Joanna Newsoms letztes Album "Ys" teilte dessen Hörerschaft in zwei Lager: Viele empfanden ihre fünf Kompositionen, die gemeinsam 55 Minuten verschlangen, als eine nie endende Reise in ein unbekanntes, in prächtigen Klangfarben gezeichnetes Harfenfolk-Märchenland mit extremer Sogwirkung - Rückkehr ungewiss. Andere vermissten die Schlichtheit, die simplen, doch anrührenden Melodien, die die kalifornische Songwriterin auf ihrem 2004er-Debüt "The Milk-Eyed Mender" ihrer Harfe entlockte. Beide Gruppen dürfen nun frohlocken: Auf "Have One On Me" findet Newsom den goldenen Mittelweg zwischen Harfen-Folk und Kunstpop.
Rein äußerlich ist das dritte Album der 28-Jährigen aber dann doch erst einmal erneut ein scheinbar fast jede Zugänglichkeit verhinderndes Opus Magnum: 18 Songs mit einer Spieldauer von über zwei Stunden verteilen sich über drei CDs. Doch "Have One On Me" ist - Gott sei Dank - nicht nur eine zeit-, sondern auch eine atemberaubende Angelegenheit. Denn Newsom sprudelt zwar immer noch vor kompositorischen Ideen, packt diese aber in wesentlich stringentere, auch rein formal kürzere Tracks. Und während den scheinbar frei improvisierten Folkkunst-Epen auf "Ys" kaum ein einfacher Wiedererkennungswert - von Strophe und Refrain mal ganz zu schweigen - abzugewinnen war, verdienen die Stücke auf dem neuen Album wieder das Prädikat "Song".
Auch die Instrumentierung gestaltet Newsom weniger ausladend und opulent. Die großen Orchesterarrangements von Beach-Boys-Intimus Van Dyke Parks sind verschwunden. Gitarre, Banjo, luftig-leichte Bläser, zärtliche Streicher und gelegentliche Percussionsprengsel umgeben - punktgenau eingesetzt - Newsoms Harfenspiel, das stets perfekt im Mittelpunkt steht. Gemeinsam mit ihrer extrem wandlungsfähigen Stimme, die beizeiten jammern, flehen, greinen, verführen, beseelen oder besänftigen kann, gelingen Newsom wieder die intimen Gänsehaut-Folk-Momente, die man auf "Ys" vermisst haben kann.
Viele der Songs verlassen sich gar nur auf Newsoms Stimme und ihr Harfenspiel: das (nur) vierminütige "'81" geht fast als Pop durch, bei "Esme" breitet sich die zärtliche Schönheit des Songs zwar länger aus, hält aber dennoch die Spannung. Und wenn die Songwriterin wie etwa bei "Good Intentions Paving Company" ans Klavier wechselt, ein Schlagzeug einen fast geraden Rhythmus vorgibt, entwickelt Newsom sogar einen ungewohnten und optimistischen Swing. Kurzum: Sowohl Entdeckungsreisende als auch Fans klassischer Folksongs werden an "Have One On Me" ihre Freude haben. Musik und Musikalität gibt es hier schließlich im Überfluss.
Joanna Newsom auf Deutschland-Tournee
16.05., Hamburg, Kampnagel
17.05., Berlin, Passionskirche
19.05., Düsseldorf, Savoytheater
21.05., Frankfurt, Dreikönigskirche
Stefan Weber
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