(tsch) "Sommer '04" ist eine bittere Zustandsbeschreibung, ein überzeichnetes Bild der urbanen Intelligenz-Elite, die sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es ist, Emotionen zu haben. Gefühle müssen analysierbar sein, sich der Vernunft unterordnen. "Nils ist cooler als du denkst. Wir sind jetzt gute Freunde, die gelegentlich auch mal Sex haben", sagt Livia. Sie ist zwölf Jahre alt und bringt mit ihrer Natürlichkeit in Stefan Krohmers und Daniel Nockes (Autor) zweitem Kinofilm (2006), den ARTE als TV-Erstausstrahlung zeigt, die Fassade einer Akademiker-Familie zum Einsturz.
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Vier Menschen, Miriam (Martina Gedeck), ihr langjähriger Partner André (Peter Davor), der Sohn Nils (Lucas Kotaranin) und dessen Freundin, kommen in der schleswig-holsteinischen Provinz an, um dort Urlaub zu machen. Die zwölfjährige Livia (Svea Lohde) ist zum ersten Mal dabei, für die anderen drei ist der Segel-Sommer eine Routineübung. Doch die sorglose Heiterkeit, die Offenheit und Diskursfreudigkeit der Eltern ist aufgesetzt. Über dem geschmackvoll minimalistisch eingerichteten Reet-Haus liegt eine Spannung, die für die hypertoleranten Mittelstands-Intellektuellen schnell zu einem moralischen Ernstfall wird.
"Sommer 04" ist ein Film über den Zerfall des psychologischen Gleichgewichts in der Familie. Er seziert gnadenlos die moralische Überheblichkeit gebildeter Akademiker. Borniert sind sie, langweilig sowie gelangweilt vom Alltag und vom Leben, dessen Sinn die geschwätzigen Kommentatoren des Daseins nicht mehr suchen. Dass sie Unwissende sind, bemerken sie erst, als sich Livia von Bill (Robert Seeliger) nach Hause bringen lässt.
Der Deutsch-Amerikaner ist 26 Jahre älter als das Mädchen, das behauptet, sie sei in ihn verliebt. Mutter Miriam macht sich ernsthafte Gedanken. Natürlich, sie hat die Verantwortung. Also sucht sie Bill auf, eines Nachts in seinem halbfertigen Haus. Sie konfrontiert ihn mit ... ja womit eigentlich? Mit Moral? Mit Gesetzestexten? Mit ihrer eigenen (amateurhaften) Psychoanalyse seiner Seele?
"Sommer '04" führt den Tabubruch weiter, baut das Lolita-Motiv aus und führt seine Protagonisten in eine selbst gemachte Katastrophe. Denn erstens ist Bill natürlich klug genug, die Liebe zu Livia auf einem platonischen Niveau zu belassen. Zweitens verliebt sich Miriam in den smarten Mann, und beide beginnen eine Affäre. Regisseur und Grimme-Preisträger Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke machen es nicht einfach, ihren Film zu mögen. Die gnadenlose Beobachtung, die Nähe der Kamera, die nachvollziehbare Tragik der Verantwortungslosigkeit - all das verstört. Sich dem Film zu entziehen, ist allerdings unmöglich.
Andreas Fischer
Miriam (Martina Gedeck) predigt Moral und geht kurz darauf fremd. So ist das heute. (SWR / Ö Filmproduktion)
Der gut aussehende Bill (Robert Seeliger) sorgt für Eifersüchteleien zwischen der zwölfjährigen Livia und der fast 30 Jahre älteren Miriam. (SWR / Ö Filmproduktion)
Miriam (Martina Gedeck) und ihr Lebensgefährte André (Peter Davor) füllen ihre innere Leere mit einer Menge Geschwätz aus. (SWR / Ö Filmproduktion)
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