(tsch) Seit mehr als einem halben Jahrhundert produziert Artur Brauner Filme. Sein persönlich größtes Anliegen - das hat Brauner immer wieder betont - waren "Filme gegen das Vergessen", die sich mit den Schrecken des Nationalsozialismus auseinandersetzten. Eines seiner ersten Projekte überhaupt ("Morituri") thematisierte bereits 1947 die Flucht von Häftlingen aus einem KZ. Später folgten Filme wie "Die weiße Rose" (1982), "Hanussen" (1988) und natürlich "Hitlerjunge Salomon" (1989). Bei allem bisherigen Engagement scheint Brauners Werk "Babij Jar" aus dem Jahr 2002 aber das persönlichste zu sein. Das Erste zeigt das Drama nun zu später Stunde.
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"Babij Jar" nimmt eine besondere Stellung in Brauners Karriere ein, weil er selbst zwölf Angehörige seiner Familie in der "Babij Jar" (deutsch: Großmütterchens Schlucht) genannten Talsenke vor Kiew verlor. 1941 wurden dort insgesamt 33.771 größtenteils ukrainische Juden von den Nazis ermordet.
Über zehn Jahre hat Brauner, der 1918 im polnischen Lodz geboren wude, recherchiert. Auf Regisseur Jeff Kanew habe ihn schließlich der gemeinsame Freund Kirk Douglas aufmerksam gemacht. "Babij Jar", eine deutsch-russische Ko-Produktion, macht es dem Zuschauer nicht leicht. Die Gesichter der auf bestialische Art und Weise sterbenden Opfer prägen sich auf lange Zeit ein. Soldaten in deutscher Uniform, angestachelt durch den Wehrmachts-Oberst Blobel (Axel Milberg), kühlen ihre Gewehre mit Wasser, nachdem sie Hunderte von Schüssen abgegeben haben, lehnen sich zurück und zünden eine Zigarette an.
"Es war noch viel schlimmer, aber das kann man nicht mehr zeigen", sagte Artur Brauner, als er auf die 15 Minuten dauernden Szenen der Massenerschießungen am Schluss des Films angesprochen wurde. Gedreht wurde in Schwarz-Weiß; Archiv-Material wurde einbezogen.
Die Geschichte beginnt scheinbar harmlos: Die beiden ukrainischen Familien Lerner und Onufrienko sind seit 20 Jahren befreundet, leben Seite an Seite in einem Zwei-Familien-Haus, am ländlichen Rand von Kiew. Die Tatsache, dass die Lerners Juden sind und die Onufrienkos nicht, machte bislang für niemanden einen Unterschied. Dann aber, als die Nazis kurz vor den Toren der Stadt stehen, bekommt es Bedeutung. In Lena Onufrienko (Katrin Sass) erwachen antisemitische Gefühle, teils aus Angst, teils aus Gier. "Denk' doch mal nach", sagt sie an einer Stelle im Film. "Wenn die Lerners weg sind, könnten wir auch die zweite Hälfte des Hauses für uns haben."
Die Lerners, allen voran Großvater Genadij (Michael Degen) und seine Schwiegertochter Natalja (Barbara de Rossi), können und wollen den Gerüchten um die Deportation von Juden zunächst keinen Glauben schenken. Als das deutsche Militär dann tatsächlich einmarschiert, fliehen sie, unterstützt vom 15-jährigen Stepan Onufrienko (Gleb Porschnew), der sich in Franka (Olga Erokhovets) verliebt hat, die Tochter der Lerners. Die innere und äußere Wandlung der Lena Onufrienko zur Nazi-Sympathisantin steht fortan im Mittelpunkt des Films, eingebettet in die grausamen Szenen der Deportationen und Erschießungen.
Die Geschichte der beiden Familien basiert auf realen Biografien. Nur wenige Täter - darunter Oberst Blobel - wurden später vor dem Nürnberger Kriegsgericht angeklagt und verurteilt.
Jasmin Herzog
Natalja Lerner (Barbara de Rossi, dritte von rechts), ihr Mann Sascha (Evklidis Kiourtzidis Kyriakos) und die Kinder versuchen zu fliehen. (ARD / Degeto)
Großvater Genadij (Michael Degen) stellt sich schützend vor seine Familie. (ARD / Degeto)
Zwei Wehrmachtssolaten führen Lena (Katrin Saß) wegen einer Falschaussage ab. (ARD / Degeto)
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