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Abbitte

Abbitte

(tsch) Das spätviktorianische England des Jahres 1935, ein nobler Landsitz. Schöne Menschen, die "very british" ihren Müßiggang pflegen und sich Beschäftigungen wie dem Schreiben widmen. Was zunächst klingt, als könnte James Ivory die Finger im Spiel haben, erweist sich im Kino als ein Kostümdrama, das sich selbst mit ungewöhnlichen Inszenierungseinfällen in neue Höhen des Genres katapultiert. Eine Bestsellerverfilmung des gleichnamigen Buchs "Abbitte" von Ian McEwans, für die der als britischer Shootingstar gefeierte 36-jährige Joe Wright verantwortlich zeichnet. Er durfte als jüngster Regisseur überhaupt in diesem Jahr die Filmfestspiele von Venedig eröffnen.

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Schon die für England ungewöhnliche Sommerhitze an diesem Tag auf dem Anwesen der Familie Tallis lässt einen stutzig werden. Die Natur rundherum steht in vollem Saft, alles scheint wie von allein zu gedeihen. Und spätestens wenn Cecilia (Keira Knightley) wie eine tropfnasse Nymphe im Unterkleid aus dem prächtigen Steinbrunnen steigt, flirrt die Luft.

Die arrogante Mine der Schönen ignorierend, zieht Robbie (James McAvoy), der Sohn der Haushälterin, für den diese Inszenierung bestimmt ist, die junge Frau mit den Augen aus. Er liebt Cecilia. Bis sie ebenfalls ihre intensiven Gefühle für den jungen attraktiven Mann zulässt, der dank einer Unterstützung ihres Vaters in Cambridge studieren konnte, vergehen noch ein paar Stunden. Und wie der Regisseur diese nutzt, ist ein Fest fürs Auge.

Die hier leuchtende Keira alias Cecilia beim Baden am See im Omalook mit Badekappe, der an ihr wie der letzte Schrei aus einem Hochglanzmodemagazin aussieht, Cecilia im extravagant geschnittenen smaragdgrünen Abendkleid, Cecilia feministisch angehaucht mit kurzen, verwuschelten Haaren und Zigarette im Mund. Auf Robbie wirkt die Angebetete wie eine einzige Provokation seiner inzwischen brennenden Leidenschaft und Lust. Er lässt in einem Brief mit unverständlichen Worten seinen Lauf. Ein Schreiben, das eigentlich nicht für Cecilias Augen bestimmt ist, aber schließlich zum Katalysator einer Liebeszene in der Bibliothek mit fatalen Folgen wird.

Auslöser des Dramas ist eine wichtige weitere Hauptfigur in diesem Liebesreigen: Cecilias 13-jährige Schwester Briony, glühend kühl dargestellt von Saoirse Ronan. Das altkluge und neugierige Mädchen möchte endlich zur Welt der Erwachsenen gehören und lebt seine Fantasie beim Schreiben aus. Soeben hat sie ihr erstes Theaterstück vollendet. Das durchdringende Geklapper ihrer Schreibmaschine gibt den nervösen Rhythmus in diesem ersten Teil des Films vor und verschmilzt auf raffinierte Weise mit der Filmmusik.

Für Briony soll das Leben der Literatur nacheifern, sollen Fiktion und Wirklichkeit ineinander aufgehen. Ihrem eigenen Dasein fehlt das Drama, ein Wendepunkt, der sie aus der Unschuld der langweiligen Kindheit, in der sie sich gefangen fühlt, herausreißt. Gepaart mit Eifersucht auf ihre Schwester und einem noch kindlichen Unverständnis für Sexualität beschuldigt sie Robbie eines schweren Verbrechens, das sich auf dem Anwesen in derselben Nacht zuträgt. Ihn bringt diese Aussage für Jahre ins Gefängnis, was aber nicht Cecilias Liebe für ihn zerstören kann.

Nach diesem einen, grandios inszenierten Schicksalstag für die Liebenden wechselt der Film in epische Breiten. Robbie kämpft als Soldat in Frankreich, die beiden Frauen in England als Krankenschwestern um das Leben der Verwundeten. Melodramatische Szene spielen sich an der Front und im Lazarett ab. Der Film mutiert zum Schlachtengemälde. Die Kamerafahrt über die apokalyptischen Zustände vor der Evakuierung der Briten in Dünkirchen hätte in einem Kriegsfilm großes Kino werden können. Hier aber wirkt das nach dem feinsinnigen Anfang wie das plumpe Hereinbrechen eines Hollywood-Blockbusters. Versöhnt wird man Ende mit dem Film nur durch das Wiedersehen mit der gealterten Briony (Vanessa Redgrave), die erklärt, wie sie denn nun "Abbitte" für ihre Tat geleistet hat.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Universal, GB 2007, R: Joe Wright, D: Keira Knightley, Vanessa Redgrave, James McAvoy u.a.

Laufzeit: 123 Min.

Kinostart:
08. November 2007


Cecilia Tallis (Keira Knightley, links) und ihre Schwester Briony (Saoirse Ronan) haben sich beide in Robbie Turner verliebt.
Cecilia Tallis (Keira Knightley, links) und ihre Schwester Briony (Saoirse Ronan) haben sich beide in Robbie Turner verliebt. (2006 Universal Studios / Alex Bailey)

An der Front muss Robbie Turner (James McAvoy) immer wieder an Cecilia denken.
An der Front muss Robbie Turner (James McAvoy) immer wieder an Cecilia denken. (2006 Universal Studios / Alex Bailey)

Die junge Briony (Romola Garai) behauptet, eine Vergewaltigung beobachtet zu haben.
Die junge Briony (Romola Garai) behauptet, eine Vergewaltigung beobachtet zu haben. (2006 Universal Studios / Alex Bailey)

Datum: 07.11.2007

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Diskussion: "Abbitte"

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