Leander Haußmann
Anecken, nicht stillstehen(tsch) Selbst wenn man nur den kreativen Bereich betrachtet, ist Leander Haußmann mindestens in seiner zweiten Karriere. Fünf Jahre war er Intendant am Schauspielhaus Bochum, wollte ein junger Wilder sein. Anecken galt ihm als Kompliment. Als er im Jahr 2000 das Theater verließ, war mit seinem Kinodebüt "Sonnenallee" der Anker Richtung nächster Station schon geworfen. Der in Sachsen-Anhalt geborene Schauspieler und Regisseur verwob seinen Überraschungserfolg mit "Herr Lehmann" (2003) und "NVA" (2005) zu einer Trilogie. Und nun? Backt er große Brötchen. Der von ihm verfilmte amerikanische Ratgeber ist ein Bestseller, und "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" (Kinostart: 29.11.) daher erstmals kein Nischenprodukt. Wie passt dessen Klischeekomik zum Filmemacher, der sich gerade aus dem eigenen Nest wirft?Die Liaison mit dem Mainstream gestaltet sich undramatisch. Der Endvierziger schafft Distanz zu dem Beziehungs-Eiertanz, den Benno Fürmann und Jessica Schwarz aufführen, indem er als Erzähler fungiert, geschickt kommentiert und den Zuschauer auf seine Seite zieht. Motto: Der Kampf der Geschlechter ist banal, aber beschäftigt uns alle dennoch. Wendig, agil und eloquent ist er auch im Gespräch, das zur Melange aus Kaffeekränzchen und Stammtisch wird, bei dem man über all die Dinge spricht, die sonst zu kurz kommen. Schnell in seinen Antworten, sprudeln die Themen aus ihm heraus. Er liebt den Widerstand wie das Spiel mit Worten, weiß, was er noch üben muss und wendet sich an die jüngere Generation, mit der er oft arbeitet - vielleicht auch feiert, so wie gestern Abend bei einer Premiere. Als erklärter Gegner jeder Mittelmäßigkeit macht ihm ein Interview am nächsten Mittag nichts aus. Auch dass der Bestseller, den er charmant naiv verfilmte, eher Mittelmaß denn Klassiker ist, sieht er gelassen. "Verachtung gegenüber populärer Literatur oder Ratgebern kann ich nicht nachvollziehen. Ein Buch oder ein Film hat den Zweck zu unterhalten. Als Jugendlicher habe ich zu lesen angefangen, weil Tom Sawyer mich unterhalten hat. James Joyces 'Ulysses' war ein interessantes Sprachexperiment, heute würde ich das nicht mehr lesen. Ein amüsanter Erzähler zu sein - wie beispielsweise Oscar Wilde - darum geht es. Alles andere ist uninteressant. Wenn man lernen, es kompliziert haben will, soll man in eine Vorlesung gehen oder die zehnte Klasse nachholen und noch mal die Langeweile empfinden, wie damals, als man aus dem Fenster schaute auf die sich bewegenden Zweige der Bäume, das Gequatsche der Lehrer, die in Routine verfallen, einen aufgegeben hatten. Wenn man das will, kann man sich an 90 Prozent aller Lehrer in Deutschland hängen." So sieht eine Antwort von Leander Haußmann aus. Man gebe ihm eine Grundlage und er blüht auf. So ist das auch bei Drehbüchern. Liest er die erste Fassung, versucht er Einfluss zu nehmen. "Bei 'Sonnenallee' tat ich das noch mit dem Holzhammer. Man kann Autoren auch den Schneid abkaufen, wenn man sie behindert. Ich musste lernen, eine Balance zu finden, ihnen zu vertrauen. Das tun die wenigsten Regisseure. Aber mittlerweile weiß ich", er grinst, "dass Autoren keine schlechten Menschen sind und etwas können, was ich nicht kann: nämlich eine weiße Seite beschriften. Ähnlich beim Drehen: Erst wenn ein Motiv und die Schauspieler im Kostüm da sind, geht's für mich los." Doch wie sieht das aus? Ist die Atmosphäre entspannt, oder braucht der hellwache Regisseur im Entstehungsprozess Reibungsflächen? "Für einen Produktionsleiter bin ich der blanke Horror, habe ich mir sagen lassen. Da ist was dran, weil ich mich nicht scheue, alles umzuwerfen und neu zu machen. Das führt zu einem Vertrauensbonus bei Schauspielern. Ich verwende kein Material, das Schrott ist, weil wir keine Zeit haben. Filmemachen ist bei aller Geldknappheit kein sportiver Moment. Wenn ich mich durchsetze, sind am Ende alle Beteiligten über den zusätzlichen Drehtag dankbar." Nach acht Jahren hat er gewisse Routine. Routine? Zwei Worte hasst er: Profi und Routine. "Die benutzt gern das Mittelmaß, ich versuche sie nicht zu verwenden, weil ich so ungern Mittelmaß bin. Kunst muss den Anspruch haben, darüber hinauszugehen. Ich misstraue Szenen, die unoriginell sind. Wozu Sex zeigen? Wir wissen ja, wie Menschen miteinander schlafen. Für den Film bedeutet das, Sex muss eine Idee haben. Man muss vergessen, dass man die Geschichte kennt, an 'Romeo und Julia' sogar mit der Hoffnung herangehen, dass die beiden überleben." Anderssein ist sein Credo, das er auch der jüngeren Generation empfiehlt: "Wenn alle furchtbar finden, was du vorhast, mach es. Es könnte ein Erfolg werden. Du musst sie überzeugen, je mehr Zweifler da sind, desto mehr musst du für dich selbst klarstellen, ob du das willst. Ich verstehe nicht, warum es bei Preisverleihungen eine Schelte an jene gibt, die nicht an ein Projekt geglaubt haben. Die fördern es, zwingen dich, die Geschichte so zu erzählen, dass sie sie verstehen. Ich selbst kann das auch nicht besonders gut, würde mir kein Geld geben. Also muss ich üben!" Er zündet sich eine Zigarette an, geht einen Schritt weiter: "Das Lob derer, die mich kritisch sehen, ist sehr viel wert. Loben dürfen nur die, die dich auch tadeln. Selbst meinem Sohn sage ich, er muss davon ausgehen, dass ich sein größter Kritiker bin, aber das ist meine Art, ihm Respekt zu zollen. Was soll ich immer nur sagen", er imitiert eine großmütterliche Stimme, "Mein Sohn ... !" Wer ahnt, dass Geschwindigkeit im Leben von Leander Haußmann eine Rolle spielt, wird bestätigt. Der Mann, der da sitzt, pulsierend, immerzu auf dem Aussichtsturm, ist jemand, der zu klaren Cuts imstande ist. Sonst würde er vermutlich den Überblick verlieren. Ein Film ist erledigt, wenn er fertig ist. "Ich schaue ihn mir nicht mehr an. Er hat ohnehin sehr viel Lebenszeit verbraucht. Schon beim Drehen bin ich im Kopf beim nächsten Projekt und beim Schneiden sowieso. Ich werde verrückt, wenn ich einen Film mache und nicht weiß, was danach kommt." Gerade in der Übergangszeit von der Intendanz zum Regiestuhl muss ihn ob der ungewissen Zukunft von Zeit zu Zeit der Zweifel ereilt haben. Doch Krisen, weiß er, sind das Kreativste überhaupt. "Sie sind wichtig, um sich nicht zu wiederholen. Ich habe vielleicht 50 Inszenierungen am Theater gemacht, das reicht für mich. Du bemerkst, die Kritiken werden immer schlechter, du langweilst dich bei deiner Arbeit. Irgendwas stimmt nicht mehr. Schlechter zu werden ist ein Schicksal, das uns alle ereilt. Da ich aber wahnsinnig gerne plappere, Geschichten erzähle, gab es drei andere Möglichkeiten. Songs schreiben kann ich nicht, für Romane fehlt mir die Disziplin, alleine schreiben ist mir zu einsam. Also Filme machen, und da war mein Glück, dass ich Detlev Buck getroffen habe und BojeBuck es mit mir versucht haben. Es waren alles riskante Projekte: Auf 'Sonnenallee' hat keiner einen Pfifferling gegeben, genauso wie auf die Bier trinkenden Leute von 'Herr Lehmann', und auf 'NVA' schon gar nicht. Ebenso wenig würde einer auf die Idee kommen, ein Sachbuch zu verfilmen. Deswegen haben wir die Rechte unkompliziert bekommen." Ganz einfach ist auch die Botschaft, die er in "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" losschickt: Geschmückt von James-Last-Kompositionen und Vergleichen mit der Steinzeit, erklärt der Regisseur: "Ihr lebt gut, wenn ihr ein paar Klischees aufrechterhaltet. Man muss nicht alles aufs persönliche Schuldenkonto legen. Nein, es war die Evolution! Dass mein Kopf automatisch nach hinten gezogen wird, wenn eine Frau vorbeigeht, dafür kann ich nichts. Alle Männer haben das. Dem nicht nachzugeben, ist eine extreme Konzentrationsaufgabe. Wenn ich mit Annika unterwegs bin, mach ich's einfach und sag 'Entschuldigung, kann nicht anders.'" Annika Kuhl ist seit zehn Jahren Haußmanns Lebensgefährtin und die Mutter seiner dreieinhalbjährigen Tochter. Sie tauchte bisher in beinahe jedem seiner Filme auf, auch im gerade abgedrehten "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" wird sie dabei sein. Neue Ideen? "Es gibt da noch ein verfilmenswertes Sachbuch, 'Das Peter-Prinzip'." Nebenbei der letzte Ratgeber, den er gelesen hat. Beschrieben werden darin die Gesetzmäßigkeiten für eine vielerorts herrschende Unfähigkeit. Laurence Peter belegt, dass man in Hierarchien zwangsläufig an einen Posten gerät, für den man sich nicht eignet. So ist ein guter Lehrer eben nicht unbedingt ein guter Direktor. "Ironische Soziologie" nennt das der Mann im legeren Künstlerlook. Er habe auch etwas für sich selber gefunden, "Aber da möchte ich jetzt nicht drüber sprechen." Theoretisch könnte er jetzt nach Hause gehen, die Beine hochlegen. Kommt nicht in Frage, weder heute noch am Wochenende: "Statt im Premierenloch zu verweilen, beschäftige ich mich sofort mit etwas anderem. Rumsitzen, einen Sonntag einfach so verbringen, kann ich nicht, nach zwei Stunden werde ich verrückt. Nicht, weil ich Workaholic bin, sondern weil ich mir dann lieber Dampfloks ansehe oder ein Computerspiel mache. Am allerwenigsten interessiere ich mich übrigens für das Theater als Freizeitvergnügen." Und fasst zusammen, was er das ganze Gespräch über erklärte: "Stillstand ist ein Graus!" Claudia Nitsche |
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