(tsch) Familiendramen, Identitätskonflikte, sexuelle Obsessionen - die Themen, die Atom Egoyan, kanadischer Regisseur armenisch-ägyptischer Abstammung, in Szene setzt, sind vielfältiger Natur. Von der Kritik hochgelobt und von Cineasten bewundert, blieb seinen Filmen die Resonanz eines breiteren Publikums bisher verwehrt. Dabei zählt Egoyan spätestens seit seinem Meisterwerk "Exotica" (1994), in dem sich die Schicksale von sieben Menschen in einem Striptease-Club kreuzen, zu den herausragenden Regisseuren des zeitgenössischen Kinos. In "Felicia, mein Engel" (1999) bündelte Egoyan Motive aus seinen bisherigen Filmen zu einem faszinierendem Mix aus Psychostudie und Thriller.
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Im Mittelpunkt steht die junge Irin Felicia (Elaine Cassidy), die ihre Heimat und ihren ultranationalistischen Vater hinter sich gelassen hat, um in England nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes zu fahnden. Ein vager Hinweis führt die Schwangere in die Industriestadt Birmingham, wo sie der eigenbrötlerische Kantinenchef Hilditch (Bob Hoskins) auf der Straße aufliest.
Der dickliche Kauz nimmt die werdende Mutter bei sich auf und bietet ihr an, ihr bei der Suche nach dem verschwundenen Freund behilflich zu sein. Doch bald wird deutlich, dass Hilditch nicht der ist, für den er sich ausgibt. Weshalb zum Beispiel sieht er sich alte Videos seiner Mutter - einer TV-Köchin - an und kocht ihre Rezepte nach? Was verbirgt sich im Keller, wo Hilditch ein umfangreiches Archiv mit Videoaufnahmen junger Mädchen angelegt hat? Zu ihrem Entsetzen muss Felicia feststellen, dass sie in die Hände einer abnormen Persönlichkeit mit einem mörderischen Hass auf Frauen geraten ist.
Atom Egoyan lässt sich Zeit, bis er den Zuschauer hinter die Fassade des braven Spießers blicken lässt. Bevor sich in den letzten 20 Minuten des Films die Ereignisse überschlagen, baut der Regisseur anhand von assoziativen Bildfolgen sowie Vor- und Rückblenden, in denen sich Vergangenes und Gegenwart überlagern, eine intensive, bedrückende Atmosphäre auf, der sich der Zuschauer kaum entziehen kann.
Ebenso vielschichtig wie die filmischen Mittel ist das Spiel der beiden Hauptdarsteller: Bob Hoskins glänzt als "böser Wolf", der gleichzeitig aber auch Opfer seiner familiären Vergangenheit ist. Elaine Cassidy als Felicia ist schließlich das moderne Rotkäppchen, das am Ende nur noch von einem Gedanken angetrieben wird: aus dem Albtraum dieses bösen, dunklen Grimmschen Märchens zu erwachen.
Alexander Franck
Die junge Irin Felicia (Elaine Cassidy) fährt nach England, um ihren Geliebten Johnny zu suchen. (ZDF / ARD / Degeto)
Felicia (Elaine Cassidy) vertraut sich dem Kantinen-Chef Hilditch (Bob Hoskins) an. (ZDF / ARD / Degeto)
Merkt Felicia (Elaine Cassidy), was Hilditch (Bob Hoskins) mit ihr vor hat? (ZDF / ARD / Degeto)
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