Die Kraft der zwei Herzen? Von wegen. "2 Hearts", der Opener des neuen Kylie-Minogue-Albums "X", zeigt's deutlich: Die Australierin agiert unter ihren Möglichkeiten. Die eher behäbig schleppende und wenig modern produzierte Glam-Nummer schafft es nicht - sieht man von dem ganz netten "Wooh" ab, sich im Gehörgang festzusetzen. Doch im weiteren Verlauf gewinnt "X" an Fahrt - und zeigt Kylie natürlich als Kämpferin, aber vor allem als fleißige Wiederkommerin, als Stehaufmädchen der Popmusik. Impulse setzt sie keine. Was Microsoft Windows für Computer, ist sie für Popmusik.
Bedeutet: Dieses monströse Comeback vor sieben Jahren, das sie mit Stücken wie "Your Disco Needs You" oder "Kids" als 2.0-Variante ihrer Selbst, als überstilisierte und campe Leitfigur einer Generation Tanzboden zeigte, wird nicht erweitert oder ausgebaut, sondern eher ein Stück zurückgenommen. "X" ist aktuelle Popmusik, so einfach ist das. Ohne doppelten Boden, ohne eine übertrieben hedonistische Schlagseite, mit der erwarteten Clubverankerung. Dazu zelebriert Minogue, das zeigt zum Beispiel "In My Arms", dass sie auch das noch kann, was sie in den 80er-Jahren nach vorne schob und was man eher verdrängt hatte: belanglos trällern. "Speakerphone" nimmt das anschließend etwas zurück, setzt auf einen kalten Analog-Synthie als Rhythmusgeber und Vocoder-Effekte auf der Stimme. Da fällt ihr dann doch noch kurz ein, dass nicht nur der Hörer, sondern auch sie die Disco braucht.
Insgesamt also eine wenig aufregende, aber durchaus solide Angelegenheit. Allein, die Höhepunkte, die sind schwierig auszumachen. "Heart Beat Rock" gefällt, klingt aber geradezu unverschämt nach Gwen Stefani. "The One" ist schöner Midtempo-Pop, in Feinarbeit für die große Live-Revue zusammengedengelt. Kann man sich gut vorstellen, wie da ein paar zehntausend Leute steil gehen, wenn die ersten Keyboard-Töne erklingen. Dass der Refrain nur mittlerer Durchschnitt ist, wird nicht groß auffallen. Großartig ist der Future-Funk-Beginn von "Wow", immer noch sehr fein "Cosmic", mit dem die Platte endet. Vielleicht der einzige Song, der so etwas wie einen Blick in das Innere der Sängerin ermöglicht.