Peter Bogdanovich

Amerika entdecken

Regisseur Peter Bogdanovich

(tsch) Vier Stunden Dokumentarfilm, und jede Sekunde ist fesselnd: Peter Bogdanovich erzählt mit "Runnin' Down A Dream" die Geschichte von Tom Petty And The Heartbreakers. Der mittlerweile 68-jährige Filmemacher gehörte Anfang der 70er-Jahre mit Filmen wie "The Last Picture Show", "What's up, Doc?" und "Paper Moon" zu den jungen Wilden in Hollywood. Von Rock'n'Roll, so sagt er, wusste er bis vor zwei Jahren herzlich wenig. Das ist nun anders, schließlich ist Tom Petty eine Art Ikone des Rock. In "Runnin' Down A Dream" (2007), der in einer exklusiven 3-DVD-Box mit Bonus-CD erscheint, macht Bogdanovich sich und damit auch die Zuschauer schlau. Seine Naivität ist dabei die treibende Kraft, Bogdanovich fragt ehrlich und direkt. Und so antwortet er auch, wenn er über Tom Petty spricht und sich freut, durch ihn wieder ein Stück Amerika entdeckt zu haben.

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teleschau: Wollten Sie eigentlich schon mal ein Rockstar sein?

Bogdanovich: Nur einmal, im letzten Jahr, als ich mit Tom zusammen arbeitete. Ich saß während eines Konzertes im Dunkeln auf der Bühne und schaute mir die Band an. Dann beobachtete ich, wie Tom Petty die Arme hob und rhythmisch klatsche. Ich schaute nach rechts, und 80.000 Leute machten dasselbe. Da dachte ich kurz: "Ich bin im falschen Geschäft, ich hätte Rockstar werden sollen." Es ist eine wunderbare Art von sofortiger Anerkennung der Arbeit als Künstler.

teleschau: Hat Ihnen das in Ihrer Karriere als Filmemacher, Schauspieler, Autor und Publizist gefehlt?

Bogdanovich: Ein wenig schon, vor allem weil ich am Theater anfing und dort mit den dem Publikum interagieren konnte. Das ist etwas Besonderes. Es war allerdings nicht mein erster spontaner Berufswunsch. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis 1975 in Salzburg bei den Mozart-Festspielen, als ich Karl Böhm dirigieren sah. Damals wollte ich Dirigent werden.

teleschau: Sie leben also den Moment recht intensiv, was zum Rock'n'Roll passt. Sind sie eigentlich Fan dieser Musik?

Bogdanovich: Als Rock'n'Roll Mitte der 50-er relevant wurde, hörte ich ziemlich viel Sinatra, Louis Armstrong, Billie Holiday, Dean Martin und Tony Bennet. Ich war also kein Rock'n'Roll-Fan, mochte aber zum Beispiel die Beatles sehr, als sie auftauchten. Anfang der 80-er hörte ich dann die Musik von Bruce Springsteen. Ich mag Rock'n'Roll, es ist allerdings nicht die Musik, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde.

teleschau: Aber Sie haben trotzdem einen Film über Tom Petty And The Heartbreakes gemacht, über diese Ikonen des Rock. Wie kamen Sie dazu?

Bogdanovich: Tom mochte meine Filme, und einer seiner Produzenten fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, eine Band-Dokumentation zum 30-jährigen Jubiläum zu machen. Ich war neugierig, weil ich nicht sehr viel über die Musik und die Band wusste. Mich interessieren immer die Dinge, über die ich nicht so viel weiß. Das war schon immer so. Bevor ich "The Last Picture Show" machte, wusste ich zum Beispiel nichts über Texas und nicht über Country Music. Meine Filme sind immer auch eine Art Lernprozess. Es inspiriert mich als Filmemacher bei der Arbeit viel über das Sujet zu lernen. Im November 2005 traf ich mich also mit Tom in Los Angeles zum Lunch. Daraus wurden vier Stunden, und ich mochte ihn gleich. Er hatte eine interessante Geschichte zu erzählen.

teleschau: Und Sie wussten gar nichts darüber?

Bogdanovich: Nein, absolut nichts. Aber nach vier Stunden wusste ich, dass ich den Film machen wollte. Die Story der Band ist eine Art moderne amerikanische Kulturgeschichte.

teleschau: Sie wollten mit "Runnin' Down The Dream" wie in vielen Ihrer Filme also wieder ein Stück Amerika entdecken?

Bogdanovich: Das trifft's ganz gut. Der Film ist in gewisser Hinsicht eine Story über etwas typisch Amerikanisches.

teleschau: Ist Tom Petty ein typischer "American Boy"?

Bogdanovich: Nein, er ist nicht typisch. Aber er ist sehr amerikanisch.

teleschau: Was macht ihn besonders?

Bogdanovich: Tom hat einen ganz bestimmten Sinn für Worte und Musik, und eine lyrische Sensibilität, mit der er beides zusammenbringt. Er ist ein Poet, und das alles ist natürlich, schlummerte schon immer in ihm. Was mir außerdem sofort auffiel, war seine Beeinflussung durch die Pop-Kultur. Und dass meine ich ausschließlich im positiven Sinn. Das begann schon mit den Western, die Tom liebte. Das verbindet uns übrigens, mit zehn Jahren waren zwei meiner Lieblingsfilme ebenfalls Western. Von den Western ging es weiter zu Elvis und Rock'n'Roll, dann kamen die Beatles und mit ihnen die Entscheidung, ein Rockstar zu werden. Das konnte ich gut nachvollziehen, weil es bei mir und meiner Karriere als Filmemacher ähnlich ablief. Ich glaube, eine Menge Leute können das nachvollziehen. Tom Petty machte also Musik, und seine Songs drückten das Lebensgefühl einer ganzen Generation aus.

teleschau: Wie erklären Sie sich Tom Pettys Erfolg?

Bogdanovich: Das kann ich gar nicht richtig. Er hat de Fähigkeit, Gefühle und Gedanken anzusprechen, die so tief in den Menschen drin sind, dass normalerweise kein Außenstehender ran kommt. Dazu kommen sein einnehmende Art, und eine Musik, die sowohl massenkompatibel als auch spezifisch ist. Ich würde seinen Songs sogar impressionistische Qualitäten zusprechen. Eine sehr merkwürdige Mischung, wenn ich darüber nachdenke. Aber sie funktioniert.

teleschau: Wissen Sie eigentlich noch, wann sie zum ersten Mal einen Tom-Petty-Song hörten?

Bogdanovich: Nein, das tue ich nicht. Ich werde wahrscheinlich in den frühen 80-ern was von ihm gehört haben, als er sehr populär wurde. Aber diese Zeit war für mich persönlich recht schwierig, sodass ich mich ein wenig einigelte und mich nicht bewusst mit der Musik beschäftigte. Aber natürlich habe ich vor unserem Treffen im November 2005 alle seine Alben gehört.

teleschau: Alle?

Bogdanovich: Naja, so viel ich konnte. Sie gefielen mir. Ich mag diese Kombination aus Rock'n'Roll, Country und Folk. Vor allem gefielen mir aber Toms Poesie und Einfühlungsvermögen in seiner Musik.

teleschau: Aber trotzdem haben Sie bislang nie einen Song von ihm in Ihren Filmen verwendet ...

Bogdanovich: Stimmt, aber das kann sich ja ändern. Das wird sich ändern. Ich bereite gerade einen Film vor, eine Art Trailer-Trash-Melodram, in dem ich Pettys Musik verwenden will. Es geht um eine Familie aus Texas, die einen Mord plant, bei dem dann aber alles schief geht. Der Film heißt "Killer Joe" und ist recht gewalttätig, freizügig, düster aber auch witzig.

teleschau: "Runnin' Down A Dream" ist ein sehr ehrlicher Film, der auch viele persönliche Details anspricht. Haben Tom Petty And The Heartbreakers von Anfang offen und freimütig Rede und Antwort gestanden?

Bogdanovich: Ich sprach zunächst mit Tom, aber nur ein- oder zweimal. Danach begann ich, andere Leute zu interviewen, insgesamt hatten wir 28 Interviews. Ich bestand darauf, alle Interviews selbst zu führen. Es war mir wichtig, dass ich die Fragen stelle, weil ich das Gefühl hatte, dass die Interviewpartner ehrlicher sind, wenn sie mit mir reden. Schließlich machte ich den Film. Das funktionierte sehr gut, zumal ich über einige Erfahrung als Interviewer verfüge.

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Interviews vorbereitet? Sie sagten zu Beginn unseres Gesprächs, dass Sie fast nichts über die Band wussten ...

Bogdanovich: Das war sogar sehr gut. Dadurch stellte ich echte Fragen. Oft ist es doch so, dass der Interviewer die Antworten bereits kennt und das Gespräch in eine bestimmte Richtung steuert. Es waren ehrliche Fragen, ich wollte Dinge herausfinden. Die Band wusste das und antwortete dementsprechend ehrlich und ausführlich. Erst dadurch funktioniert der Film.

teleschau: Auch der Verzicht auf einen Off-Kommentar scheint sehr wichtig ...

Bogdanovich: Die Geschichte sollte von Tom, der Band, Freunden und Kollegen erzählt werden. Deswegen beschloss ich sehr früh, auf einen einzelnen Erzähler zu verzichten. Am Ende hatten wir nämlich 28 Erzähler, die die Bilder kommentierten.

teleschau: Apropos Bilder: Wo haben Sie denn das ganze Material her. Gibt es irgendwo ein geheimes Mega-Archiv über Tom Petty?

Bogdanovich: Ja, in Toms Safe. Er hat eine Fülle von Material, offensichtlich wurde seine ganze Karriere auf Video und Film dokumentiert. Vom Umfang des Archivs war Tom dann selbst überrascht. Wir waren dadurch glücklicherweise in einer komfortablen Position, auswählen zu können.

teleschau: Natürlich kommen auch eine Menge Songs im Film vor. Wer half Ihnen bei der Auswahl?

Bogdanovich: Bereits zu Beginn des Projekts stellte ich fest, dass ich die Musik nicht beurteilen konnte. Für mich klang alles gut. Also verließ ich mich auf Tom. Wenn ich einen Song brauchte, rief ich ihn an und fragte, welchen Auftritt ich nehmen soll. Und normalerweise hatte er im Kopf, welche Performance die beste war. Selbst wenn es um eine Version von "American Girl" aus den 70er-Jahren ging.

teleschau: Er hat sich an alles erinnert?

Bogdanovich: Unglaublich, nicht? Dieses Erinnerungsvermögen hat mich sehr beeindruckt. Zumal die Ergebnisse immer großartig waren.

teleschau: Hatten Sie "Runnin' Down A Dream" eigentlich als Vier-Stunden-Mammut-Projekt geplant?

Bogdanovich: Nicht wirklich. Wir haben auch versucht, ihn zu kürzen. Aber es gab einen Punkt, da ging das nicht mehr. Wir mussten 30 Jahre abdecken, und Martin Scorsese hatte schließlich auch drei Stunden und 40 Minuten für sechs Jahre Bob Dylan gebraucht ("No Direction Home", 2005, Anm. d. Red.). Schließlich sagte ich Tom etwas, was ich an der Filmschule gelernt habe: "Wenn der Funke überspringt, dann ist es egal wie lang der Film ist." Es eine Frage des Rhythmus', und es hat uns eine Menge Zeit und vier Cutter gekostet, ihn zu finden. Aber ich glaube, wir haben es richtig gemacht.

teleschau: Das hört sich alles nach Spaß und einer erfüllenden Arbeit an. Werden Sie mehr Musik-Dokumentationen machen?

Bogdanovich: Nein, ich hab's einmal getan. Das reicht mir. Es war ein Riesen-Job, ich habe die zwei Jahre sehr genossen aber weitere Angebote ausgeschlagen. Ich wiederhole mich eben ungern.

Andreas Fischer


Respekt und Spaß: Zwischen Peter Bogdanovich (Mitte) und Tom Petty (links) hat es "gefunkt".
Respekt und Spaß: Zwischen Peter Bogdanovich (Mitte) und Tom Petty (links) hat es "gefunkt". (SPV)

Kult-Regisseur Peter Bogdanovich machte aus 30 Jahren Bandgeschichte von Tom Petty And The Heartbreakers den wunderbaren Dokumentarfilm "Runnin' Down A Dream".
Kult-Regisseur Peter Bogdanovich machte aus 30 Jahren Bandgeschichte von Tom Petty And The Heartbreakers den wunderbaren Dokumentarfilm "Runnin' Down A Dream". (SPV)

Seit 30 Jahren machen Tom Petty And The Heartbreakers (von links: Mike Campbell, Ron Blair, Tom Petty, Stan Lynch und Benmont Tench) Rock-Musik und sind dabei immer authentisch geblieben.
Seit 30 Jahren machen Tom Petty And The Heartbreakers (von links: Mike Campbell, Ron Blair, Tom Petty, Stan Lynch und Benmont Tench) Rock-Musik und sind dabei immer authentisch geblieben. (SPV)

Datum: 03.12.2007

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