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Wu-Tang Clan
"Wu-Tang ist das einzig Wahre"Band Wu-Tang Clan (tsch) Sechs Jahre hat sich der Wu-Tang Clan Zeit mit einer neuen Platte gelassen. 2001 erschien ihr letztes Album "Iron Flag". Dann wurde es still um das New Yorker HipHop-Kollektiv. Es versammelte sich zwar für einige wenige Konzerte auf der Bühne, aber bis auf den Tod von Ol' Dirty Bastard hörte man nur gerüchteweise Neues. Nun ist es endlich so weit: Wu-Tang Clan melden sich mit "8 Diagrams" zurück. Anzeige Der Clan war schon immer Vorreiter und Sonderfall der amerikanischen Rapwelt. Das beweist er auch mit seinem fünften Studioalbum. Während andere HipHop-Produzenten mit Dancefirlefanz, Vocodersamples und Minimalbeats herumexperimentieren und sich im vermeintlich individuellen Soundgecluster immer ähnlicher werden, entschieden sich RZA, Mathematics und Easy Mo Bee, die komplette Blackmusic-History zu umarmen, ohne dabei eine Sekunde lang ein "Back to the Roots"-Feeling zu vermitteln. Um den Tracks Soul einzuhauchen, muss der Clan keine Motownhits covern, samplen und dann zur Unkenntlichkeit überrappen. Verweise kommen hier aus allen Bereichen, von Märchen über Popstars bis zur eigenen Geschichte. Luxusmarken werden nicht lahm heruntergebetet, sondern, wie im Wu-Tang-Universum üblich, hält die Welt der Martial Arts als Referenzkriterium und Vorlage her. So startet "8 Diagrams" mit einem Sample aus dem Film, der dem Album auch den Namen gab: "8 Diagram Pole Fighter". Darin predigt ein Kung-Fu-Meister Güte und Gerechtigkeit. RZA, Mastermind des Clans, hatte aber auch noch etwas anderes im Sinn: "Wu-Tang-Platten sind immer für die Kids da draußen, und denen möchte ich sagen, dass sie auf sich aufpassen sollen. Zwei Drinks sind okay, aber nach fünf fangen sie an, sich zu schlagen. Man muss sich beherrschen." Das ist typisch für die Moral in der Welt des Clans: Schon immer war es den Dreien wichtig, dem konsumistischen Gangsta-Rap den richtigen "Spirit" entgegenzusetzen. Als die Beats allgemein sauberer wurden, klangen die des Clans dreckiger, absurder, experimenteller. Heute, da die Samples und Produktionen immer verrückter werden, scheint sich der Clan auf das klassischste aller Popprodukte verlassen zu können. Mit "The Heart Gently Weeps" bringen sie ein Cover des George-Harrisons-Songs "While My Guitar Gently Weeps" heraus - ausgerechnet vom weißen Album der Beatles, dem Kritikerliebling des bekanntesten Quartetts. Schon vor Fertigstellung von "8 Diagrams" kursierten im Internet Gerüchte darüber, wie Wu-Tang Clan ausgerechnet eines dieser gut gehüteten Samples der Fab Four abgestaubt haben sollen. Davon will RZA nichts wissen: "Da gibt es kein Sample. Wir haben lediglich mit Georges Sohn Dahni und zwei anderen Freunden, nämlich John Frusciante und Erykah Badu, eine Erweiterung des Originalsongs eingespielt." Die Gäste auf dem Album sind, so will es der Wu-Tang-Geist, keine Künstler, deren Alben vielleicht demnächst anstehen, oder Labelkollegen, die ein wenig Hilfe in Form eines Features benötigen. Gastmusiker können und müssen, darauf besteht RZA, Freunde sein, denn nur mit denen funktioniert das spontane Rumhängen im Studio und das daraus resultierende Musikmachen. Die lockere Atmosphäre des Jams als Produktionsprinzip wird hier wieder einmal zum Vater des Gedankens. So erzählt George Clinton auf "Wolves" die Geschichte vom Rotkäppchen neu, und eigentlich auch mal eben noch die des Funks. Sunny Valentine, Rapper aus dem sonnigen Atlanta, singt in "Gun Will Go" einen unwiderstehlichen Refrain über bewaffnete Gewalt. Der Song befindet sich auf Augenhöhe mit dem Gangsta-Rap der 1990er-Jahre und dockt aber nahtlos an romantische Gewaltepen wie "Joey" von Bob Dylan an. In "Stick Me For My Riches" berichtet der Clan ohne erhobenen Zeigefinger, wie ihn der reich-reicher-am-reichsten-Kult mancher Rapper nervt. Die Raps sind so flüssig und kompromisslos, dass sie Ol' Dirty Bastard bestimmt gefallen hätten. Der tote Popstar des Clans ist mit einem alten, unveröffentlichten Song "16th Chambers" vertreten. Trotz der Dichte und der Kohärenz von "8 Diagrams" ruft dieser Song noch mal in Erinnerung, wie sehr ODBs dreckiger Stil auf dieser Platte und in der heutigen Popmusik fehlt. Ein Freund des Clans hatte von den Plänen, ein neues Album aufzunehmen, erfahren und sich an Tapes des verstorbenen Clan-Mitglieds in seinem Keller erinnert. "Das ist so rough. Das hat mich fast weggeblasen, als ich seine Raps gehört habe", erzählt RZA. "Du hörst in jeder Sekunde, dass ODB keine Scherze macht. Der meint das alles todernst." RZA verbringt heute wie damals fast jeden Tag im Studio. "Man konnte nie sagen, wann ODB kommt, aber an drei Tagen im Monat schaute er vorbei. Heute ist es wie damals: Ich sitze da und warte. Aber er kommt nicht mehr. Das ist traurig." Ol' Dirty Bastard war mit seinen beiden Cousins RZA und GZA der Kopf des Clans. Sein Tod ist bestimmt auch ein Grund, dass die einzelnen Mitglieder den Fokus ihrer Arbeit noch mehr auf Soloprojekte richteten. Dass sie jetzt alle wieder zusammen ein Album aufgenommen haben, ist RZAs Verdienst: "Nur wenn ich mit den Jungs auf der Bühne stehe, bin ich wirklich glücklich. Es ist unsere Aufgabe, den Wu-Tang-Geist in die Welt zu bringen. Das ist wichtig für uns, für die Menschen und vor allem für die Kids. Ich produziere auch gerne Soloalben von mir und anderer Künstler, aber Wu-Tang ist das einzig Wahre." Geld zu verdienen stehe da für ihn absolut im Hintergrund, ein eventuelles Verlustgeschäft interessiere ihn nicht, betont er. "Wenn wir erst mal alle zusammen sind, verstehen wir uns blendend, dann ist der Geist sofort wieder da. Das Problem ist, erst mal alle zusammen zu bekommen und vor allem dazu, überhaupt wieder miteinander zu sprechen." Gelohnt hat es sich. "8 Diagrams" ist ein erwachsenes Album, aber kein Alterswerk. Die Clanmitglieder können Geschichten erzählen und andere Musikrichtungen mit Leichtigkeit einbinden, denn sie müssen in der Rapwelt nichts mehr beweisen. Die Hooklines brauchen nicht aggressiv und plakativ sein, um auch wirklich zum Letzten durchzudringen. Durch dieses Selbstbewusstsein ist "8 Diagrams" eine ruhige, kraftvolle Platte geworden, die über Kategorien wie Westküsten-, Ostküsten oder sogar MTV-Rap steht und stattdessen auf ihr eigenes Universum blickt: die Jugend in Staten Island und Brooklyn, Roy Ayers auf dem Plattenspieler, viele Freunde und die Lieblingsfilme in der Glotze. Angesichts des Flows in ihrer Musik verzeiht man ihnen sogar, dass sie ein bisschen wie Lehrer wirken. Nina Scholz |
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