logo
Anzeige
Märzmelodie

Märzmelodie

(tsch) Die Idee ist wirklich ganz hübsch: Weil Worte manchmal eben einfach nicht ausreichen, fangen die Figuren in emotional kniffligen Situationen einfach an zu singen. Und zwar deutsche Lieder und Popsongs aus den vergangenen acht Jahrzehnten. In "Märzmelodie" trifft Zarah Leander auf Rio Reiser und Marius Müller Westernhagen auf Absolute Beginner. Ein ganz neues Genre wollte Regisseur Martin Walz mit seinem Film kreieren, eine "melodische Liebeskomödie". Doch erstens trifft er dabei leider den Ton nicht richtig. Und zweitens hatte der Franzose Alain Resnais mit "On connaît la chanson" bereits 1997 genau dieselbe Idee.

Anzeige
Counter

 

Drei Männer und drei Frauen in der Großstadt (hier Berlin): Das ergibt drei Beziehungen und eine Menge Probleme. Im Mittelpunkt stehen Thilo (Jan Henrik Stahlberg) und Anna (Alexandra Neldel). Er ist ein erfolgloser Schauspieler, der seit schätzungsweise 17 Jahren auf ein Engagement wartet und sich die Miete als Telefon-Weinverkäufer verdient. Mehr schlecht als recht. Sie ist eine junge Lehrerin mit verfehltem Beruf und am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Weil Thilo gerade von seiner Freundin Katja (Jana Pallaske) verlassen wurde und Anna Ablenkung gebrauchen könnte, werden sie verkuppelt. Von Moritz (Gode Benedix) und Valerie (Inga Busch), die allerdings selbst genug Probleme haben: Kind und Arbeit lassen sich schwer unter einen Hut bringen. Und dann gibt es noch Thilos besten Freund Florian (Gedeon Burkhard), der heimlich etwas mit Katja anfängt. Sie ist verliebt bis über beide Ohren, er will einfach nur Sex.

Blind und unentschlossen laufen die sechs Menschen durch Berlin. Überfordert von der Zeit, in der sie leben mit all ihren Möglichkeiten. Sie alle tragen Ängste mit sich rum und typische Sorgen von Großstadtmenschen in unserer Zeit. Die Angst vorm Versagen trifft auf die Unfähigkeit, sich zu binden. Entscheidungsträgheit mit der Unvermögen sich Fehler und verpasste Chancen einzugestehen. Man ist einsam inmitten von Menschen. Insofern könnte "Märzmelodie" nicht nur ein ganz normaler Beziehungsfilm sein, sondern auch eine Zustandsbeschreibung moderner Lebenswelten in der Großstadt.

Das alles ist auch ganz nett in Szene gesetzt, visuell präsentiert Martin Walz sein Berlin am Ende des Winters mit den gedeckten Farben glaubwürdiger Melancholie. Allerdings kann sie nicht über einige dramaturgische Schwächen hinwegtäuschen. Es bleiben zu viele Fragen, es bleibt bei zu vielen Andeutungen und Unentschlossenheiten. Die einzelnen Erzählstränge greifen nicht ineinander, sie enden abrupt, werden willkürlich wieder aufgenommen und lassen somit keinen Erzählfluss entstehen.

Man wird als Zuschauer ganz einfach nicht überall mit hingenommen. Da erzählt Florian unvermittelt, dass er eine unheilbare Muskelkrankheit hat, wegen der er nicht mit Katja zusammen sein will. Um ihr später nicht als Pflegefall zur Last zu fallen. Und Thilo ist es schnurzegal, dass seine Ex mit dem besten Freund ins Bett geht. Oder es taucht per Post und Fleurop-Gruß ein ehemaliger Freund Annas auf. Für genau eine Szene und ohne weitere Erklärung.

Da helfen auch die eingestreuten Songzitate nichts. Zumal genau diese Sache gründlich schief geht. Meistens sind es nur ein oder zwei Textzeilen, die sich Martin Walz zu den Szenen rausgesucht hat und lippensynchron mitsingen lässt. Die Songeinlagen kommen unvermittelt, viel zu selten und inkonsequent. Außerdem sind die meisten Titel (zum Beispiel von Bodo Wartke, Bettina Wegner, Petra Pascal, Bernd Apitz) recht unbekannt, was den Spaß mindert und den Szenen dadurch die beabsichtigte emotionale Kraft nimmt. Es werden schlichtweg keine Assoziationen geweckt, wie es "On connaît la Chanson" bei den Franzosen schaffte.

In Frankreich, und nur dort, konnte das klappen, weil Chansons und die französische Popmusik einen anderen Stellenwert haben als in Deutschland. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass "Märzmelodie" einen interessanten Ansatz verfolgte, eine wirklich entzückende Idee, die aber leider zum Scheitern verurteilt war. Zumal die Geschichte alles andere als fesselnd ist und der Film diese schwermütige, fast depressive Stimmung verbreitet, die dem deutschen Kino bisweilen eigen ist.

Andreas Fischer

Credits:
V:X Verleih, D 2007, R: Martin Walz, D: Jan Henrik Stahlberg, Alexandra Neldel, Gedeon Burkhard u.a.

Laufzeit: 96 Min.

Kinostart:
7. Februar 2008


Musik sagt mehr als tausend Worte: "Märzmelodie" ist ein romantischer Liebesfilm, in dem viele deutsche Popsongs eine tragende Rolle spielen.
Musik sagt mehr als tausend Worte: "Märzmelodie" ist ein romantischer Liebesfilm, in dem viele deutsche Popsongs eine tragende Rolle spielen. (X Verleih)

Der gescheiterte Schauspieler Thilo (Jan Henrik) und die überforderte Lehrerin Anna (Alexandra Neldel) versuchen sich an einer Großstadtbeziehung.
Der gescheiterte Schauspieler Thilo (Jan Henrik) und die überforderte Lehrerin Anna (Alexandra Neldel) versuchen sich an einer Großstadtbeziehung. (X Verleih)

Moritz (Gode Benedix) und Valerie (Inga Busch) wollen Familie und Beruf unter einen Hut bringen.
Moritz (Gode Benedix) und Valerie (Inga Busch) wollen Familie und Beruf unter einen Hut bringen. (X Verleih)

Datum: 09.02.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Märzmelodie"

Um eine Diskussion zu "Märzmelodie" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 196674

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Nicht auflegen!
    Selten haben in Hollywood schrill klingelnde Telefone etwas Gutes zu bedeuten. In dem Teen-Horror-Streifen "Scream" (1996) kündigte sich der Mörder mit der Maske per Telefon an, kürzlich erschreckte hierzulande ...

    Verlockende Falle
    Wenn James Bond in Rente geschickt würde und plötzlich keine Lizenz zum Töten mehr hätte - würde er sich dann damit begnügen, den lieben langen Tag Golf zu spielen oder sich auf Mallorca zu sonnen? Kaum ...

    Kap der Angst
    Demnächst jagt der unermüdliche Robert De Niro mal wieder das Böse. Gemeinsam mit Al Pacino bildet er in "Righteous Kill" ein alterndes Cop-Gespann, das einem Serienkiller auf den Fersen ist. Ebenso gerne ...

    Tödliche Währung - Abgerechnet wird zum Schluss
    John Singleton, Regisseur von "2 Fast 2 Furious", produzierte 2007 den Actionstreifen "Tödliche Währung - Abgerechnet wird zum Schluss". Als Kenner des Actionthriller-Genres war er für den Film über einen ...

    Paycheck - Die Abrechnung
    Still ist es um John Woo geworden - viel zu still für diesen Kino-Krawallmacher ("Face/Off", "Mission: Impossible II") aus Fernost. Der Sci-Fi-Thriller "Paycheck - Die Abrechnung" (2003), den das Erste ...

    The Sixth Sense
    Dieser Film machte sich einen Spaß daraus, das gesamte Geschehen auf den Kopf zu stellen. Das verblüffende Ende von "The Sixth Sense" (1999) animiert dazu, ein weiteres Mal hinzusehen. Gut möglich, dass ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 4136 - task = view - option = com_content - limitstart= 0