil die beiden nicht miteinander funktionieren, sondern weil die Gesellschaft ihnen einen Strick aus ihrer Gegensätzlichkeit dreht. teleschau: Carola ist diejenige, die vehement versucht, der kenianischen Gesellschaft ihre eigenen sozialen Bedürfnisse aufzudrängen. Nina Hoss: Das stimmt. Ein Problem ist natürlich, dass sie durch ihr neues Leben geht und sagt: "Wie kann ich hier existieren? Ich weiß, ich kann nicht nur von Ziegenfleisch und Ziegenmilch leben. Ich habe Erfahrung im Handel, wieso soll ich nicht ein Geschäft aufmachen?" Sie ist pragmatisch, hat eine Aufgabe, die ein Mensch aus unseren Breitengraden auch benötigt. Aber damit überfordert sie ihre Umgebung, weil eine Frau das dort nicht tut. Da fangen die Probleme an, und damit beginnt die Gesellschaft ein Problem für die Beziehung darzustellen. Denn die Einheimischen denken: Wenn sie sich derart männlich verhält, wird sie sich auch ansonsten wie ein Mann verhalten, sprich: Sie wird sicher fremdgehen und ganz viele Liebhaber haben. Ab diesem Moment verliert die Liebe ihre Basis, und es gibt letztendlich keinen Grund mehr, noch länger dort zu bleiben. teleschau: Ist diese Herangehensweise an eine fremde Kultur naiv oder ignorant? Nina Hoss: Naiv ist das sicherlich. Ignorant finde ich etwas hart, was Carola anbelangt. Wir sprechen hier über Carola, weil ich über Corinne Hofmann nichts sagen kann, ich kenne sie nicht wirklich. Sagen wir einmal so: Carola geht mit Scheuklappen durch ihr Leben. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass sie das muss, sonst hätte sie dort nicht leben können. Sie entscheidet, manche Dinge dort als gegeben hinzunehmen, aber nicht für sich selbst zu akzeptieren. Damit überfordert sie aber ihr Umfeld, auch wenn es eine gewisse Solidarität unter den Frauen im Dorf gab. Anders als im Buch ist das Verhältnis zur Schwiegermutter nicht ganz so schwierig. teleschau: Haben sie bei den Dreharbeiten auch eine gewisse Hierarchie der Männer gegenüber den Frauen zu spüren bekommen? Nina Hoss: Ja. teleschau: Wie äußerte sich das? Nina Hoss: Die Männer im Dorf gehen respektlos mit ihren Frauen um: Die Frau kommt nach der Ziege. Wir hielten uns beim Dreh sehr zurück und wollten nicht in die Kultur eingreifen. Doch einmal sahen wir, wie ein alter Mann ein Kind mit einem Holzstock verprügelte. Da stehst du auf einmal da und denkst: Wie soll ich mich verhalten? Einer vom Team ist schließlich hingegangen und sagte: "Ich weiß, es sind eure Traditionen. Unsere Tradition aber ist, dass es verboten ist, Kinder zu schlagen. Solange wir hier sind, möchten wir das nicht sehen und darum bitten, dass ihr unsere Tradition respektiert, sonst müssen wir eingreifen." Bei den Frauen ist das genauso: Die männlichen Krieger sind dort gottgleich, sie dürfen alles. Wenn eine Frau nur irgendwie falsch guckt, darf der Mann sie schlagen. Er ist der Patriarch, das merkst du dem Dorf an, der Gemeinde, der Gemeinschaft. teleschau: Klingt sehr nach einem Wilden-Klischee. Nina Hoss: Ich stellte mir beim Lesen des Buchs lauter geprügelte Frauen vor, aber so war es nicht. Sie waren vergnügt und herzlich, doch die älteren erstaunlicherweise mehr als die jüngeren. Ich glaube ganz einfach, die Älteren haben es hinter sich und sich mit ihrer Situation in gewisser Weise arrangiert. teleschau: Was empfanden Sie bei einer solchen Art des Aufeinanderprallens von Kulturen? Nina Hoss: Nun ja, oft dachte ich mir: Mein Gott, was richten wir bloß an? Innerhalb des Teams war es normal, dass wir uns umarmten, wenn wir uns begrüßten. Solch ein Verhalten ist den Dorfbewohnern völlig fremd: Selbst die Eheleute fassen sich nicht öffentlich an. Für sie waren wir die Exoten. Ich fühlte dennoch sehr stark, dass nach und nach auch andere Verhaltensweisen in diese Kultur einbrechen. Wir sprachen mit Frauen, die die Beschneidung als ungerecht empfanden, ihren Clan verließen und es sich zur Aufgabe setzten, zurückzukommen und andere Eindrücke zu vermitteln. Das braucht viel Zeit. Bei uns ist das auch noch nicht allzu lange her, erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Gleichberechtigung. Man darf nicht hingehen und sagen: Ihr macht das falsch, und nur wir wissen, wie's richtig geht. Wenn, dann muss man Ideen geben. teleschau: Ideen sind aber auch eine Form von Einmischung. Sehen Sie das nicht als etwas Problematisches? Nina Hoss: Ja, plötzlich kommt ein Tross von Lkw, Kameras und Lichtern in die Wüste - das hatten die Menschen dort noch nie gesehen. Sie waren neugierig. Zum Beispiel Christine, die im Film die kleine Schwester von Lemalian, Carolas Mann, spielt, lernte rasend schnell Englisch, während wir dort arbeiteten. Sie ist ein hochintelligentes Mädchen, das nun auf eine Schule geht, die unser Team ihr bis zum Abschluss finanziert. Für diejenigen, die man beeinflusst hat, muss man auch im Nachhinein die Verantwortung übernehmen, damit sie überhaupt die Möglichkeiten haben, sich entscheiden zu können. teleschau: Zieht es Sie selbst auch weg aus der westlichen Welt und hinein in eine andere Kultur? Nina Hoss: Nein. Ich stellte fest, dass mich das Leben dort schrecklich langweilen würde. Es gibt keine Bücher, keine Musik oder Ablenkung. So bin ich nicht aufgewachsen, da wird mein Gehirn nicht beansprucht. Das würde mich verrückt machen. Dort habe ich gemerkt, wie wichtig mir meine eigene Kultur ist, was sie für mich bedeutet. Ich bin ein Zivilisationsmensch. Ingo Gentner |
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