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Unkenrufe

Unkenrufe - Zeit der Versöhnung

(tsch) Wenn die Unke ruft, dann bringt das Unheil, sagt eine alte Bauernregel. Deren gibt es freilich viele, und ihre Gültigkeit wurde schon häufig und zu Recht in Frage gestellt. Doch lässt sich die Unke, diese kleine, großäugige Kreatur mit ihrem glitschigen Äußeren, geschickt benutzen, um vieldeutig und indirekt das Seelenleben von Menschen, kritische Gesellschaftsentwicklungen und klischeebeladene Vorurteile zu thematisieren. Günter Grass tat dies meisterhaft mit seiner Erzählung "Unkenrufe", die 1992 - leichtfüßig in ihrer Erzählweise, doch schwer beladen mit der Thematik des Verhältnisses zwischen Deutschen und Polen - bei Lesern und Kritikern für Furore sorgte. Nun ist "Unkenrufe" das vierte Buch von Günter Grass, das verfilmt wurde. Unter der Leitung von "Tereska"-Regisseur Robert Glinski entstand eine liebenswerte Tragikomödie, die in Sachen offensiver Dramatik freilich weit hinter der Oscar-prämierten "Blechtrommel" zurückbleibt, doch unter dem Deckmantel von Ironie und sympathischem Humor gesellschaftspolitischen Zündstoff birgt und gleichzeitig Lösungswege offenbart.

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Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen könnte besser sein. Das ist eine allgemeine Feststellung, die in Zeiten an Brisanz gewinnt, in denen lauthals ein Zentrum für aus Polen vertriebene Deutsche, darunter auch zahlreiche ehemalige Danziger, gefordert wird. Vertreibung sei ein europäisches Problem, sagt Grass und zeigt jene Objektivität in einer hitzig geführten Debatte, die die Politik oft vermissen lässt.

Auch der Film zielt wie die prosaische Vorlage darauf ab, Verständnis für die jeweilige andere Seite zu säen - auf beiden Seiten. Erzählt wird die Geschichte des deutschen Kunstprofessors Alexander Reschke, der in seine Geburtsstadt Danzig zurückkehrt, da war die Mauer in Berlin gerade am Zerbersten.

Eher zufällig trifft er auf die resolute Restauratorin Aleksandra Piatkowska. Beide verlieben sich langsam ineinander, obwohl sie sich - doch mehr im Scherz als inbrünstig irrgläubig - allerhand Gemeinheiten an den Kopf werfen. "Ihr Deutsche spuckt uns nicht mehr ins Gesicht", entfährt es Aleksandra in einem schwachen (oder starken?) Moment. Dagegen erwidert Alexander gebetsmühlenartig, dass die Polen ja sowieso nur andauernd deutsche Autos klauen. Beide meinen es nicht so, sondern leben einen anderen, unbelasteten Traum, den sie selbst lange Zeit nur erahnen können.

Es ist ein Traum von Versöhnung. Er, der seinem Geburtsort Entrissene, und sie, geborene Litauerin, ebenfalls vertrieben und entwurzelt, wie es so oft heißt, planen aus einer "Schnapsidee" (Aleksandra) heraus einen Versöhnungsfriedhof - zunächst nur für Deutsche in Danzig. Bald soll einer für Polen in Wilna (Litauen) folgen. Doch irgendwie geht alles schief, das Ideal verkommt zum nationalistisch missbrauchten Weiheplatz, der alsbald als Reaktion auf die provokanten deutschen Grabinschriften von Polen geschändet wird.

Als Lösung soll ein Zaun, nein, eine hohe Mauer dienen. Den im Wendejahr 1989 frisch in Polen heranwuchernden Kapitalismus verinnerlichend, erhofft sich der speziell gegründete deutsch-polnische Aufsichtsrat schon bald enorme finanzielle Gewinne, plant einen Golfplatz und wirbt im Fernsehen mit grellen Spots. Das hat sich das polnisch-deutsche Pärchen freilich ganz anders vorgestellt. Doch sie sind überstimmt, können sich nur in ihre eigene Gefühlswelt flüchten - und sind am Ende voll puren Glücks, weil ihnen im Kleinen das Große gelungen ist.

Robert Glinski gelang eine zaghafte, unaufgeregte Interpretation von Grass' teilweise in ihrer Deutlichkeit sehr drastischen Erzählung. Es hätte keinen Sinn gemacht, nackte, alte Leiber aufeinander klatschen zu lassen, wie es die Liebes- und Sexszenen aus dem Buch möglicherweise nahe gelegt hätten, sagt Hauptdarsteller Matthias Habich, selbst gebürtiger Danziger und Idealbesetzung für den "Spät-Heim-Kehrer". "Niemand hätte den Blick des Wiederentdeckens so glaubhaft darstellen können wie ich", sagt der 65-Jährige im Interview im Danziger Rathaus frei von jeglichem Eigenlob.

Von Realismus erfasst sind nicht nur die Hauptdarsteller (auch Krystyna Janda als Aleksandra strahlt Authentizität aus), sondern vor allem die dargestellte Problematik der Durchsetzung der deutschen und polnischen Mentalität mit klischeehaften Vorurteilen von der jeweils anderen Nation. Einen Heimatbegriff fernab schaler nationalistischer Terminologie gibt es leider immer noch nicht. Vielleicht können die "Unkenrufe" im Kino etwas daran ändern.

Leif Kramp

Credits:
V:NFP, D / PL 2005, R: Robert Glinski, D: Krystyna Janda, Matthias Habich, Joachim Król u.a.


Als sich Alexander Reschke (Matthias Habich) und Aleksandra Piatkowska (Krystyna Janda) zufällig auf einem Marktplatz kennen lernen, funkt es zwischen den beiden.
Als sich Alexander Reschke (Matthias Habich) und Aleksandra Piatkowska (Krystyna Janda) zufällig auf einem Marktplatz kennen lernen, funkt es zwischen den beiden. (Ziegler Film GmbH & Co. KG)

Alexander (Matthias Habich) und Aleksandra (Krystyna Janda) gründen die Polnisch-Deutsche Friedhofsgesellschaft.
Alexander (Matthias Habich) und Aleksandra (Krystyna Janda) gründen die Polnisch-Deutsche Friedhofsgesellschaft. (Ziegler Film GmbH & Co. KG)

Marktfrau Erna Brakup (Dorothea Walda) ist stolz, den Vorstandsposten in der Friedhofsstiftung zu bekommen.
Marktfrau Erna Brakup (Dorothea Walda) ist stolz, den Vorstandsposten in der Friedhofsstiftung zu bekommen. (Ziegler Film GmbH & Co. KG)

Datum: 18.09.2005

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Diskussion: "Unkenrufe"

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