(tsch) Bei der Berlinale 2003 war es aussichtslos, eine Karte zu Martin Gypkens Debüt "Wir" zu bekommen. Der Episodenfilm sprach sich in Lichtgeschwindigkeit herum, weil der gebürtige Bonner so exzellent mit seinen zwölf Darstellern jonglierte, für die es darum ging, Entscheidungen zu treffen. Jetzt verknüpft er die Geschichten von Judith Hermann zu seinem nächsten Kinofilm und drehte mit einer exzellenten jungen Schauspielerriege, nur um zu beweisen, dass sein Erfolg kein Zufall war: "Nichts als Gespenster".
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Die Island-Geschichte aus dem Erzählband der populären Schriftstellerin, war es, die Gypkens zunächst faszinierte. Vier Jahre zuvor hatte er die Karibik-Episode aus ihrem anderen Buch "Sommerhaus, später" gelesen. So kam er auf die Idee, diese gegensätzlichen Wahrnehmungen parallel zu montieren. Die Hitze dort und die verschneite Kälte quasi am anderen Ende der Welt, doch die Gefühle und Sehnsüchte sind die gleichen.
Der wehmütige Tonfall von Judith Hermann faszinierte ihn und dass man bei ihr so viel vom Großen im Kleinen entdecken konnte, ohne Abgleiten der Grundstimmung ins Depressive. Nuancen machten das Geschriebene aus, die kleinen Begebenheiten, die letztlich das Leben in eine neue Richtung bringen.
Entscheidungen stehen auch bei den Protagonisten von Gypkens "Nichts als Gespenster" an. Entscheidungen von Menschen, die nicht mehr so jung sind wie die Berliner Clique aus "Wir". Folgerichtig ist sein Nachfolgewerk auch nicht so laut wie das Debüt. Es geht nicht um Party, sondern um die Frage, ob man so weitermacht wie bisher. Weggehen, Reisen ist ein probates Mittel, um sich und die anderen aus der Distanz zu sehen. Und so reisen sie alle. Das Pärchen (Maria Simon und August Diehl), das an dem Punkt angelangt ist, an dem Kleinigkeiten nerven. Die guten Freunde (Wotan Wilke Möhring und Ina Weisse), die nach einer gescheiterten Beziehung Abwechslung in Island suchen, oder Nora (Jessica Schwarz) und Christine (Brigitte Hobmeier), die den Ex-Freund (Janek Riecke) der Ersteren auf Jamaika besuchen.
Entschlossen blendet der Regisseur von einem zum anderen und schafft es auf wiederum beinahe magische Weise, den Zuschauer nicht zu verwirren. Dabei mag die Wahl der Schauspieler etwas helfen, Gypkens versammelte die Crème de la Crème um sich.
Wotan Wilke Möhring darf der Womanizer sein, August Diehl endlich mal den Rebell ohne Außenseitercharakter spielen, dafür spricht Fritzi Haberland auf ihrem Italien-Trip so gut wie kein Wort.
Stimmungsvolle Bilder an tollen Schauplätzen können auch Momente der Stille festhalten, obwohl es genau die sind, vor denen die meisten davonlaufen. Die Ausschnitte dauern nie lange, wirken aber zu keinem Zeitpunkt hektisch. Vielmehr erklären sie die Fragilität von Beziehungen - egal, wie flüchtig oder beständig sie sind. Licht, Schatten und Schweigen geben den Figuren Raum. So können Stimmungen realistisch umschlagen. Ein Kaffee kann retten, ein Buch töten. Bei Gypkens läuft es eben nicht wie gedacht, das Spiel mit dem Feuer endet nicht zwangsläufig mit einer Explosion.
Und doch wird Trauriges nicht zufällig transportiert: Wenn Felix (Diehl) fünf Schritte hinter seiner Freundin Ellen (Simon) läuft, spürt man, dass er sie gar nicht einholen will, obwohl nichts Aufregendes dargestellt wird. Ein Klavier riecht nach Herbst, nach Vorbei. "Nichts als Gespenster" ist voller Poesie. Doch erst zuletzt beweist der 38-jährige Regisseur seine Größe. Dann, wenn er sein Publikum aus dem Film wirft und man sich genau so fühlt wie in dem Moment, wenn einen der Flieger wieder zu Hause ausspuckt. Dieses Gefühl, festhalten zu wollen an diesen Menschen, ihren Geschichten, macht deutlich, wie gut Gypkens ist.
Claudia Nitsche
Credits: V:Senator, D 2007, R: Martin Gypkens, D: Maria Simon, Jessica Schwarz, August Diehl u.a.
Laufzeit: 119 Min.
Kinostart: 29. November 2007
Felix (August Diehl) hat sich den Trip durch Amerika irgendwie anders vorgestellt. (2006 Senator Film)
In einer Bar in Nevada denkt Ellen (Maria Simon) über ihre Beziehung mit Felix nach. (2006 Senator Film)
Christine (Brigitte Hobmeier, links) und Nora (Jessica Schwarz) entdecken Jamaika. (2006 Senator Film)
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