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Free Rainer - Dein Fernseher lügt(tsch) Es soll tatsächlich Fernsehmacher jenseits der öffentlich-rechtlichen Parallelwelt geben, denen etwas an guten Programmen liegt. Doch Menschen wie Roger Schawinski sind zum Scheitern verurteilt. Der ehemalige Sat.1-Chef hat den kulturellen Untergang des Abendlandes in seinem Buch "Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft" beschrieben. Schawinskis Abrechnung mit dem Privatfernsehen beschreibt, dass die Gewinnmaximierung der Sender einhergeht mit der Gehirnminimierung der Zuschauer. Quote macht dumm, die Dummen machen Quote. Ein einfacher Mechanismus, der viel diskutiert wird, den aber niemand ändern will. Außer Hans Weingartner, der mit seinem wütenden und unterhaltsamen Kino-Pamphlet "Free Rainer - Dein Fernseher lügt" zum Widerstand gegen die Tyrannei der Quotenmeter aufruft. Anzeige Wie schon in "Die fetten Jahre sind vorbei" zeigt sich der Österreicher Weingartner als Revoluzzer und ruft zum Widerstand auf. Nach dem Kampf gegen gesellschaftliche Apathie und den Verrat politischer Ideale an den kleinbürgerlichen Wohlstand geht es nun, wie in der letzten Szene des Vorgängerfilms angekündigt, gegen die Massenverdummungswaffe Fernsehen. "Free Rainer" konzentriert sich dabei auf das Wesentliche, hier hat Weingartner dazugelernt. Woran die "Fetten Jahre" noch krankten, wird auf einen scheuen Kuss am Ende reduziert: Es gibt keine Liebesgeschichte mehr, die dem Anliegen des Films im Weg steht. Also bleiben die gar nicht so lang wirkenden 138 Minuten dem Kampf gegen die geistige Unterdrückung aus dem TV vorbehalten. "Im Seichten kann man nicht ertrinken", rechtfertigte der frühere RTL-Chef Helmut Thoma etwaigen Schwachsinn, den das Privatfernsehen durch den Äther schickt. Dieser Maxime hat sich auch Rainer (Moritz Bleibtreu) verschrieben. Der junge, hippe, koksende Fernsehproduzent ist der Star seines Senders und macht mit kalkuliertem Blödsinn Quote. Sein letzter Coup: "Hol' Dir das Superbaby" bei dem die Schnelligkeit der Spermien von drei Kandidaten darüber entscheidet, mit wem eine fortpflanzungswillige Studentin zum verordneten Geschlechtsverkehr antritt. Das Schlimme an dieser Weingartner-Fantasie ist nicht die offensichtliche Dummheit der Sendung, sondern ihr durchaus denkbarer Ausbruch aus dem fiktiven Dasein. Rainer erträgt seine Verbrechen am Intellekt der Zuschauer mit Kokain, Alkohol und einem schnittigen Sportwagen. Bis ihm eines Tages Pegah (eine echte Entdeckung: Elsa Sophie Gambard) vor den, respektive in den Karren fährt. Die junge Frau macht Rainer für den Tod ihres Großvaters verantwortlich, eine oberflächliche Reportage-Sendung hatte den ehemaligen Schwimmtrainer in den Selbstmord getrieben. "Du kannst mich unmöglich mehr hassen, als ich mich selbst", der gedankenlose TV-Macher entdeckt sein Gewissen wieder und versucht, Qualität und Quote zusammenzubringen. Wer die Realität der deutschen Fernsehlandschaft kennt, weiß um die Erfolgsaussichten solcher ambitionierten Projekte. Die Quote ist unterirdisch, Rainers Versuch erstickt im Keim. "Kein Mensch ist so blöd, wie die Shows die wir produzieren", sind seine letzten Worte im Sender. Dann fängt er an zu kämpfen. Die Quoten entscheiden über Erfolg und Nichterfolg von Sendungen, also ist das doch der richtige Ansatzpunkt. Und da es nur 5.500 Quotenmeter gibt, kleine Boxen, die das Sehverhalten der Testfamilien zur Gesamtquote hochrechnen, sollte das nicht allzu schwer sein. Zusammen mit Pegah, dem Verschwörungstheoretiker Phillip (Milan Peschel) und einer kleinen Gruppe Außenseiter erklärt Rainer der Quotentyrannei den Krieg. "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler", ist noch so ein Zitat von Helmut Thoma. Hans Weingartner widerspricht mit "Free Rainer" vehement und bezieht damit eindeutig Stellung: Wenn die Sender vernünftiges Programm ausstrahlen, dann schauen sich die Menschen das auch an. Das mag utopisch sein, aber ohne Utopien gibt es keine Veränderungen. Rainers Rächer der Zuschauerintelligenz hieven Dokumentationen, Büchersendungen, Fassbinder-Filme auf die vorderen Quotenplätze und sorgen damit tatsächlich für eine Kulturrevolution. Die Sender passen sich an und den Menschen gefällt das neue Programm. Das Fernsehen ist keine Beruhigungspille für die Massen mehr, es strukturiert nicht mehr den Alltag, sondern es ist Kommunikationsmittel, Ideen- und Impulsgeber für mündige Bürger in einem geistigen Frühling. Natürlich ist "Free Rainer" polemisch und einseitig, aber wer möchte nicht Weingartners Fantasie folgen? Fernsehen, dass unterhält und bildet und nicht abstumpft und verdummt, wie schön wäre das? Herrlich subversiv und mit viel Lust an der Anarchie hat Hans Weingartner seine Geschichte inszeniert. Realität und Satire vermischen sich zu einer bitterbösen Analyse des Ist-Zustandes der manipulierten Öffentlichkeit. Der rebellische Look, herrliche Übertreibungen und hervorragende Darsteller machen "Free Rainer - Dein Fernseher lügt" zu einer durchweg unterhaltsamen und teilweise rasanten Medienkritik, die - ein Blick in die Programmzeitschrift genügt - keinen Augenblick zu spät in die Kinos kommt. Andreas Fischer |
Credits: Laufzeit: 138 Min. Kinostart:15. November 2007 |
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