Das Schönste an Wencke Myhre: Die Norwegerin ist weniger - mal rein stimmlich betrachtet - eine große Sängerin als eine klassische Entertainerin. Seit den 60er-Jahren steht ihr Name für gute Unterhaltung, präsentiert sie ihre Musik mit jeder Menge sympathischem Charme, ausgelassener Heiterkeit und augenzwinkerndem Humor. Insofern verzeiht man ihr einige Schlagerplattitüden auf ihrem neuen Album "Eingeliebt - ausgeliebt" ziemlich leicht. Auch weil ihr erstes Studiowerk seit acht Jahren mit verspielter Leichtigkeit daherkommt und ihre große musikalische Bandbreite zeigt.
Vier Jahre lang arbeitete Myhre gemeinsam mit den Songwritern Rudolf Müssig und Christoph Leis-Bendorff (Barbara Schöneberger, Peggy March, Schürzenjäger) an "Eingeliebt - ausgeliebt" - ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Nichts wirkt hier ge- oder verkünstelt, die stilistisch vielfältigen Songs sind extrem passgenau auf den "musikalischen Allesfresser" (O-Ton Myhre über sich selbst) zugeschnitten. Textlich zeigt sich die Norwegerin offenherzig und unbekümmert. Noch wichtiger aber: Auch humorvoll bis zur Selbstironie und teilweise gar ein wenig frivol. Nichtsdestotrotz: Man nimmt ihr zu jeder Zeit ab, was sie singt.
Insofern ist die flotte Bigband-Swing-Nummer "Ein Schuss zuviel" als Myhres Motto durchaus programmatisch zu verstehen: "Ein Schuss zuviel ist meine Menge, mein Rezept für richtig Spaß", heißt es dort. Selbstbewusst und mit immer offensiv zur Schau gestellter Lebenslust singt sie sich durch ein facettenreiches Album: Von Beziehungs-Chansonpop ("Eingeliebt - ausgeliebt") über klassische Schlager ("Dein Herz mein Herz") und flotte Boogie-Nummern über Sex ("Komm ins Bett") bis hin zu emotionalen Balladen ("Papa lass mich los") reicht ihr Repertoire. An der einen oder anderen Stelle klingt das ein wenig abgegriffen. Das abgedroschen mit spanischer Akustikgitarre und Latino-Rhythmen aufwartetende "Diese Welt ist so schön" etwa ist leider nicht all zu weit vom Tralala-Schlager Marke Flippers entfernt. Aber wie bereits erwähnt: Diese kleineren Schwächen macht Myhre durch ihre ganze Person mehr als wett. Und mit einem Augenzwinkern.
Stefan Weber
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