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Blindsight
Blindsight(tsch) "Blindsight" dokumentiert, wie sechs junge Tibeter einen Berg besteigen, der beinahe so hoch ist wie der Mount Everest. Die blinden Jugendlichen stellten sich, angefeuert von einem Extremsportler und begleitet von einer Frau, die es gut mit ihnen meint, einer enormen Herausforderung. Festgehalten in einem Film mit viel Gespür für zwischenmenschliche Nuancen, dabei ganz und gar nicht harmoniebedürftig. Nebenbei bietet Regisseurin Lucy Walker Einblick in massivste Diskriminierungen Sehbehinderter im buddhistischen Glauben. Anzeige
Sabriye Tenberken konnte zwar schon viele Jahre nichts mehr sehen, als sie nach Tibet kam, doch dass diese Kinder Unterstützung brauchen, erkannte die 37-Jährige sozusagen blind. Die gebürtige Kölnerin gründete 1998 ein Zentrum, das jenen Jugendlichen die Möglichkeit gab, eine von ihr entwickelte Braille-Schrift zu lernen und einen Beruf zu ergreifen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Selbst Eltern und nahe Verwandte wenden sich von den Jungen und Mädchen ab, sie gelten als verflucht. Der Glaube besagt, dass sie Schlimmes getan haben in ihrem vorigen Leben und mit der Löschung des Augenlichts bestraft wurden. Erik Weihenmayer hat den Mount Everest bezwungen. Der 39-Jährige ist Extremsportler. Als Tenberken ihn einlud, schmiedete er den Plan der Bergbesteigung. Um das Gemeinschaftsgefühl nach amerikanischer Art zu stärken, bedruckte er Shirts für das Experiment "Climbing Blind". Die Besteigung des Lhakpa Ri wurde für alle eine Grenzerfahrung, bei der auch deutlich wurde, dass es sehr wohl eine Rolle spielt, in welchem Land man blind geboren wird. Konflikte zwischen dem amerikanischen Erfolgsmenschen, der von seinem Vater, einem Vietnam-Veteranen, zeit seines Lebens unterstützt wurde, und Tenberken, die auf das Wohl der Kinder bedacht war, waren nicht zu vermeiden. Wie wichtig der Berg ist bei so einem Unternehmen, das galt es zu klären. Für die spannende Umsetzung zeichnet Lucy Walker verantwortlich, die Frau, die 270 Stunden Material zu knapp 110 Minuten Film verdichtete. Auch Walker ist auf einem Auge blind. Doch das tut nichts zur Sache. Denn diese Dokumentation ist künstlerisch wertvoll, mutig und verschafft einem Thema Aufmerksamkeit, das durchaus unter die Überschrift "Gottes vergessene Kinder" passt. Der Anfang gelingt der Regisseurin grandios. Sie schaltet die Kamera ein und aus, lässt den Zuschauer nur hören, sodass er den Berg einen Moment lang erlebt, wie es ein Blinder tut. Wenn das Bild zurückkommt, starrt man in die Tiefe, erschrickt. Dann jedoch gleitet der Blick in die Weite, zeigt atemberaubende Landschaft, und man beginnt sich zu fragen, wie das sein muss, ohne Augenlicht die Aussicht zu genießen. Nach und nach stellen sich die Jugendlichen vor. Die Filmemacherin ging mit Sabriye Tenberken in die Familien, wo teils erschütternde Interviews gedreht wurden. Blindheit in Tibet, das ist ein weit verbreitetes Phänomen. Rund 35.000 sind betroffen bei nur 2,4 Millionen Einwohnern. Gründe gibt es viele, die starke UV-Strahlung, die Ernährung, Vitamin-A-Mangel. Die Erklärung der Tibeter ist eine andere. Blinde haben schlechtes Karma angesammelt. Tenberkens Einsatz trägt jedes Jahr neue Früchte, das kleine Blindenzentrum wird mittlerweile von ehemaligen Schülern geleitet. Die Expedition war für sie nur eine Aktion von vielen. Ein Versuch, den Kindern etwas über Zusammenhalt beizubringen. Für Erik Weihenmayer sollte es eine weitere Heldentat werden. Manchmal bleiben die Kinder auf der Strecke, wenn die Erwachsenen dazulernen und Kompromisse finden. Durch sein aufwühlendes Thema und den Mut, Meinungen kollidieren zu lassen, hebt sich "Blindsight" von zahlreichen Dokumentationen ab, die nur etwas zeigen wollen. Der Spannungsbogen wird gehalten, die Schicksale der sechs Teenager gehen zu Herzen. Selten gelingt es, so viel zwischen den Zeilen zu erzählen - zum Beispiel über blinde Menschen, die ihr Handicap keineswegs einen muss. Oder über ein Land, das erlebte Ungerechtigkeit weitergibt. Claudia Nitsche |
Credits: Laufzeit: 104 Min. Kinostart:10. Januar 2008 |
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