Ludivine Sagnier

Träumen mit Claude Chabrol

Schauspielerin Ludivine Sagnier

(tsch) Morgens hin, abends zurück: Nur für einen Tag ist Ludivine Sagnier ("8 Frauen", "Swimming Pool") nach Deutschland gekommen. Die zierliche Schauspielerin (28) ist "Die zweigeteilte Frau" (Kinostart: 10.01.), ein Spielzeug zweier Männer, die die hübsche Wetterfee Gabrielle als Bestätigung für ihr Ego ausnutzen und auf dem Altar der Eitelkeit opfern. Auch wenn Ludivine Sagnier fast in dem viel zu großen Sofa in einem Münchner Nobelhotel zu versinken scheint, verraten die funkelnden Augen mit denen sie von den Dreharbeiten, Regisseur Claude Chabrol und - typisch französisch - gutem Essen und ein wenig Politik redet, die Leidenschaft, mit der sie ihren Beruf ausübt. Lediglich bei Fragen nach ihrem Privatleben blockt die allein erziehende Mutter einer dreijährigen Tochter charmant, aber sehr bestimmt ab.

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teleschau: Geht für eine Schauspielerin ein Traum in Erfüllung, wenn Claude Chabrol anruft?

Ludivine Sagnier: Ich hab's zunächst gar nicht geglaubt, konnte es einfach nicht fassen. Als französische Schauspielerin bin ich natürlich von der Nouvelle Vague beeinflusst, meine kulturellen Referenzen sind François Truffaut, Jean-Luc Godard und eben Claude Chabrol. Mit ihm zu arbeiten, das war unfassbar, es kam mir vor, als dürfte ich plötzlich ein kleiner Teil einer großen Legende sein.

teleschau: Wie ist denn die Zusammenarbeit mit einer Legende?

Sagnier: Super, er ist ein Schatz.

teleschau: Gar nicht zynisch?

Sagnier: Klar ist er zynisch, aber das ist bei ihm eher schelmisch und liebenswert. Weil er ein liebenswerter Mann ist. Claude ist unheimlich intelligent und steckt voller Esprit. Außerdem arbeitet er seit ungefähr 25 Filmen mit derselben Crew zusammen. Die Leute kennen sich also sehr gut und das gibt der Arbeit etwas sehr Familiäres. Ich fühlte mich von Claude Chabrol und seiner "Familie" adoptiert. Zur Arbeit zu gehen, war wie nach Hause zu kommen.

teleschau: Und da kocht dann der Regisseur. Es heißt, Claude Chabrol sei ein echter Gourmet ...

Sagnier: Auf jeden Fall. Und er kocht manchmal wirklich für die ganze Crew. Er hat zum Beispiel für die ganze Mannschaft einen Tartare zubereitet: Da stand er also mit einer Wanne voller Rinderhackfleisch, hat Eier reingeschlagen, Gewürze dazugegeben und eine Riesenfreude gehabt, für alle Leute etwas Leckeres zuzubereiten. Außerdem lädt er bei jedem seiner Filme die ganze Truppe in ein gutes Restaurant ein. Nach dem Dessert fängt er dann traditionell an zu singen. Er tut dabei so, als wäre er der schlechteste Operettensänger der Welt. Das bringt ihm eine Menge Buhrufe und zerknüllte Servietten ein und macht allen eine Menge Spaß.

teleschau: Stimmt es, dass Chabrol Sie angerufen hat, nachdem er sie als Glöckchen in "Peter Pan" gesehen hat?

Sagnier: Es hat wohl dazu beigetragen, dass er mit mir arbeiten wollte. Ich glaube, er mochte die Idee, ich sei eine kleine Fee.

teleschau: Gabrielle ist ja in gewisser Hinsicht auch eine Fee, wirkt aber wie aus einer anderen Zeit. Würde man sich heutzutage nicht einfach einen anderen, netten Kerl suchen, anstatt sich solchen Unsympathen wie im Film auszuliefern?

Sagnier: Ich glaube nicht, dass es eine Frage der Epoche ist. Wenn man lieben will, ist es immer eine Frage des Herzens. Egal in welcher Zeit.

teleschau: Die "Die zweigeteilte Frau" basiert auf einer 100 Jahre alten wahren Begebenheit - wäre so eine Geschichte das heute noch möglich?

Sagnier: Damals, 1905 in New York, ist die Geschichte schlecht ausgegangen, weil die Frau weniger unabhängig war. Sie hatte also nicht die Möglichkeit, sich wieder hochzurappeln und den Skandal zu überstehen. Heutzutage ist das möglich, was man am Beispiel von Gabrielle sieht. Klar, sie wurde verarscht und geopfert, sie stirbt in gewisser Weise. Aber sie wird auch wiedergeboren, kann ein neues Leben beginnen. Sie steigt auf wie ein Phönix aus der Asche. Der Unterschied, auch hinsichtlich Ihrer vorherigen Frage ist, dass die Frauen heute mehr Kraft haben, mehr Möglichkeiten, mehr Freiheiten, um sich aus solchen Situationen zu befreien. Das macht den Film zu einer modernen Geschichte.

teleschau: Es gibt eine provozierende, fast schon schmutzige Erotik in diesem Film. Störte Sie das nicht?

Sagnier: Claude ist jemand, der sich in seinen Filmen gern mit gefährlichen, extremen, intimen Situationen beschäftigt. Natürlich gehört er aber auch einer Generation an, die in gewisser Hinsicht "altmodisch" ist. Er redet einfach nicht so, wie es in unserer Generation üblich ist. Und filmt natürlich auch nicht so. Da gibt es also eine Lücke zwischen dem, was er in seinen Filmen passieren lässt und dem, was er zeigt. Er deutet viel an und lässt den Rest in den Köpfen des Publikums geschehen. Er erzählt zwar teilweise schreckliche Sachen, schafft durch seine Herangehensweise aber auch eine Sicherheit gebende Distanz für seine Schauspieler. Für Claude Chabrol ist "Die zweigeteilte Frau" fast schon ein pornografischer Film. Es gibt ein paar sehr unmoralische, sehr eklige Situationen, in die Gabrielle gebracht wird. Man weiß das als Zuschauer, aber es gibt keine Bilder davon. Manchmal sieht man eben mehr, wenn man weniger gezeigt bekommt.

teleschau: Mögen Sie die visuelle Zurückhaltung älterer Filmemacher?

Sagnier: Ich mag ältere Typen im Allgemeinen (lacht). Nein im Ernst, ich arbeite sehr gerne mit Regisseuren verschiedener Generationen zusammen. Bei Claude Chabrol ist es etwas Besonderes. Er stammt aus einer anderen Zeit, hat viele illustre Bekannte gehabt. Alfred Hitchcock war einer seiner Freunde, Truffaut auch und Ingmar Bergman. Mit ihm zu arbeiten, bedeutet, sich einer ganz anderen Generation anzunähern. Und das lässt mich träumen.

teleschau: Dabei hat Sie Claude Chabrol in ein Pfauenkostüm gesteckt und auf allen Vieren die devote Liebessklavin spielen lassen ...

Sagnier: Das war in der Tat einer der weniger angenehmen Momente in meiner Karriere. Aber es war notwendig, weil diese Szene sehr wichtig für den Film ist. Und Claude hat mir sehr sensibel die Angst davor genommen, er war sehr behutsam. Ansonsten hätte ich sie nicht drehen können.

teleschau: Ist Claude Chabrol ein Feminist?

Sagnier: Ich glaube nicht, er ist einfach gerecht. Man redet am Set natürlich auch über Politik und Gesellschaft, aber in den Diskussionen gab es keine Extreme. Dabei haben einige französische Journalisten das Bild von der zweigeteilten Frau mit dem zweigeteilten Frankreich verglichen.

teleschau: Ist Frankreich denn zweigeteilt?

Sagnier: Die eine Hälfte hat den Präsidenten gewählt. Nicolas Sakorzy benimmt sich wie ein Marktschreier, der die Menschenrechte wie Fisch verkauft: (lauter werdend) "Wer will meine Menschenrechte, wer will meine Demokratie. Ich geb' sie billig ab mit 25 Prozent Rabatt." Er ist dabei, alle Grundwerte Frankreichs zu verramschen. Die andere Hälfte sorgt sich, dass der soziale Graben tiefer wird, was zum Beispiel zu Gewalt in den Banlieues führt. Und dann lädt Sakorzy auch noch Ghaddafi ein, um ihm Flugzeuge zu verkaufen und gratuliert Wladimir Putin, einem der größten Gangster der Welt, zu den Wahlen in Russland. Das ist ganz schön widerlich. Da müssen Sie doch ein negatives Bild von Frankreich bekommen, oder nicht?

teleschau: So schlimm ist es nicht, es ist schließlich nur ein einzelner Politiker. Um noch mal auf die zweigeteilte Frau zurückzukommen: Wer küsst besser, der in Ehren ergraute François Berléand oder Frauenschwarm Benoît Magimel?

Sagnier: Benoît habe ich nicht geküsst, wir hatten zwar einige Bettszenen miteinander. Aber es gab keinen Kuss.

teleschau: Haben Sie das bedauert?

Sagnier: Ehrlich? Als ich klein war, war ich ihn verliebt. Aber ich habe jetzt natürlich nicht davon geträumt, ihn zu küssen. Obwohl ich sehr zufrieden war, mit zwei so tollen und gut aussehenden Schauspielern zusammenzuarbeiten.

teleschau: Da müssen Sie ja auch nicht nach Hollywood gehen ...

Sagnier: Während die Drehbuchschreiber streiken, wäre es ja auch nicht so clever. Ernsthaft: Warum nicht Hollywood? Ausschließen will ich es nicht. Ich habe zwar im Moment viel Arbeit in Frankreich. Aber wenn die Projekte vorbei sind, dann schauen wir mal. Eine internationale Karriere fände ich spannend, aber gute Regisseure gibt es nicht nur in den USA.

Andreas Fischer

Gabrielle Deneige (Ludivine Sagnier) wird in Claude Chabrols "Die zweigeteilte Frau" von zwei Männern begehrt und innerlich zerrissen.
Gabrielle Deneige (Ludivine Sagnier) wird in Claude Chabrols "Die zweigeteilte Frau" von zwei Männern begehrt und innerlich zerrissen. (Concorde)
Als "Die leine Lili" (Donnerstag, 31. Januar, 21.00 Uhr, ARTE) spielt Ludivine Sagnier eine Schauspielerin und verdreht Nachwuchsregisseur Julien (Robinson Stévenin) den Kopf.
Als "Die leine Lili" (Donnerstag, 31. Januar, 21.00 Uhr, ARTE) spielt Ludivine Sagnier eine Schauspielerin und verdreht Nachwuchsregisseur Julien (Robinson Stévenin) den Kopf. (ARTE F / Frédérique Barraja)
Spätestens François Ozons "Swimming Pool" hat Ludivine Sagnier zum Durchbruch verholfen.
Spätestens François Ozons "Swimming Pool" hat Ludivine Sagnier zum Durchbruch verholfen. (Constantin)

Datum: 07.01.2008

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