logo
Anzeige
Control

Control

(tsch) "Control" lässt den "Joy Divison"-Sänger Ian Curtis auferstehen. Seine bizarre Verklärung zum Gruftie-Godfather begann, nachdem er sich im Alter von 23 Jahren im Mai 1980 das Leben nahm. Sein tragisches Ende heizte die Fantasie der Fans an, die begannen, sich komplett in Schwarz zu kleiden und mit bleichen Gesichtern durch die Städte ziehen. Zur Ikonisierung des Sängers trugen auch die Bilder eines Fotografen bei, den die Musik von Joy Division 1979 dazu brachte, von Holland nach England zu gehen. 30 Jahre später kommt nun das Spielfilmdebüt dieses Fotografen, Anton Corbijn, hierzulande in die Kinos - und es handelt von Ian Curtis.

Anzeige

 

Das atmosphärisch dichte Biopic in Schwarz-Weiß will mehr als ein Musikfilm sein und stellt ganz gezielt den Menschen Curtis in den Mittelpunkt - um den Preis der Vernachlässigung der anderen Bandmitglieder, die nach seinem Tod als "New Order" Erfolge feierten. Die zugleich traurig, rätselhaft, zornig und majestätisch wirkenden Songs von Joy Division werden in "Control" zu Spiegelbildern der inneren Konflikte des Leadsängers - und ziehen ebenso in den Bann wie die komplexe Persönlichkeit von Curtis und seine stilbildenden Bühnenauftritte.

Die Geschichte beginnt 1973 in der nordenglischen Kleinstadt Macclesfield nahe Manchester. Der introvertierte Schüler Ian (Sam Riley) lebt in seiner eigenen Welt. Oft sitzt er allein in seinem Zimmer, schreibt Gedichte und Songtexte, probiert Drogen aus. Eine seiner wenigen Verbindungen zur Außenwelt während dieser Zeit der einsamen Sinnsuche stellt die Musik vor allem seiner Idols David Bowie dar. Mit 19 lernt er Debbie (Samantha Morton) kennen. Die junge Liebe führt überraschend schnell zur Heirat. Ian spürt weiter den inneren Drang zur Musik, hat jedoch noch keinen Kanal dafür gefunden. Nach einem denkwürdigen Konzert der "Sex Pistols" weiß Ian, dass er selbst Musik machen will. Als Freunde einen Sänger für ihre Band suchen, nutzt er die Gelegenheit.

Als Joy Division erlangen die jungen Männer lokale Berühmtheit in der Musikszene Manchesters. Die Fans sind begeistert von den existenzialistischen Texten, dem düsteren Sound und dem melancholischen Charisma des Leadsängers. Trotz des Erfolgs, inzwischen ist auch der berühmte Labelboss Tony Wilson (Craig Parkinson) auf Joy Division aufmerksam geworden, weiß Ian nicht, ob er sich wirklich ganz der Musik widmen und sein bürgerliches Leben aufgeben will. Das besteht aus einem sicheren Job beim Arbeitsamt, einer Frau und inzwischen auch einem Kind, die in seinem Zuhause auf ihn warten.

Genau dieser zweite Aspekt überrascht in "Control". Hier wird nicht das Sex, Drugs and Rock'n'Roll Klischee rund um ein hedonistisches Musikidol heruntergebetet, sondern ein Typ von nebenan gezeigt, der mit Kumpels infiziert vom Punk-Fieber eine Band gegründet hat und deren Musik zufällig den Nerv der Zeit trifft. Exzentrisch macht ihn nur sein unsteter Charakter. Ob im Privatleben oder in der Band - er initiiert etwas mit Begeisterung und verliert danach schnell die Lust daran. So lassen ihn auch der Erfolg und die Bewunderung der Fans nicht kalt, doch irgendetwas hindert ihn daran, richtig durchzustarten.

Sein Leben wird zunehmend komplizierter, als er sich in die belgische Journalistin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) verliebt. Sie wird Teil seines Lebens und als Edel-Groupie zur Frau an seiner Seite, wenn er als Musiker unterwegs ist. Eine Situation, die für ihn zu einer kompletten Gefühlsverwirrung führt und im einzigen Chart-Hit "Love will tear us apart again" Ausdruck findet. Der übersensible Curtis verliert immer mehr die Kontrolle, nicht nur über seine Gefühle und eigenen verwirrenden Lebenswünsche, sondern auch über seinen Körper, der auch auf der Bühne von epileptischen Anfällen geschüttelt wird und den von ihm geprägten Robotertanz eine bittere Note verleiht.

"Control" steht und fällt mit der Besetzung der Rolle des Ian Curtis. Der bisher unbekannte Musiker und nun Schauspieler Sam Riley erweist sich hier als Volltreffer. Er bringt den Geist der Songs, die er selbst mit einer ähnlich dunklen Stimme singt, sowie die Faszination von Curtis' Bühnenauftritten perfekt auf die Leinwand. Seine immer melancholisch dreinblickenden Augen haben wohl auch Alexandra Maria Lara berührt - aus den beiden wurde beim Dreh ein Paar.

Corbijns Intention mit "Control" ist es, von einem jungen Mann zu erzählen, dessen Traum zum Albtraum wurde, mit dem er aus ungeklärten Gründen nicht fertig werden konnte - abseits des Hypes, der um ihn als Musiker gemacht wurde. Ein hoch gesetztes Ziel für einen, der in den vergangenen Jahrzehnten das Image von Gruppen wie Depeche Mode, U2 oder Nick Cave durch Fotos und Videoclips mitgeprägt und so ihren Erfolg gefördert hat.

Ein bisschen wirbt letztlich auch "Control" mit perfekt inszenierten Konzertszenen auf raffinierte Weise dafür, die Musik von Joy Division neu zu entdecken und zu kaufen.

Diemuth Schmidt

Credits:
V:Central, GB / USA 2007, R: Anton Corbijn, D: Sam Riley, Alexandra Maria Lara, Samantha Morton u.a.

Laufzeit: 121 Min.

Kinostart:
10. Januar 2008


Die attraktive Journalistin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) plant ein Interview mit der Newcomerband Joy Division.
Die attraktive Journalistin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) plant ein Interview mit der Newcomerband Joy Division. (2007 capelight pictures / Dean Rogers)

Schon als Teenager wollte Ian Curtis (Sam Riley) so sein wie David Bowie.
Schon als Teenager wollte Ian Curtis (Sam Riley) so sein wie David Bowie. (2007 capelight pictures / Dean Rogers)

Ian (Sam Riley) und Deborah Curtis (Samantha Morton) sind noch sehr jung, als sie heiraten.
Ian (Sam Riley) und Deborah Curtis (Samantha Morton) sind noch sehr jung, als sie heiraten. (2007 capelight pictures / Dean Rogers)

Datum: 07.01.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Control" lesen

Lesen Sie doch auch die Diskussion in unserem Forum zu "Control".
Artikel ID 195431

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Chabrol und Rohrbach werden mit Berinale Kamera geehrt
    Die Berlinale Kamera geht in diesem Jahr an zwei wichtige Filmschaffende, die sich beide darauf verstehen, die großen Literaten ihrer Heimatländer erfolgreich auf die Leinwand zu bringen: Regisseur Claude ...

    Frankreichs "Public Enemy No.1" hieß Jacques Mesrine
    2009 kommen zwei Filme ins Kino, die mit ähnlichem Titel zwei legendäre Verbrecher porträtieren: Michael Manns „Public Enemies“ über den amerikanischen Bankräuber John Dillinger und der französische Thriller ...

    Isabelle Huppert erledigt "Eine Frauensache"
    "Ich wollte einen ergreifenden Film über eine einsame, orientierungslose Frau machen, die nicht begreift, was ihr geschieht", sagte Claude Chabrol über sein Drama "Eine Frauensache" (1988). So gesehen ...

    Chabrol macht aus Gérard Depardieu "Kommissar Bellamy"
    Obwohl "Kommissar Bellamy" einen typischen Krimiplot hat, wäre es nicht ganz zutreffend, den Film als einen Krimi zu bezeichnen. Denn im neuen Werk des Altmeisters des französischen Kinos Claude Chabrol ...

    "Ein Geheimnis" versammelt die Stars des französischen Kinos
    „Ein Geheimnis“ hat wahrscheinlich jede Familie. Doch in Claude Millers Drama ist es ein so schreckliches, dass es Jahrzehnte braucht, bis es wieder ans Licht kommt, um endlich verarbeitet zu werden. ...

    Super: "Public Enemy No. 1 - Todestrieb & Mordinstinkt"
    In den 60ern und 70ern hatte das Böse in Frankreich offiziell einen Namen: Jacques Mesrine. Das war ein smarter, charismatischer, aber auch unberechenbarer Mann, der außerhalb des Gesetzes lebte und zum ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 4038 - task = view - option = com_content - limitstart= 0