(tsch) Was braucht es für einen vollblütigen Horrorfilm? Große, blitzende Messer, lautes Geschrei, verzweifelt auf allen Vieren fliehende Opfer und vor Schrecken weit aufgerissene Augen? Rob Zombie reicht das bekanntlich nicht. Bei ihm muss das Blut wenn nicht in Sturzbächen, dann doch zumindest dickflüssig über die Leinwand wabern, die Gejagten müssen nicht nur kriechen, sondern dies auch noch nackt, und jene in verzweifelter Todesahnung geweiteten Pupillen mitsamt Augapfel wollen gerne auch einmal eigenhändig vom Bösewicht ausgedrückt werden. So gesehen in der "Halloween"-Verfilmung des Horror-Provokateurs, die nun in den deutschen Kinos anläuft.
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Zombie, ein talentierter Heavy-Metal-Rocker, der seine zweite Berufung im Filmschaffen gefunden hat und bereits mit den zwei obskuren, aber bei Genre-Fans begeistert aufgenommenen Schockern "Haus der 1000 Leichen" und "The Devil's Rejects" auf sich aufmerksam machte, plante schon lange eine eigene Version des John Carpenter-Klassikers "Halloween". Die von ihm selbst verfasste und inszenierte Geschichte setzt dort an, was bisher Quell tolldreister Spekulationen war: Wie also wurde der gestörte Michael Myers zum Massenmörder?
Bei Robert Bartleh Cummings, so der bürgerliche Name Zombies, kommt man nun schnell dahinter: Der junge Michael ist das Opfer einer dysfunktionalen Familie. Der launische Lebensgefährte seiner Mutter kümmert sich nicht um ihn, seine Schwester flirtet lieber mit gleichaltrigen Jungs, und Mutter muss sich in einem Striplokal ausziehen, um Geld zu verdienen.
Das hört sich alles normaler an, als es ist: Zombie macht es sichtlich Spaß, das Familienleben als Hölle auf Erden erscheinen zu lassen. Das Haus ein Dreckloch, der Stiefvater ein missratener Sadist, die Schwester eine frühreife Egoistin, die Mutter eine gebrochene Frau, die schon mit ihrer eigenen Situation heillos überfordert ist. Nur die jüngere Schwester, noch ein Baby, schlummert und gluckst mit sich selbst und der Welt zufrieden im Hintergrund. Als klein Michael irgendwann anfängt, Tiere auf bestialische Weise umzubringen und zu fotografieren, läuten selbst bei seinen Lehrern die Alarmglocken. Doch Michael macht, wie es sich für einen angehenden Serientäter gehört: Er läuft weg und tötet einen Schulkameraden, der ihn allzu lange getriezt hatte.
Es dauert nicht lange, um genau zu sein, bis zum 31. Oktober, dem Halloween-Fest, bis es kommt, wie es kommen muss: Während sich Mama zu "Love Hurts" an der Stange räkelt, hat Michael einfach keine Lust mehr, allein Süßigkeiten in der Nachbarschaft zu sammeln, und entschließt sich, seine Familie umzubringen - außer natürlich die liebe, unschuldige Schwester in der Krippe. Das bleibt nicht unbemerkt, und Michael wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.
Jahre vergehen, niemand wird schlau aus ihm, und irgendwann gelingt ihm der Ausbruch. Schüsse hallen, Blut spritzt, und eines der hartnäckigsten Stehaufmännchen der Filmgeschichte beginnt, sein mordendes Werk zu verrichten, eben dort, wo er seine kleine Schwester vermutet, die nun im Teenager-Alter sein müsste (und in den früheren Filmen von Jamie Lee Curtis gespielt wird).
Rob Zombie ist ein erzählerisch erstaunlich konventioneller Horrorfilm gelungen, der sich eng am Stil des Originals von 1978 orientiert. Doch wenn effektvoll Sperrholz splittert, Blut dickflüssig über Badezimmerfliesen rinnt oder die Kamera wahlweise halb- oder splitternackte Jungdarstellerinnen beinah schon obszön bei ihren vergeblichen Fluchtversuchen verfolgt, ist unübersehbar, dass der massenkompatible Gruselfilm (und dazu zählen keineswegs gewaltpornografische Exkurse wie "Saw" oder "Hostel") im 21. Jahrhundert angekommen ist und damit die wonnige Gänsehaut einem Mischmasch aus Würgreiz und Schockeffekten hat weichen müssen.
Wenn kurz vor der Ermordung eines weiteren Teenagers die Kamera zu ohrenbetäubenden Musikuntermalung zu zittern beginnt, mag der Zuschauer nur schwer unterscheiden, ob es sich um einen modernen dramaturgischen Kunstgriff handelt oder ganz simpel um euphorische Gewaltlust. "Halloween" ist nicht erwachsen geworden, sondern kindisch.
Leif Kramp
Credits: V:Senator, USA 2007, R: Rob Zombie, D: Scout Taylor-Compton, Malcolm McDowell, Tyler Mane u.a.
Laufzeit: 109 Min.
Kinostart: 25.10.07
Auch der erwachsene Michael Myers (Tyler Mane) schlägt wieder mit Maske zu. (Senator Film)
Der junge Michael Myers (Daeg Faerch) hat es sogar auf seine ältere Schwester Judith (Hanna Hall) abgesehen. (Senator Film)
Über zehn Jahre lang hat Dr. Loomis (Malcolm McDowell) den undurchschaubaren Mörder Michael Myers therapiert - leider ohne Erfolg. (Senator Film)
Datum: 21.10.2007
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