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Die besten Alben des Jahres 2007

Wir müssen alle kapitulieren

Diverse Diverse

(tsch) Was der Trend des Jahres 2007 war, dürfte klar sein: Mit Acts wie Justice, Trentemoller, Digitalism oder Simian Mobile Disco stand elektronische Musik weit oben in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch auf Albumlänge machte das naturgemäß eher wenig Spaß - zumal es genug Platten gab, die einem ziemlich gut erklärten, wie das mit der Liebe zur Musik so sein kann. Hier sind die zehn schönsten Alben des Jahres.

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1) Tocotronic - Kapitulation

Einen monströseren ideologischen Überbau gab's 2007 wohl nirgendwo zu einer Platte. Dirk von Lowtzow und seine Mannen singen sich unverdrossen ins schöne Scheitern, kehren Begrifflichkeiten ins Gegenteil und rufen zum Kampf gegen die Realität auf. Das ist nicht nur ein wichtiges Statement gegen die deutsche Leistungsgesellschaft, sondern auch eine dicht inszenierte und zeitgemäße Rockplatte. Das Beeindruckende: die Schönheit des Vorgängers, diese Märchenwaldstimmung, die ist trotzdem noch da.

2) Shout Out Louds - Our Ill Wills

Die große Industrie setzte die Schweden nach dem gefloppten Debüt "Howl Howl Gaff Gaff" erst einmal vor die Tür. Die nickten höflich und arrangierten sich mit den Umständen. Heraus kam eine bittersüße Popplatte, die immer noch manchmal nach The Cure, aber immer sehr gut klingt. Songs wie "Impossible" oder "Tonight I Have To Leave It" klingen so traurig wie schwer verletzte Rehe im Straßengraben.

3) Wu-Tang Clan - 8 Diagrams

Das Comeback des Jahres. New Yorks HipHop-Crew Nummer eins rappt und sampelt sich in eine staubig knisternde Martial-Arts-Atmosphäre. Mit dabei: alle, die was können, vor allem aber Erykah Badu, John Frusciante und Dhani Harrison. Deren "The Heart Gently Wheeps" ging zwar irgendwie etwas unter, ist aber einer der schönsten Songs des Jahres. Fazit: Das Standing als Ausnahmekünstler, als Kapazitäten des Genres, das hat der Clan mit "8 Diagrams" noch einmal ausgebaut.

4) Arcade Fire - Neon Bible

Kanada verzaubert: Wie schon das Debüt ist auch "Neon Bible" eine Platte, die fernab aller Realitäten funktioniert und lieber an Orte erinnert, die mit Rockmusik nicht so viel zu tun haben, aber ansonsten grundverschieden sind: Kirchen, Holzhütten, Shangri-La, tiefe Wälder. Vermittelt wird das alles mit wuchtigen Arrangements, Springsteen-Bezügen und weltuntergangsnahen Orchestersätzen.

5) Voxtrot - Voxtrot

"Cheer me up, cheer me up, I'm a miserable fuck": Voxtrot aus Austin, Texas waren 2006 die Band, die wohl für am meisten Unruhe in den einschlägigen Blogs sorgte. Im Vergleich zu diesem Riesenwirbel ging das Debütalbum fast ein bisschen unter, was nicht nur schade, sondern auch eine Frechheit war. Auch der Langspieler der in England gefeierten Band punktete mit klugen Popsongs irgendwo zwischen Tweepop und Belle & Sebastian.

6) Die Türen - Popo

Eine Platte wie ein In-Stadtteil einer deutschen Metropole. Die Berliner singen sich quer durch die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Jetztzeit und schaffen es, gleichzeitig klug und sexy zu klingen. Vielleicht weil's musikalisch oft genug Richtung Superparty geht: Angeteasert werden nicht die üblichen Referenzpunkte, sondern 70er-Rock im Sinne der Spider Murphy Gang und, äh, Geier Sturzflug. Bester Song: die Sehnsuchts-Hymne "Indie Stadt".

7) Mika - Life In Cartoon Motion

Jeder, der seine sieben Sinne zusammen hatte, erkannte schon beim ersten Hören von "Grace Kelly", dass da Großes auf uns zukommt. Mika, der Brite mit den Multikulti-Wurzeln, ist einer, von dem man in den nächsten Jahren sehr viel hören wird. Auf seinem Debüt-Album zeigt er, dass er alles kann: augenzwinkernden und doppelbödigen Spaßpop ("Lollipop"), die große Geste mit Stadion-Appeal ("My Imagination") und Disco ("Take It Easy"). Fetzentyp, Fetzenplatte.

8) Tele - Wir brauchen nichts

Die dritte Platte der Berliner Popband ist die, die ihre Hände am weitesten dem ganz normalen Pop-Mainstream entgegenstreckt. "Mario" ist 'ne Hymne - zehn weitere finden sich auf "Wir brauchen nichts" locker. Was schön ist: Sänger Francesco agiert extrem assoziativ, lässt sich vom Text lenken und biegt so oft in eine Unerklärbarkeit ab, die kein Stück aufgesetzt wirkt. In einer gerechten Welt wären Tele Stars.

9) Bruce Springsteen - Magic

Der Boss! Gemeinsam mit der E Street Band! Wieder so eine Rückkehr, die überfällig war. Nach den eher bedächtigen letzten sechs Jahren lässt's Springsteen auf "Magic" krachen. Aber halt auf so eine 2.0-Art. So ist "Your Worst Enemy" in Sachen Melodieführung gar nicht so weit weg von Rufus Wainwright, auch "Girls In Their Summer Clothes" klingt fast modern. Aber keine Sorge, andere Stücke, etwa "Radio Nowhere", rocken holzfällerhemdsämlig nach vorne.

10) Rufus Wainwright - Release The Stars

Wo wir gerade bei Wainwright sind: Der war dieses Jahr so etwas wie das Fleißbienchen der Popmusik. Zwei Deutschlandtouren, eine Klassik-Compilation, Live-CD, DVD - und natürlich "Release The Stars". Sein fünftes Studioalbum ist eine pathetische Platte, die gekonnt zwischen Pop und Klassik, zwischen Melodie und Arrangement hin- und herkippt und dabei immer ein ganz kleines bisschen übertreibt. Tipp: das ohnehin grandiose "Tiergarten" im schwülen Supermeyer-Remix kaufen. Gibt's bei iTunes, dauert 13 Minuten und ist jeden seiner 249 Cent wert.

Jochen Overbeck




Datum: 31.12.2007

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