logo
Anzeige
Wyclef Jean

Der haitianische Eselsritt

Musiker Wyclef Jean

(tsch) Es ist nicht das teuerste Hotel, in dem Wyclef Jean absteigt, um der europäischen Presse sein neues Album vorzustellen. Seine Suite über Londons Dächern lockt eher mit biederem 70er-Jahre-Charme als mit moderner Fünf-Sterne-Ästhetik. Keine Leibwächter im Zimmer, keine Homies im Hintergrund, keine Fans in der Lobby. Selbst die Flasche Champagner, zwischen Coladosen und Wasserkrügen, wirkt seltsam deplatziert. Fast könnte man meinen, Wyclef, der leger in Jeans und Shirt auf der Couch fläzt, hätte mit Rap gar nichts am Hut. Dabei ist er es doch, der HipHop gemeinsam mit Lauryn Hill und Cousin Pras ein neues Gesicht gab, der seit zehn Jahren Radiostationen weltweit mit Pop-Perlen und nebenbei Kollegen mit Hits versorgt. Seine neue Platte, "The Carnival II - Memoirs Of An Immigrant", knüpft an, wo der legendäre Vorgänger vor zehn Jahren aufhörte: "Dieses Album ist die Stimme einer Generation", gibt Clef zu verstehen.

Anzeige

 

"Bob Dylan, Jimi Hendrix, Paul Simon, Bob Marley - sie alle hatten ihre Botschaft zu überbringen, und dies hier ist meine. Aber 'The Carnival II' ist eher ein soziales Statement, denn auf Politik kann man sich nicht verlassen. Mir geht es um die Menschen", klärt der Immigrant auf, der sich als Botschafter seiner Heimat Haiti sieht. "Ich stehe für mein Land ein", versichert er. Mehr als das: Schon immer waren die haitianische Volksmusik und traditionelle Rhythmen neben alten HipHop-Platten Wyclefs wichtigste Inspirationsquelle.

Und genau darauf besinnt sich "Memoirs Of An Immigrant" zurück. Die Platte serviert einen bunten Stilmix, der von Soca und Bossa über Reggae und Pop bis hin zu karibischer Tanzmusik reicht, eine Mischung, die wohl kein Zweiter hinbekommt. Beats, die ohne Umwege in die Beine gehen, fusionieren mit halb dadaistischen, halb sozialkritischen Texten zu astreinen Chart-Krachern, die sogar in der monofonen Klingelton-Version hängen bleiben.

Besonderen Wert legt Wyclef auf Nummern, die zu seiner Botschafter-Rolle passen, wie den zum Teil auf kreolisch gesungenen "Touch Your Button Carnival Jam". "Denn dass ich in Haiti Respekt gezollt bekomme, liegt nicht am kommerziellen Erfolg, sondern daran, dass ich das Land und seine Leute stets repräsentiere", weiht Clef, neuerdings mit Glatze statt Dreadlock-Pracht, ein.

Neben exklusiven Haiti-Releases wie dem "Creole 101"-Album tut der Musiker vor allem eines für seine Heimat: drüber reden. Kaum fällt das Stichwort, legt er los. Die Geschichte vom haitianischen Schulbus gefällt ihm so gut, dass er sie innerhalb einer Viertelstunde gleich zweimal erzählt: "Ich wurde in einer Hütte ohne Dach geboren und bin auf einem Esel zur Schule geritten", umreißt Wyclef seine Kindheit. "Und wenn man zu Fuß von der Schule kommt, muss man eben an der Gang vorbei. Das Einzige, was mich beschützte, war mein Rap - nur deshalb ließen mich die harten Jungs durch. HipHop war wie eine positive Gang", schließt der Märchenonkel.

Street Credibility hin oder her: Wyclef Jean muss niemandem etwas beweisen. Wer auf Meilensteine wie das Fugee-Album "The Score" und Klassiker wie "Gone Till November" und "911" (mit Mary J. Blidge) zurückblicken kann, braucht nicht mit seiner Dealer-Vergangenheit oder dem brutalen Alltag in seiner Hood zu prahlen. "Ich passe nicht in die Stereotypen von Rap, ich passe in die der HipHop-Kultur. Ich kann breaken, rappen, sprayen, Instrumente spielen", stellt er stolz fest. Auf die Frage, ob man davon mal eine Kostprobe bekommen könnte, antwortet Clef doch tatsächlich: "Klar, ich habe immer noch meinen Freeze drauf", und er gibt auf dem Teppichboden seiner Suite prompt einen kaum eingerosteten Breakdance-Move zum Besten.

Dass es zum Tänzer nicht gereicht hat, bereut der Allrounder keineswegs. "Produzent ist mein Traumberuf. Man fühlt sich wie ein Trainer: Auch wenn man gute Matches spielt, kommt es am meisten auf das richtige Team an", fasst er zusammen. Und vielleicht ist genau diese Offenheit sein Geheimnis: Künstler wie die Jazz-Hoffnung Norah Jones und den Südstaaten-Rapper Lil' Wayne auf einer Platte zu vereinen, traut sich kaum einer. Für den Fugees-Kopf hingegen "war Musik schon immer ein großer Schmelztiegel".

Durch seinen charakteristischen Stil hat er sich Unabhängigkeit von Trends und Absatzzahlen erarbeitet. "Ich spüre keinen Druck, Platinalben machen zu müssen - früher vielleicht, aber heute nicht mehr. Mittlerweile fühle ich mich verpflichtet, eine Message rüberzubringen. Egal, wie viele Leute die Platte kaufen, sie muss etwas aussagen", verrät Clef.

An den Ruhestand denkt der Künstler daher noch lange nicht, wie er erklärt: "Ich kann nicht aufhören zu arbeiten, daran ist der Immigrant in mir schuld, der Refugee. Meine Arbeit ist erst beendet, wenn es meinem Volk gut geht." Klingt nach einer Menge Schufterei und einer gehörigen Portion Pathos. Wyclefs konkrete Zukunftspläne kommen mit weniger Theatralik aus: "Wenn ich mich in ferner Zukunft zur Ruhe setze, werde ich auf Haiti arbeiten, als Bauer. Und ich werde mich um die Promotion kümmern: 'Wenn du die besten Biotomaten suchst, komm' zu Wyclefs Farm auf Haiti!'"

Gregor Jossé


"Für meine Tochter habe ich mir die Haare abgeschnitten", erklärt Wyclef Jean, dessen Dreadlocks früher bis zur Schulter reichten.
"Für meine Tochter habe ich mir die Haare abgeschnitten", erklärt Wyclef Jean, dessen Dreadlocks früher bis zur Schulter reichten. (Sony BMG / Stephanie Pistel)

Von wegen Rappergehabe: Wyclef Jean hat es nicht mehr nötig zu posen.
Von wegen Rappergehabe: Wyclef Jean hat es nicht mehr nötig zu posen. (Sony BMG / Stephanie Pistel)

Am besten findet Ex-Fugee-Kopf Wyclef Jean in seiner Heimat Haiti zu sich.
Am besten findet Ex-Fugee-Kopf Wyclef Jean in seiner Heimat Haiti zu sich. (Sony BMG / Stephanie Pistel)

Datum: 16.12.2007

Facebook aktivieren

Diskussion: "Wyclef Jean"

Um eine Diskussion zu "Wyclef Jean" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 194398

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Carla Bruni
    Der Vater Komponist, die Mutter Pianistin - ihr musikalisches Talent bekam das 37-jährige Ex-Supermodel scheinbar in die Wiege gelegt. Denn mit ihrem Albumdebüt "Quelqu'un m'a dit" gelang der Italienerin ...

    Ani DiFranco - Reprieve
    Ani DiFranco hat etwas, das im Musikgeschäft oft verloren geht: Courage. Sie pfeift auf Chartplatzierungen, dreht keine Musikvideos und achtet selbst bei kurzen Ruhephasen penibel darauf, dass sie schon ...

    Sophie Auster - Sophie Auster
    Wie alt ist Sophie Auster bitteschön? 19 Jahre? Niemals! Weder ihr makelloses Aussehen noch ihre klare Stimme geschweige denn die Musik in ihrer Ganzheit wirken so, als stammten sie von einem gerade erst ...

    Sophie Auster
    Sophie Auster ist die 19-jährige Tochter der amerikanischen Schriftsteller-Schwergewichte Paul Auster und Siri Hustvedt. Dass man bei einem solchen Elternhaus nicht unbedingt das Berufsziel "Elektroingenieur" ...

    Leonard Cohen - I'm Your Man
    Zu einem der schönsten Filmplakate der letzten Zeit gesellt sich ein Soundtrack, der nicht unberührt lässt. Leonard Cohen stützt sein Gesicht auf beide Hände, man sieht nicht mal seine Augen. Doch die ...

    Tom Waits - Orphans
    Was treibt diesen Mann um? Er tobt, er keift, er grollt, er findet einfach keine Ruhe. Die kreativen Ausbrüche des Tom Waits kennen kein Maß, keine Rücksicht und kein Regelwerk. Zwei Jahre nach seiner ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 38 - id = 3919 - task = view - option = com_content - limitstart= 0