David Cronenberg

Der Dramatiker

Regisseur David Cronenberg

(tsch) David Cronenberg ist erkältet: Seine Nase läuft, seine Stimme ist rau und wirkt gebrechlich. Ein seltenes Bild des Mannes, der mit seinen starr in die Höhe ragenden grauen Haaren schon als "Baron des Blutes" bezeichnet wurde. Seine Filme "Videodrome", "Die Fliege" und "Scanners" sind verstörende Klassiker der Filmgeschichte. Seine jüngsten Werke "History of Violence" und "eXistenZ" sind düster, schwermütig. Auch bei seinem neuen Film bleibt Cronenberg, der 64-jährige Kanadier, bei Bewährtem: Er schafft komplexe Portraits schwieriger, undurchschaubarer Charaktere, die an die Grenze des Erträglichen getrieben werden. In "Tödliche Versprechen" (Start: 27.12.) schickt er Viggo Mortensen auf diese Reise. Im Interview erklärt Cronenberg, was es mit seinem Stil auf sich hat, wieso ihn Tätowierungen faszinieren und wieso die russische Mafia ihm nun etwas wohlgesonnener sein dürfte.

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teleschau: Dürfte ich Ihre Tattoos sehen?

David Cronenberg: Wenn ich mich vor Ihnen entblößen soll, dann müssen Sie mich schon heiraten.

teleschau: Sie scheinen ja in jedem Fall vernarrt in diese Art von Körperkunst zu sein.

Cronenberg: Den Eindruck kann man natürlich bekommen, wenn man meinen neuen Film sieht. Aber bei mir gibt es übrigens nicht viel zu sehen. Ich habe selbst gar keine Tätowierungen, zumindest keine physischen. Meine persönlichen Vorlieben spielen ohnehin nie eine Rolle, wenn ich einen Film drehe. Ich zeige Tätowierungen, weil sie einfach zu der Natur der Gangster gehören, die ich portraitiere. Geschichten müssen organisch sein und brauchen nicht irgendwelche Zutaten, die einen Film zu einem typischen "Cronenberg" machen.

teleschau: Was ist denn ein "typischer Cronenberg"?

Cronenberg: Es ist merkwürdig, dass viele Leute offenbar überzeugt davon sind, dass ich in meinen Filmen immer ganz bestimmte Elemente integrieren muss. Das klingt ja fast schon zwanghaft! Das Gegenteil ist aber der Fall: Ich las das Drehbuch zu "Tödliche Versprechen" wie ein ganz normaler Zuschauer und stellte mir vor, wie ich es umsetzen könnte. Da hole ich nicht irgendein geheimnisvolles Rezeptbuch hervor.

teleschau: Sie leugnen also Ihren eigenen Stil?

Cronenberg: Nein, ich zeige in Bezug auf die Tätowierungen nur etwas, was schon eine 150-jährige Tradition in russischen Gefängnissen hat. Ich muss aber zugeben, dass die starke Konzentration auf die Aussagekraft der Tattoos nicht im Drehbuch enthalten war, als ich es zum ersten Mal gelesen habe. Viggo hat uns bei den Recherchen auf die Idee gebracht, weil er ein Buch über russische Gefängnisse gelesen hatte und uns eine Dokumentation zeigte, in der es um die dortige Tattoo-Tradition geht. Ich fand es faszinierend, wie sich in dieser Subkultur, die schon seit der Zarenzeit existiert, Feind und Freund untereinander anhand von Bildern auf ihren Körpern identifiziert haben. Quasi mithilfe eines Passworts, geritzt ins nackte Fleisch.

teleschau: Ist das für Sie eine fremde Welt?

Cronenberg: Ich lebe in Toronto, einer Stadt, die sich als multikulturell versteht. Das unterscheidet sich völlig von der US-amerikanischen Philosophie des kulturellen Schmelztiegels, wo man als Einwanderer hingeht und seine bisherige kulturelle Identität aufgeben muss, um die amerikanischen Werte anzunehmen. In Kanada haben wir diese Auffassung nie vertreten, sondern lassen den Immigranten ihre Wurzeln und ihre Verbindungen zu ihrer Herkunft, ob es nun um ihre Sprache, ihre Religion, ihre Rituale und sogar ihre Ernährungsgewohnheiten geht.

teleschau: Was fasziniert Sie so sehr an der dunklen Seite der menschlichen Natur?

Cronenberg: Ich bin eben Dramatiker. George Bernhard Shaw sagte einmal, dass Konflikt die Essenz jeden Dramas sei. Ich glaube auch, dass es ein generelles Verlangen von Künstlern ist, den Menschen zu zeigen, wie die Welt wirklich tickt und was die menschliche Natur wirklich auszeichnet. Das umfasst nicht nur die Dunkelheit, sondern auch Humor. Es gibt viele lustige Situationen in meinen Filmen, auch diesmal ...

teleschau: War Armin Mueller-Stahl Ihre erste Wahl für die Rolle des Mafia-Paten?

Cronenberg: Er kam mir sofort in den Sinn, als ich das Drehbuch las, ebenso wie Viggo Mortensen und Vincent Cassell. Doch das ist wirklich ein Novum, denn ich vermeide sonst immer, mir bestimmte Schauspieler in einer Rolle vorzustellen. Vor allem dann, wenn ich selbst ein Drehbuch schreibe. Das kann die Möglichkeiten einschränken, wohin sich die Geschichte entwickelt.

teleschau: Denken Sie, dass sich die russische Mafia von Ihrem Portrait geschmeichelt fühlen könnte?

Cronenberg: Ich nehme mal an, dass jeder Kriminelle von einer glamourösen Darstellung seines Schlages angetan wäre. Wir alle kennen die "Pate"-Trilogie. Und ich habe tatsächlich über das Internet zugetragen bekommen, dass wir von russischen Kriminellen zweimal den Daumen hoch bekommen haben, also eine klar positive Reaktion für den Film. Sie haben den Trailer gesehen und vielleicht auch schon den Film auf irgendeinem Weg, obwohl er noch nicht angelaufen war. Mein Eindruck ist, dass sie nichts dagegen haben, als Kriminelle portraitiert zu werden, denn das sind sie ja nun mal. Wichtig ist ihnen dagegen, dass sie faktisch korrekt dargestellt werden.

teleschau: Hatten Sie zuvor die Befürchtung, die Reaktionen könnten anders ausfallen?

Cronenberg: Das sie mich umbringen würden, wenn ich einen Fehler mache? Nein, darüber habe ich mir nie Sorgen gemacht. Wir erzählen ja eine erfundene Geschichte.

teleschau: Dennoch neigen Sie zum Realismus.

Cronenberg: Trotzdem bleiben alle Filme Fantasie. Sie sind wie ein Traum: Wenn wir träumen, ist auch immer ein wenig Wahrheit enthalten.

teleschau: Sozial und politisch engagierte Thematiken scheinen in Ihren Filmen mehr Geltung zu bekommen.

Cronenberg: Ich habe mich nie als politischen Filmemacher gesehen. Diese Art von Film interessiert mich nicht. Wenn man sich dazu hinreißen lässt, entweder aus propagandistischen Gründen oder als Ausdruck einer wie auch immer gearteten Ideologie Filme zu drehen, begeht man künstlerischen Selbstmord. Aber natürlich lässt sich Kunst nie in einem Vakuum erschaffen. Sie ist immer von ihrer Zeit und den sozialen und politischen Umständen beeinflusst. Ich habe mich diesen Einflüssen nie entzogen. Als Künstler halte ich Augen, Ohren und Poren offen, um fremde Einflüsse zuzulassen und sie für mich nutzbar zu machen.

teleschau: Welche indirekten Bezüge gibt es diesmal?

Cronenberg: Ich sehe die Kriminellen im Film als Sinnbild der Globalisierung. Alles wächst zusammen, vor allem aber der Kapitalismus. Und in Russland kann man auf primitive Art beobachten, wie kriminell Kapitalismus sein kann.

teleschau: Was bewog Sie dazu, Szenen schonungsloser Gewalt zu zeigen, wie etwa Viggo Mortensens Keilerei im türkischen Dampfbad?

Cronenberg: Es geht darum, Gewalt so darzustellen, wie sie ist: eine brutale Sache. Die glorifizierten Tätowierungen blutüberströmt zu sehen, führt uns die Realität vor Augen. Das Leben eines Kriminellen ist eben brutal, schockierend, unbarmherzig. Es geht nicht um Spiritualität, sondern um körperliche Auseinandersetzung. Jemanden mit einem Messer umzubringen, ist eine sehr intime Angelegenheit.

teleschau: Wieso lachen manche Zuschauer bei dieser Szene?

Cronenberg: Es stimmt, dass es an dieser Stelle teilweise schon Gelächter gab. Doch glaube ich, dass nicht der Humor der Zuschauer angesprochen wird. Vielmehr werden sie durch die extreme Situation verstört. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Aber ich hoffe, dass ein Messer im Auge nur für eine sehr überschaubare Gruppe im Publikum witzig ist.

teleschau: In Deutschland wurden Sie vor Kurzem mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt - eine Auszeichnung unter vielen?

Cronenberg: Ich habe vor einigen Jahren auch den Billy-Wilder-Preis bekommen. Meine Filme sind auf eigentümliche Weise Hybride mit Einflüssen aus Hollywood und Europa. Also wenn ich im Namen eines Mannes wie Douglas Sirk ausgezeichnet werde, der in Europa und Hollywood gleichermaßen Erfolg hatte, ist das eine große Ehre. Wobei ich nicht weiß, ob Wilder oder Sirk meine Filme gemocht hätten.

Leif Kramp

David Cronenberg, 1943 in Kanada geboren, dreht seit Ende der 60er-Jahre Filme. Nun kommt "Tödliche Versprechen" in die Kinos.
David Cronenberg, 1943 in Kanada geboren, dreht seit Ende der 60er-Jahre Filme. Nun kommt "Tödliche Versprechen" in die Kinos. (TOBIS Film)
Am 27.12. kommt mit "Tödliche Versprechen" der neue Film von Regisseur David Cronenberg in die Kinos. Tattoos spielen darin eine besondere Rolle.
Am 27.12. kommt mit "Tödliche Versprechen" der neue Film von Regisseur David Cronenberg in die Kinos. Tattoos spielen darin eine besondere Rolle. (TOBIS Film)
David Cronenbergs neuer Film zeigt schonungslose Bilder. "Es geht darum, Gewalt so darzustellen, wie sie ist: eine brutale Sache."
David Cronenbergs neuer Film zeigt schonungslose Bilder. "Es geht darum, Gewalt so darzustellen, wie sie ist: eine brutale Sache." (TOBIS Film)

Datum: 30.12.2007

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