(tsch) Wer über Uwe Boll schreibt, sollte ihn mögen. Nicht nur, weil seine Filme so kontrovers sind, sondern weil er auf negative Kritik gerne mit körperlichem Entgegenkommen reagiert und Journalisten zu einem fairen Kampf Mann gegen Mann bittet. Boll schreibt Drehbücher, führt Regie, produziert und tut noch so einige andere Dinge im internationalen Entertainment-Business. Vorzugsweise verfremdet er Videospiele für die Leinwand, und weil ihm diesbezüglich immer wieder seine Qualität als Filmemacher abgesprochen wurde, zeigte er diesmal seine Produktion vorab nur ganz wenigen. Dabei muss er "Postal" nicht verstecken, die bitterböse Satire liegt nicht mehr wirklich in der Tradition von Ed Wood und hat sogar ob ihrer politischen Konsenskritik Chance auf ein größeres Publikum.
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Uwe Boll bringt zwei Dinge zueinander. Die Realität und dieses Videospiel, "Postal", in Deutschland nicht erschienen. Der Spieler ist ein Amokläufer, es gibt bizarre Variationen. Die Modi reichen von gesetzestreu bis gewaltintensiv. Der "Postal"-Typ aus dem Film, der Dude, lebt mit seiner dicken Frau im Trailerpark, bis er durch die Verkettung grotesker Zufälle in einen Kampf gegen die Taliban hineingezogen wird. Dann erinnert Hauptdarsteller Zack Ward an Michael Douglas, wie er dereinst in "Falling Down" durch die Straßen zog.
Boll hat diesen Mut, auf alle einzuschlagen. Irakkrieg, Osama Bin Laden, George Bush. Bevor die Geschichte beginnt, gibt es eine Art sinnfreien Prolog im Cockpit eines der Flugzeuge vom 11. September. Die beiden Terroristen diskutieren über die Anzahl der Jungfrauen, die ihnen für die Ewigkeit versprochen wurden und sehen sich am Ende ihrer Toleranz. Was soll Bin Laden machen, es gibt zu viele Märtyrer und zu wenig Jungfrauen, klagt er am Handy, was die Piloten dazu veranlasst, lieber Kurs auf die Bahamas zu nehmen. Doch die Passagiere brechen ins Cockpit ein. Der Rest ist bekannt.
Der Regisseur kennt keine Schmerzgrenze. Auch wenn "Postal" der harmlosere seiner beiden Ergüsse in diesem Jahr war - er drehte parallel den Horrorfilm "Seed" - , sollte man schwarzen Humor haben und nicht empfindlich sein. Aber es ist ja auch derselbe Boll, der schon 1992 "Barschel - Mord in Genf?" drehte und ein Jahr zuvor in "German Fried Movie" den Zynismus der Fernsehunterhaltung kritisierte. Damit war er zugegebenermaßen früh dran.
Boll-Hasser werden dem 42-Jährigen auch "Postal" nicht durchgehen lassen. Natürlich ist das ein B-Movie. Das streitet der Film auch zu keinem Zeitpunkt ab. Manchmal ist es nur Klamauk, ein gespielter Witz, den man schon oft gehört hat. Dummdreist. Dann wieder unfassbar geschmacklos, eingebettet in eine einigermaßen stringente Erzählweise. Ein Stuhl, der beim Vorstellungsgespräch immerzu nachgibt und den Arbeitssuchenden in eine wacklige Position bringt, das hat vermutlich schon Dieter Hallervorden in einem seiner frühen Sketche verwendet. Mr. Bean klärte bereits über die Wartezeiten in Krankenhäusern auf, und so entsteht nur ein kleines Déjà-vu, wenn der Dude im Sozialamt nichts Besseres zu tun hat, als bei einer Schießerei auf dem Boden herumzukrabbeln und die Nummer auf den Wartemarken der Toten mit seiner zu vergleichen.
Erzählt man den Inhalt, ist klar, dass Kopfschütteln eine adäquate Reaktion wäre. Jener arbeitslose Dude ist ein Verlierer. Deshalb plant er, nach einem versehentlichen Mord, mit seinem Onkel Dave (Dave Foley), Chef einer sexy Sekte, einen Coup. Ganz Amerika findet eine bestimmte Puppe toll. Da es aufgrund von Lieferproblemen - der Frachter mit der ersten Ladung ist gesunken - zu exorbitanten Ebay-Ergebnissen kommt, beschließen der Dude, sein Onkel und die Kampfhostessen mit nichts an, die im Freizeitpark "Little Germany" gelagerten Merchandise-Artikel zu klauen.
Dumm, dass die Al Quaida um Anführer Osama Bin Laden (Larry Thomas) in den Puppen einen tödlichen Vogelgrippe-Virus versteckt hat. So treffen die ungleichen Truppen aufeinander. Und einmal schaltet der Dude sogar in den "Gesetzestreuen"-Modus. Hanebüchen? Sicherlich.
Polizisten sollten keine alten Frauen erschießen, die bei Grün das Anfahren an der Ampel vergessen. Ballern statt Dramaturgie - damit sollte man sich abfinden.
Abgedroschene Hitlerwitze, ja, die mussten auch untergebracht werden. Und es dauert eine halbe Stunde, bis die verwirrende Vorstellung der Protagonisten abgeschlossen ist. Dann wird die Erzählung stringenter, und es geht los mit den Tabubrüchen aller Art. Auch wenn es hip ist, Herrn Boll und seinen Größenwahn zu verachten, unter der Hand und nach ein, zwei Bier wird der Film eben wegen seines Konglomerats von Witzen durchaus seine Anhänger finden.
Claudia Nitsche
Credits: V:Kinostar, USA / CDN / D 2007, R: Uwe Boll, D: Chris Coppola, Zack Ward, Ralf Moeller u.a.
Laufzeit: 107 Min.
Kinostart: 18.10.07
Postal Dude (Zack Ward) schießt wie ein Wahnsinniger um sich. (Kinostar Filmverleih)
Eine Szene, die es nur im Film geben kann: Osama bin Laden und George W. Bush Arm in Arm. (Kinostar Filmverleih)
Officer John (Ralf Moeller) greift durch. (Kinostar Filmverleih)
Datum: 16.10.2007
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Diskussion: "Postal" lesen
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