Jeder wusste es: Es geht dem Ende entgegen. Und ja, der nahe Tod klingt hörbar mit - in der bebenden, der brüchigen Stimme. Und gleichsam in den Liedtexten. Immer wieder wurde Johnny Cash ins Krankenhaus gebracht, doch er kehrte zurück. Nahm weiter auf, bis es nicht mehr ging. Johnny Cash starb am 12. September 2003. "American VI: Ain't No Grave" ist sein letztes Album. Wahrscheinlich ... Hoffentlich ...
"American Recordings" hieß der Auftakt zur Serie und stammt aus dem Jahr 1994. Es folgten vier weitere Alben, das letzte 2006: "American V: A Hundred Highways". Wie schon diesem fünften Teil fehlen nun auch auf dem sechsten die ganz großen Hits. Man erinnere sich: "One", "Hurt", "Personal Jesus" - das waren Coverversionen von nicht zu Unrecht äußerst populären Liedern, die Cash, schon damals von der Krankheit gezeichnet, auf seine Weise interpretierte: Leidend, liebend, nicht unzufrieden sterbend.
Teil VI nun klingt in manchen Momenten gar noch eine Spur schmerzlicher, der Stimme des Man in Black fehlt bisweilen das Volumen, um den Songs die letzte Kraft zu geben. Und dennoch: Natürlich ist auch dieses Album ein Stück Musikgeschichte. Der spirituelle, der gläubige Cash präsentiert sich darauf ein weiteres Mal. Wie auf so vielen seiner Alben rückt der Wunsch nach Erlösung in den Mittelpunkt.
Glanzlichter sind sicher "Redemption Day", im Ursprung von Sheryl Crow, oder auch "Last Night I Had The Strangest Dream" von Ed McCurdy. Und nicht zuletzt der atmosphärisch starke Titelsong "Ain't No Grave", bei dem man ihn wieder förmlich vor sich sieht, den würdigen, energischen Greis, gezeichnet vom Leben. Gleichsam unvergesslich, weil mit einer simplen, aber wunderbaren Melodie versehen, ist "I Corinthians: 15:55", eine bisher unveröffentlichte Cash-Komposition aus den letzten drei Jahren seines Lebens, die zu Recht den Weg auf dieses Album gefunden hat.
Produziert wurde auch "American VI" von Rick Rubin, der während der Aufnahmen ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zu Cash hatte und sich im Rückblick mit dem schönen Satz zitieren lässt: "Als ihm klar war, dass er bald selbst sterben würde, war er ganz ruhig und ging damit ganz nüchtern um - und damit hatte sich's."
Es wird, so heißt es, das letzte Studio-Album von Johnny Cash sein. Einzelne Aufnahmen gibt es noch, die womöglich auf anderen Samplern veröffentlicht werden könnten. Doch die "American Recordings" sind mit ihrem sechsten Album am Ende. Ein würdiges Finale für eine Karriere, die einzigartig war. Die es bleiben wird. Und die nicht vergessen werden wird. Cash selbst wusste es, singt es auf dieser CD: "Es gibt kein Grab, das mich mich festhalten kann."
Kai-Oliver Derks
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