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Jean Michel Jarre

Den Beats eine Seele

Musiker Jean Michel Jarre

(tsch) Vor 30 Jahren machte Jean Michel Jarre auf die Zerstörung unserer Umwelt aufmerksam. Seiner Zeit war er damit weit voraus. Nicht nur, was seine Wahrnehmung brisanter Themen, sondern auch was die Musik anging. "Grenzen sind wichtig", sagt Jean Michel Jarre heute. Eben diese definierte er damals neu, indem er sie 1976 erst einmal auflöste. Mit "Oxygene" zeigte der Franzose, der sich von Beethoven und Mahler inspirieren lässt, was im Bereich der Klangphysik alles möglich ist. Eine neue Musik war geboren, Elektro. Nun feiert Jarres wegweisendes Album, das den Grundstein zu seiner Karriere legte, Jubiläum und wurde aus diesem Anlass neu veröffentlicht. Ein Sieg für die Sache, findet Jean Michel Jarre. Im Interview blickt der inzwischen 59-jährige Soundtüftler und Vater der elektronischen Musik auf 30 Jahre Technik zurück - eine Entwicklung, die viel Gutes, aber auch Gefährliches in sich birgt.

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teleschau: Wie war es für Sie nach 30 Jahren, "Oxygene" erneut aufzunehmen, aber mit technisch viel besseren Möglichkeiten?

Jarre: Ich wollte das Album nur mit den analogen Instrumenten der damaligen Zeit, ohne Computer, ohne Mac oder Sequenzers performen. Das finde ich wichtig in Zeiten, in denen alles produziert und pre-recorded wird. Da ist ein Auftritt dieser Art im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig.

teleschau: Zum Re-Release von "Oxygene" kramten Sie nochmals all die alten Instrumente von 1976 hervor?

Jean Michel Jarre: Es war eine gute Gelegenheit, diese Geräte neu zu entdecken, die ja Teil der Mythologie der elektronischen Musik sind.

teleschau: Was ist Ihr liebstes von all diesen technischen Spielzeugen?

Jarre: Der Putney, besser bekannt als VCS3. Das war mein erster Synthesizer, mit ihm entstanden meine ersten Arbeiten. Ein weiteres ist das Melotron. Die Moog-Syntheziser schätze ich auch sehr.

teleschau: Waren die Aufnahmen eine Rückkehr zu Ihren musikalischen Wurzeln?

Jarre: Vielmehr will ich damit jenen Leuten Tribut zollen, die diese großartigen Instrumente erfanden. Ohne sie gäbe es all die DJs und Soundtüftler von heute nicht. Es gibt so viele legendäre Instrumente in der Rock'n'Roll-Geschichte. Aber die Leute wissen oft nicht, dass es bereits in den 60-ern auch analoge Instrumente für elektronische Musik gab.

teleschau: War es damals nicht schwierig, an diese für den damaligen Stand der Technik hoch entwickelten Geräte ranzukommen?

Jarre: Ich begann mit drei oder vier Instrumenten. Ich nahm meine Tracks zu Beginn in einer Art Heimstudio auf. Instrumente wie das Melotron oder Moog waren zu der Zeit in der Tat sehr selten.

teleschau: Und sicher auch recht kostspielig ...

Jarre: Ich verkaufte meine elektrische Gitarre und einen Kassettenrekorder, um meinen ersten Synthesizer zu kaufen.

teleschau: Was waren die ersten Platten, die in Ihrem Regal standen?

Jarre: "What'd I Say" von Ray Charles, das ist recht unbekannt, und "Apache" von The Shadows.

teleschau: Inwiefern beeinflusste die technische Entwicklung Ihre Art des Musikmachens?

Jarre: Die digitale Ära änderte alles. Computersoftware wirkte sich stark auf die Art aus, wie wir an Musik herangehen und wie wir Musik, auch Kunst im Allgemeinen verstehen. Alles kann archiviert, gespeichert werden. So haben wir viele Vorteile. Dadurch ist uns aber auch ein wenig die Seele, eine gewisse Spontaneität und Risikobereitschaft verloren gegangen.

teleschau: Wie erhalten Sie Ihrer Musik die Seele?

Jarre: Die Neuaufnahme von "Oxygene" soll Folgendes veranschaulichen: Man kann auf seinem Mac mit dem Photoshop malen oder mit einem Pinsel in der Hand. Man muss nicht die Bewegung des Pinsels speichern, um wirkungsvoll zu sein. Die analogen Instrumente, die ich in "Oxygene" verwende, sind wunderbare Werkzeuge, um wieder die eigenen Instinkte aufzuwecken.

teleschau: Fühlen Sie sich hin und wieder begrenzt in Ihren musikalischen Möglichkeiten? Kann der technische Fortschritt manchmal nicht mithalten mit Ihrer Vorstellung, wie Sie bestimmte Dinge ausdrücken wollen?

Jarre: Grenzen sind wichtig, sie sind Teil der Kreativität. Die größte Gefahr ist, keine Grenzen zu haben, sich selbst zu verlieren. Dass es der heutigen Kunst zunehmend an Verrücktheit fehlt, liegt daran, dass die Technologie konstant unbegrenzte Möglichkeiten offenbart. Um verrückt zu sein, braucht man Grenzen. Denn das Gehirn und die Gefühle können die Flut an unbegrenzten Möglichkeiten sonst gar nicht bewältigen. Ohne Grenzen kann man seine Vorstellung nicht fließen lassen.

teleschau: "Oxygene" erzeugt beim Hören zahlreiche Bilder vor dem inneren Auge. Welche Vorstellungen begleiteten Sie, als Sie es komponierten?

Jarre: Das macht das Album so originell. Es ist ein Stück visuelle Musik. Meine Vorstellungen sind dabei aber nicht wichtig. Was zählt, sind die Bilder, die der Hörer im Kopf hat. "Oxygene" ist Musik, mit der man seinen eigenen Film ablaufen lassen kann. Die Bilder in Ihrem Kopf werden andere sein, als die in meinem oder dem von jemand anderem.

teleschau: Es kommen viele Geräusche aus der Natur vor, wellenähnliches Rauschen, der Klang einer Seemöwe.

Jarre: Natur und Raum waren bestimmende Einflüsse des Albums und sind es auch in meinem Leben.

teleschau: Sie engagieren sich sehr stark für den Umweltschutz.

Jarre: Mit meinem Umweltengagement fing ich in etwa an, als "Oxygene" erstmals veröffentlicht wurde. Damals war das ein wenig beachtetes Thema in den Medien. Ich sagte immer, um die Medien darauf aufmerksam zu machen, muss man dieses Thema trendy verpacken. Darum geht es bei "Oxygene". Das ist auch der Grund, warum ich als Unesco-Botschafter arbeite. Ich will bestimmten Botschaften eine Stimme verleihen.

teleschau: Sehen Sie einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung?

Jarre: Normalerweise lässt sich mit Dingen, die gut für die Menschheit sind, wie Frieden oder Umweltbewusstsein, kein Geld in den Medien machen, dafür aber mit Themen wie Gewalt, Drogen und Sex. Der Einsatz für die Umwelt ist aber ein Trend geworden. Das kann man bei MTV sehen. Es ist ein Sieg, dass jeder darüber redet. Insofern ist es auch ein Sieg, dass dieses Album re-released wurde.

teleschau: Früher protestierten Sie auch gegen die Kommerzialisierung der Musik. Von Ihrem Album "Music For Supermarkets" wurde genau eine LP gepresst, sie wurde einmal im Radio gespielt und danach wurden die Mastertapes vernichtet. Mit YouTube ist heute alles für alle kostenfrei herunterzuladen, eine Art Gegenbewegung?

Jarre: Das ist ein gefährliches System. Es produziert das Gegenteil von dem, was die Leute damit ursprünglich wollten. Anfangs war das eine Form von Freiheit, jetzt entwickelt es sich zu einem System des Missbrauchs. Die Künstler und die Musikindustrie werden von der Gesellschaft ausgenutzt, indem über das Werk eines Künstlers so frei verfügt wird wie über die Luft zum Atmen. Künstler, Musiker und Produzenten müssen bezahlt werden, um zu überleben. Sonst wird es bald keine Künstler mehr geben.

teleschau: Bekommen Sie Bauchschmerzen, wenn Sie eine Ihrer perfekt durchinszenierten Shows bei YouTube als kleines, völlig verpixeltes Video sehen?

Jarre: YouTube ist ein Medium, das nicht mit Kino zu vergleichen ist. Es geht darum, auf schnellem Wege etwas miteinander zu teilen, es geht mehr um die Information und nicht um die Qualität.

teleschau: Wie teuer ist eine Ihrer Shows im Durchschnitt?

Jarre: Das ist schwierig zu sagen. Die finanziellen Dinge regeln meist die Städte oder die Länder, die mich einladen. Sie stellen auch die ganze Technik zur Verfügung.

teleschau: Houston, Peking, Tour d'Eiffel, Place de la Concorde - gibt es überhaupt noch einen Ort, an dem Sie unbedingt auftreten möchten?

Jarre: Da fallen mir ein paar ein. Ich würde gerne in Australien auf dem Ayers Rock ein Konzert geben. Ich bin noch nie in Indien aufgetreten. Dort würde ich noch gerne spielen.

teleschau: Zum Abschluss: Wie darf man sich Ihr Wohnzimmer vorstellen, ein Raum voller Moogs und Synthesizer?

Jarre: Ich versuche, mein Wohnzimmer weitgehend frei von Instrumenten zu halten. Dort stehen lediglich ein Piano, ein Keyboard und ein Computer. Das Studio ist ja auch gleich in der Nähe meines Hauses.

Nina Fischer


Visionär und Grenzgänger, gleichzeitig im höchsten Maße massenkompatibel: Jean Michel Jarre.
Visionär und Grenzgänger, gleichzeitig im höchsten Maße massenkompatibel: Jean Michel Jarre. (Warner)

Jean Michel Jarre entdeckt die Möglichkeiten der Technik immer wieder neu für sich.
Jean Michel Jarre entdeckt die Möglichkeiten der Technik immer wieder neu für sich. (Warner)

Als erster Popstar überhaupt dürfte Jean Michel Jarre auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking spielen.
Als erster Popstar überhaupt dürfte Jean Michel Jarre auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking spielen. (Warner)

Datum: 03.12.2007

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