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Sabriye Tenberken
Scheitern ist eine Möglichkeit(tsch) Blinde Menschen können Unglaubliches vollbringen. Die sechs tibetischen Schüler, die einen 8000-er im Himalaja bestiegen, sind da nicht die Ersten. "Blindsight" (Kinostart: 10.01.) heißt der Kinofilm, der dieses Vorhaben mit durchdringendem Blick dokumentiert, dabei viele Gedanken entblößt und Vorurteilen kein Versteck lässt. Diese Ehrlichkeit rührt. Alles konzentriert sich auf Sabriye Tenberken, eine Deutsche, die in den letzten neun Jahren in Tibet Projekte initiierte und mit der Bergbesteigung den Kindern die Möglichkeit gab, sich selbst herauszufordern.Anzeige
Sabriye Tenberken ist eine Frau der klaren Worte. Sie wirkt aufgeräumt und selbstsicher, spricht sehr klar, was den Eindruck vermittelt, dass sie ein Erfolgsmensch ist. Vielleicht ist sie manchem zu burschikos. Das Problem vieler erfolgreicher Frauen. Jene, die hier kerzengerade an einem Tisch in einem Berliner Hotel sitzt, ist mit zwölf Jahren erblindet und vermag doch genau hinzusehen. Sie scheut keinen Konflikt, selbst wenn die Luft dünn wird. Das zeigt der Film. Die Erklärung dafür ist umso verwunderlicher: weil sie Scheitern als Möglichkeit zulässt und nichts beschönigt. teleschau: Frau Tenberken, was war das Schlimmste am Berg? Sabriye Tenberken: Die Kälte. Ich bin kein Mensch, der mit solchen Temperaturen umgehen kann. Das liegt auch daran, dass ich auf meine Finger angewiesen bin. Sie sind meine Augen. Ohne sie bin ich wirklich blind. Wenn dazu ein ohrenbetäubender Sturm kommt, verliere ich die Orientierung, denn dann bin ich blind und taub. teleschau: Sie haben den tibetischen Kindern einen Ausflug ermöglicht, der Ihnen sehr viel Verantwortung übertrug, durchaus über Leben und Tod. Tenberken: Die übernimmt man auch, wenn man in Bonn Mobilitätstraining mit Blinden macht. Selbst eine Mutter, die ihrem sehenden Kind Radfahren beibringt, entscheidet irgendwann, es in den Straßenverkehr zu lassen. Diese Verantwortung gibt es immer im Leben. Tibetische Kinder würden Berlin vermutlich als gefährlich empfinden, schließlich klaut in den Bergen keiner die Taschen. teleschau: Es ist eine erstaunlich ehrliche Dokumentation, die nicht nur Harmonie präsentiert. Tenberken: Ja, denn wichtig ist vor allem die Frage, um was für einen Gipfel es geht und Scheitern als Möglichkeit zuzulassen. Was ich ein bisschen schade finde, ist, dass es so dargestellt wird, als ob ausschließlich drei blinde Schüler mit der Höhe nicht klarkamen. teleschau: Der Gedanke kam mir nicht. Tenberken: Doch, unterschwellig heißt die Botschaft: Blind ist gleich anfällig. Es gab aber genauso sehende Bergführer oder auch die Regisseurin, die Probleme mit der Höhe hatten. Der Berg macht da keine Unterschiede. Teleschau: Ein Zitat aus dem Film besagt, dass Blindheit einhergeht mit der "Angst vergessen zu werden". Kennen Sie dieses Gefühl? Tenberken: Ja, in der Zeit, als ich selbst blind geworden bin, habe ich bemerkt, dass ich meine Freunde verlor. Dieses totale Einsamkeitsgefühl hat nichts direkt mit der Blindheit zu tun, sondern zeigt, dass die anderen Menschen nicht damit umgehen können. teleschau: Wie haben Sie sich dieses Verhalten erklärt? Tenberken: Meine Freundinnen hatten das Gefühl, ich sei jetzt anders. Ebenso wie einige Lehrer und Eltern. Ehrlich, mit dem Blindwerden alleine kommt man klar. Weh tut das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden. teleschau: Gab's nicht wenigstens eine Freundin, die zu Ihnen hielt? Tenberken: Nein, ich war eine Zeit lang absolut alleine und auf dem Nullpunkt. Erst als ich ein Mädchen kennenlernte, das genauso wenig sah wie ich, hatte ich einen Identifikationspunkt und für mich beschlossen, dass mein Umfeld ignorant und unsicher ist. Da habe ich geahnt, dass es hier nicht um meine eigene Blödheit geht. teleschau: Wodurch kamen Sie dann wieder auf die Beine? Tenberken: Das Internat in Marburg war essenziell. Ich lernte dort Techniken, die meine Probleme lösten. Sport was dabei sehr wichtig. teleschau: Loslassen steht für Sie auch im nächsten Jahr an. Sie haben ein neues Projekt in Indien, verlassen Tibet nach fast zehn Jahren. Wie schwer ist es, zu gehen? Tenberken: Das ist für mich kein Problem. Ich habe generell keine Schwierigkeiten mit Loslassen. Das Zentrum in Lhasa wird mittlerweile von ehemaligen Schülern geführt. Teleschau: Sie haben keine eigenen Kinder ... Tenberken: Mein Lebensgefährte und ich haben uns bewusst dagegen entschieden, da wir viel mehr für andere Kinder tun können, wenn wir uns nicht auf unsere eigenen fokussieren. teleschau: Der Umgang mit blinden Kindern in Tibet kann einem den Magen umdrehen. Tenberken: Mich macht es wütend. Es gibt, wie man im Film sehen kann, Eltern, die ihre blinden Kinder als "Abfall" bezeichnen. Blindheit wird von abergläubischen Menschen oft als Strafe für schlechte Taten in einem vergangenen Leben gesehen. Manche sagen, Blinde hätten schlechtes Karma angesammelt oder seien von Dämonen besessen. Der buddhistische Glaube hilft nicht unbedingt, diese Vorurteile zu vermeiden. Als ich den Kindern einmal John Lennons "Imagine" vorspielte, sind bei der Zeile "Imagine no religion" einige aufgesprungen und fanden das eine großartige Vorstellung. Da wurde mir klar, wie viel sie aushalten müssen. Die einzig gute Nachricht in Bezug auf diese Diskriminierung: Wut gibt Energie, etwas zu verändern. teleschau: Warum arbeiten Sie nicht in Deutschland? Tenberken: Ich kenne kaum Menschen, die sich in Deutschland selbstverwirklichen. Außer sie sind in Rente, dann fangen sie damit an. Ansonsten sehe ich nur unzufriedene Leute ... Es ist tatsächlich schwierig, hier etwas auf die Beine zu stellen und Traditionen zu durchbrechen. Ich ziehe den Hut vor denen, die das schaffen. Aber im Großen und Ganzen herrscht dieses konventionelle Denken vor, das Veränderungen blockiert. Man muss dies oder jenes studiert haben, um an eine bestimmte Position zu gelangen. Ich komme nicht aus der Pädagogik, hatte aber Ideen für ein neues Schulsystem. Die konnte ich nur außerhalb Deutschlands umsetzen. Claudia Nitsche |
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