Nicolette Krebitz
Der Zukunft kein ZuhauseSchauspielerin, Regisseurin Nicolette Krebitz (tsch) Qualität will sie liefern. Ihr Film sei kein Werbespot, erklärt eine in schwarze Strickjacke und schwarzen halblangen Rock gewandete Nicolette Krebitz im Gespräch. Oberflächlichkeit ist ihr ein Graus, oberflächliche Spannung auch. Die 36-Jährige verbindet in ihrer zweiten Regiearbeit Brutalität und Kunst. "Das Herz ist ein dunkler Wald" (Kinostart: 27.12.) ist ein kaltes, erschütterndes Ehedrama mit vielen Theaterelementen. Es geht um eine Ehefrau, gespielt von Nina Hoss, die feststellt, dass ihr Mann (Devid Striesow) heimlich noch eine zweite Familie hat. Dass Nicolette Krebitz mittlerweile selbst Mutter ist, veränderte ihren Blick, sie grenzt sich aber gleichzeitig davon ab, nur eine Kuh zu sein. Eine Kuh? Ja, die Berlinerin, die gerne und in vielen Rollen als "Lolita" besetzt wurde, hat eine Menge zu sagen über Frauen und Männer, diese Gesellschaft und die Frage, wann man besser zu Hause bleibt und Lampen aufhängt. Anzeige teleschau: Nina Hoss entdeckt gleich zu Beginn des Films das Doppelleben ihres Mannes, der von Devid Striesow dargestellt wird. Verschenkt man damit nicht Spannung? Nicolette Krebitz: Ja, dieser Plot ist nach 13 Minuten erzählt. Doch dann geht es darum, wie die Frau damit umgeht: Dreht sie durch oder hält sie das aus? Ich wollte einen Blick auf unsere Gesellschaft werfen, die Frage stellen, was bedeutet eine Ehe heute, und wie schwer wiegt deren Auflösung. teleschau: Die Inszenierung mit kunstvollen Theaterelementen schafft Distanz, man geht nicht unbedingt aus dem Kino und weint. Krebitz: Es gibt für mich schon Momente, bei denen man weinen kann, die rühren. Aber es ist kein "Werbespot"-Film, der manipuliert, indem er Bilder mit der richtigen Musik unterlegt, und einem diktiert, was man zu fühlen hat. Mit dieser Art der Unterhaltungsindustrie hat der Film nichts zu tun. Man wird aber auch nicht ins Nirvana gespuckt und muss sich selbst überlegen, was einem da erzählt wird. Es ist kein reiner Kunstfilm. teleschau: Aber es gibt viele künstlerische Details, wie den kopflosen Anfang, wenn der Bildausschnitt nur bis zum Hals reicht. Krebitz: Ich lasse den Kopf weg, weil ich das Maschinenhafte im Alltag einer Mutter bebildern will. Man tut morgens sehr viele Dinge, bevor man in den Spiegel sieht. Das ist bei mir zu Hause genauso. Wenn wir aufstehen, muss ich erst mal schauen, ob mein Sohn seine Hausschuhe an hat und den Bademantel drüber. Dann braucht er was zu trinken. Man tut diese Dinge mechanisch, wie ein Apparat, nicht wie eine Frau, und deshalb soll man in diesen Minuten auch nicht Nina Hoss ansehen. teleschau: Das kann man wiederum bei Devid Striesow. Er hat eine Nacktszene, die nicht zwingend notwendig ist. Krebitz: Das fand ich einen großen Spaß. Frauen sieht man ja ständig nackt ... Eigentlich geht es aber um das Kind, das ihn beobachtet, wie einen Fremdkörper, als jemanden, der nicht oft da ist. teleschau: Wieso haben Sie viele Szenen aus der Perspektive der Kinder gedreht? Krebitz: Weil ihre Sicht auf die Welt unschuldig egozentrisch und klar ist. Das ist im Gegensatz zu den Erwachsenen im Film ganz wichtig zu verstehen. Die eigenen Bedürfnisse und Erwartungen fälschen den Blick auf die Wirklichkeit. Besonders innerhalb einer Beziehung. Aber auch die Leichtigkeit und der Humor der Kinder sind notwendig, um die ganze Härte der Geschichte zu ertragen. teleschau: Inwiefern greift das Muttersein in kreative Prozesse ein? Krebitz: Es beeinflusst den Blick, aber das theoretische Interesse an einer Sache bleibt bestehen. Nur weil man eine Frau ist, ist nicht alles emotional gesteuert und die Dinge, die man tut, sind nicht automatisch eine Art Tagebuch. Dass man, wenn man Mutter ist, nur als Mutter denken kann, wie einem manche Boulevard-Zeitschriften vermitteln, ist totaler Quatsch. Man ist der Mensch, der man vorher war, nur reicher an Erfahrungen - und an Liebe. Was man ist, verschwindet deswegen nicht. Man ist ja keine Kuh. teleschau: Keine Kuh? Krebitz: Naja, die geben Milch, essen, bekommen ganz sanftmütig neue Kinder. Menschen haben 1.000 andere Möglichkeiten des Daseins, die gibt es vor und nach dem Kinderkriegen. teleschau: Nur dauert manches länger. Krebitz: Ja, klar. Christian Petzold hat "Yella" (ebenfalls mit Striesow und Hoss, Anm. d. Red.) nach uns gedreht und war trotzdem schneller fertig. Ein Grund ist sicherlich, dass ich nur bis vier Uhr arbeite, weil ich dann meinen Sohn vom Kindergarten abhole. Aber auch das hat nicht immer nur was mit Frau und Mann zu tun und den Aufgaben, die man hat. Wolfgang Becker hat, glaube ich, an "Good Bye, Lenin!" über ein Jahr geschnitten. teleschau: Wie wohl fühlen Sie sich auf dem noch neuen Terrain der Regie? Krebitz: Ich habe kein besonderes Auf- oder Abbruchsgefühl. Im Leben gibt es verschiedene Phasen der Orientierung. Als ich Mutter wurde, hatte ich gar keine Lust, mich darzustellen. In der Zeit habe ich mich mehr nach innen orientiert, viele Lampen angebracht, geschrieben, mich zurückgezogen. Dieses Bedürfnis kenne ich auch nach Filmen. Wenn ich jemand anderen gespielt habe, muss ich mir unbedingt selber etwas ausdenken, weil ich wieder zu mir kommen will. teleschau: Sind Ihnen Äußerlichkeiten unwichtiger geworden? Krebitz: Mein Sohn ist gerade vier geworden, und auf der Feier meinte einer der Väter, es sei lustig, wenn man Fotos von sich betrachtet aus der Zeit, bevor die Kinder geboren wurden. Man sieht einfach deutlich, wie einem der Nachwuchs in den Anfangsjahren das Mark aus den Knochen saugt. Es ist anstrengend, alles hinzukriegen, diese fremden Wesen unserem Zeitrhythmus anzupassen. Eine Zeit lang kann man sich tatsächlich nicht um sich kümmern, aber das wird dann wieder. Nein, ich liebe es immer noch, eines Abends schön zu sein. Claudia Nitsche |
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