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"Euer Verlust, nicht meiner"Schauspieler Malcolm McDowell (tsch) Malcolm McDowell ist auf seine alten Tage zum Workaholic geworden. Er ist 64, dreht einen Film nach dem anderen, bearbeitet gerne auch mehrere Projekte parallel und findet immer noch genug Zeit, sich um seine vier Kinder zu kümmern. Zwei seiner Söhne aus der Ehe mit seiner dritten Frau Kelley Kuhr werden aber noch Jahre warten müssen, um die Filme ihres berühmten Vaters sehen zu dürfen: Darunter finden sich zwar auch Klassiker wie "Uhrwerk Orange", "Caligula" oder "Die Reise der Verdammten", schon diese nichts für Zartbesaitete. Aber auch zahlreiche B-Movies vor allem aus den 80er-Jahren, die vor Gewalt nur so strotzen. Seit den 90-ern ist McDowell aber wieder obenauf, feierte als Bösewicht in "Star Trek: Treffen der Generationen" sein Comeback und hat sich seither nur selten Urlaub genommen. Als gutherziger Psychiater kehrt er nun im massenkompatiblen Horrorfilm "Halloween" (Start: 25.10.) auf die Leinwände zurück - und erklärt nur allzu gerne, wieso er sich dazu überreden ließ. Im Interview spricht er außerdem über Hoch- und Tiefpunkte seiner Karriere, seine aktuellen Projekte und gibt Ratschläge an seine Tochter, die in seine Fußstapfen treten möchte. teleschau: "Halloween", ein Horrorklassiker, der Geschichte geschrieben hat ... Malcolm McDowell: Um ehrlich zu sein, habe ich nie den Originalfilm von John Carpenter gesehen. teleschau: Was bringt einen erfahrenen Theater- und Filmschauspieler wie Sie dann dazu, in der Neuauflage mitzuspielen? McDowell: Rob Zombie, der Regisseur. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte, als ich ihm das erste Mal gegenüberstand. Schließlich sieht er nicht gerade vertrauenserweckend aus. Eher abschreckend, wie Charles Manson: überall Tätowierungen, langer Bart und Haare. Aber wie sich herausstellte, ist er ein wirklich liebenswerter Kerl, mit dem ich sofort zurechtkam. teleschau: Hatten Sie keine Zweifel, in der x-ten Fortsetzung einer Filmreihe mitzuspielen, die von Kritik und Publikum zuletzt kaum noch beachtet wurde? McDowell: Zweifel waren nicht angebracht. Es gab ein völlig neues Team und auch einen neuen Ansatzpunkt für die Erzählung, indem die Vorgeschichte von Michael Myers das Thema ist. Außerdem habe ich es zu keinem Zeitpunkt allzu ernst genommen: Es ist nun mal ein Horrorfilm und keine anspruchsvolle Materie. Die Zuschauer sollen sich gruseln, aus ihren Sitzen hochschrecken und dabei Spaß haben. Es geht um Halloween, nicht um das Training des Intellekts. Manchmal dreht man halt solche Filme, da ist nichts Schlimmes dran. teleschau: Sie selbst sind immer noch britischer Staatsbürger, obwohl sie schon seit Jahrzehnten in Kalifornien leben. Fehlt Ihnen der Sinn für amerikanische Traditionen wie zum Beispiel Halloween? McDowell: Sie haben Recht: Halloween ist in Großbritannien tatsächlich größtenteils unbekannt. Aber nun lebe ich schon seit über 30 Jahren nicht mehr dort und lebe jedes Jahr den amerikanischen Grusel: Meine zwei Söhne, die noch sehr jung sind, verkleiden sich dann als Piraten und sind immer sehr aufgeregt, dass Papa mit ihnen von Haus zu Haus zieht, um Süßigkeiten oder Saures zu bekommen. teleschau: Wieso haben Sie sich niemals für die amerikanische Staatsbürgerschaft beworben? McDowell: Wieso sollte ich? Ich bin zufrieden und glücklich, so wie ich bin. Vielleicht werde ich es irgendwann noch mal angehen, aber es reicht fürs Erste, dass meine Kinder US-Bürger sind. Sie haben alle die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich mag dann und wann gerne daran zurückdenken, woher ich komme, und obwohl ich schon lange nicht mehr in Europa lebe, ist es schön zurückzukommen. Doch ich fühle mich weder als Brite noch als Amerikaner: Ich bin kein Nationalist, mir ist so etwas völlig schnuppe. Ich reise ständig rund um die Welt, also kommt es auch nicht wirklich darauf an, was in meinem Pass steht. teleschau: Mit über 100 Filmen und Fernsehprojekten sind Sie viel herumgekommen. Erinnern Sie sich gut an alle einzelnen Stationen Ihrer Karriere, oder haken Sie so etwas schnell ab? McDowell: Ich habe natürlich einige Dinge vergessen, was einfach daran liegt, dass mancher Film schnell vergessen werden will, weil er nicht wert ist, sich daran zu erinnern. Aber die schönen Filme, die guten Zeiten, die ich erlebt habe, sind in meinem Gedächtnis geblieben. Ich kann mich glücklich schätzen, mit einigen berühmten Regisseuren gearbeitet zu haben. teleschau: An welchen Film erinnern Sie sich besonders gerne? McDowell: "Uhrwerk Orange" ist natürlich ein früher Fixpunkt in meiner Karriere gewesen, vor allem ein persönlicher. Stanley Kubrick war ein Meister, der schon damals einen unvergleichlichen Nimbus besaß. Er hatte zuvor schon "2001 - Odyssee im Weltraum", "Dr. Strangelove", "Lolita" und "Wege zum Ruhm" gedreht. Er war der Steven Spielberg seiner Tage, der heißeste Filmemacher auf dem Planeten. Ich kann mich an keinen anderen Regisseur entsinnen, abgesehen vielleicht von George Lucas, der so sehr in alle Aspekte seiner Filme, vor allem auch die technischen, involviert war wie Kubrick. teleschau: War es für Sie rückblickend problematisch, bereits in jungen Jahren einen solchen Höhepunkt zu erreichen, noch bevor Ihre Karriere richtig starten konnte? McDowell: Es war zwar ein toller Film, aber als tatsächlichen Höhepunkt würde ich ihn zu mindestens für meine Person nicht bezeichnen. Als Schauspieler kann man froh sein, wenn man einen einzigen Karrierehöhepunkt hat. Dass ich an etwas teilhaben würde, was auch fast 40 Jahre später noch Relevanz besitzt, als Klassiker gilt und von jeder Generation neu für sich als Kult entdeckt wird, wusste ich natürlich damals natürlich nicht. Es hat mich also weder belastet, noch hat es mir Auftrieb gegeben. teleschau: Ihre Karriere verlief in starken Wellenbewegungen. Vor allem in den 80-ern hatten Sie mit schweren Sinnkrisen zu kämpfen und mussten sich wieder aufrappeln. Können positive Erinnerungen wie die gerade angesprochenen an die Zusammenarbeit mit Kubrick in solchen schwierigen Phasen helfen? McDowell: Natürlich gibt es in jeder Karriere Höhe- und Tiefpunkte. Ich habe es mir aber nie erlaubt, dem Filmgeschäft gegenüber zu emotional zu werden. Schließlich ist es ein Business, mehr nicht. Wer darin Erfolg hat, kann sich freuen. Doch niemals, wirklich niemals sollte man dem Irrglauben aufsitzen, es gehe um Persönliches. Das darf man nicht vergessen. Denn wenn es mal nicht so gut lief, sagte ich mir immer: Okay, dann ist es eben ihr Verlust, nicht meiner. Ich mache mit etwas anderem weiter, auch gerne im Theater. Mir wurde nie etwas geschenkt, zumindest habe ich nie etwas als ein Geschenk wahrgenommen. Und heute im Alter von 64 Jahren bin ich beschäftigter denn je. Selbst in jungen Jahren hätte ich mir ein solches Arbeitspensum nicht erträumt. teleschau: Woran arbeiten Sie gerade? McDowell: Ich habe ein Ein-Mann-Filmprojekt realisiert, in dem ich meine Beziehung zum Regisseur Lindsay Anderson aufarbeite, der mir den Weg ins Filmgeschäft geebnet hat. Der Film trägt den Titel "Never Apologize" ("Entschuldige Dich nie") und wird Anfang November in den Londoner Kinos anlaufen. Gerade war ich damit auf dem Filmfestival in Chicago und werde ihn auch in Los Angeles auf dem AFI-Festival in einigen Wochen vorführen. Zudem habe ich gerade einen weiteren Film an der Seite von Bob Hoskins mit einem jungen indischen Regisseur namens Neil Marshall abgedreht, der "Doomsday" heißt und in dem ich eine Art King Lear spiele. Ich muss meinen Stamm vor einer Virusplage retten, die den Planeten Erde heimsucht, indem wir nach Schottland fliehen und eine Art Hadrianswall errichten, wie es schon die Römer getan haben, um sich vor den Barbaren zu schützen. Nur dass wir uns vor den Infizierten abschotten wollen. teleschau: Das klingt wieder nach Horror ... McDowell: ... ist aber ein intelligentes futuristisches Szenario und wird bestimmt ein guter Film, aber natürlich nicht nur, weil ich eine positive Rolle spiele. teleschau: Auch in "Halloween" spielen Sie diesmal nicht, wie so oft, den Schurken: Achten Sie jetzt mehr darauf, sich sympathischer darzustellen? McDowell: Für mich sind alle Rollen irgendwie gleich, schließlich geht es ums Schauspielern, nicht darum, sich selbst zu verändern. Doch natürlich ist es innerhalb der Geschichte von Bedeutung, dass der Doktor ein offensichtlich guter Mensch ist. Doch wollte ich mich von meinem Vorgänger Donald Pleasence unterscheiden, den ich zu Lebzeiten sehr verehrt habe. Mir ist es, glaube ich, gelungen, zu keiner Kopie seiner Rolle zu werden. So habe ich den Doktor eben nicht sympathisch gespielt, sondern eher als egozentrischen Selbstdarsteller entworfen, der sein Buch über seinen ehemaligen Patienten verkaufen will. Ein bisschen Selbstdarstellung läuft ja auch dem Naturelle mancher Ärzte nicht vollständig zuwider. teleschau: Ihre bereits 26-jährige Tochter Lilly folgte Ihnen beruflich und arbeitet als Schauspielerin. Rieten Sie auch ihr, nicht abzuheben und lieber bescheiden zu bleiben? McDowell: Das würde voraussetzen, dass sie auf ihren alten Vater hört. (lacht) Ich würde ihr aber auch von selbst keine vermeintlich guten Ratschläge erteilen, es sei denn, sie bittet mich darum. Als sie mir vor einigen Jahren eröffnete, dass sie Schauspielerin werden wolle, fiel mir aber tatsächlich die Kinnlade herunter und ich hielt ihr vor, dass sie eine solch tolle Universität besucht habe und nun "nur" Schauspielerin werden wolle? Sie antwortete nur, ich sei schuld. teleschau: Und? Stimmt das? McDowell: Klar, Recht hat sie, das musste ich einsehen. Also gab ich ihr nur den einen Rat: "Lege dir eine dicke Haut zu. Du wirst sie brauchen." Ich hoffe, sie wird jemanden finden, wie ich ihn in Lindsay Anderson gefunden habe, der zu einem einflussreichen Teil meiner Jugend und meiner frühen Karriere wurde und immer an mich glaubte. In diesem harten Geschäft reicht es eben nicht, einfach nur Talent zu haben. Leif Kramp |
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