Mike Nichols

Ohne Glück geht es nicht

(tsch) Mit seinen 76 Jahren hat Mike Nichols fast verlernt, deutsch zu sprechen. Der in Berlin geborene Filmemacher wanderte 1939 als Kind mit seinen Eltern nach Amerika aus und wurde dort zu einem der wichtigsten Regisseure Hollywoods. Mit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" gelang ihm eines der meistbeachteten Debüts der Filmgeschichte, es folgten der Oscar für die legendäre "Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman sowie später die Satiren "The Birdcage - Ein Paradies für schrille Vögel", "Mit aller Macht" und "Good Vibrations - Sex vom anderen Stern". Nun bringt er mit "Der Krieg des Charlie Wilson" (Kinostart: 07.02.) ein von Aaron Sorkin auf Tatsachen basierendes, meisterhaft pointiert geschriebenes Drehbuch auf die Kinoleinwand und lässt Tom Hanks und Julia Roberts miteinander in einen verdeckten Krieg ziehen. Im Interview spricht Nichols über seine Arbeit, seinen Faible für ehrliche Politiker und er erklärt, wieso er es sich wünschen würde, dass die Oscar-Verleihung ausfällt.

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teleschau: In Ihrem Film gelingt es einem kleinen US-Kongressabgeordneten, mit geheimen Geldern den afghanischen Widerstand gegen die Sowjetische Armee zu finanzieren. Wie viel Glück braucht jemand, der die Welt verändern möchte?

Mike Nichols: Geht es im Leben nicht immer nur darum, Glück zu haben? Bei einer solchen Frage muss ich immer an den großen Gandhi denken, der einmal gesagt hat: "Lange habe ich gedacht, dass Gott die Liebe sei. Nun weiß ich aber, dass die Liebe Gott ist." Mehr Worte braucht es eigentlich nicht. Ich glaube, dass wir für alles Glück brauchen, weil wir niemals vorhersagen können, was geschehen wird. Niemand weiß das.

teleschau: Welche Rolle spielt das Geld?

Nichols: Wenn man sich sein eigenes Leben anschaut, haben oft die schlimmsten Dinge zu den schönsten Ergebnissen geführt und andersherum. Gib einem jungen Menschen eine Million Dollar: Sein Leben wird ruiniert sein. Ich habe das bei so vielen Freunden erlebt: Sie waren die besten Eltern, hatten für ihre Kinder hohe Summen treuhänderisch verwaltet. Doch als die Kinder volljährig wurden, hatten diese nur noch das Geld im Sinn und machten die Familie kaputt.

teleschau: Was bedeutet es heutzutage im Filmgeschäft, Glück zu haben?

Nichols: Filme werden heute doch nur noch auf der Basis ihrer Marktchancen bewertet. Furchtbar. Denn eigentlich müsste es doch - wie früher - in erster Linie um die Qualität des Films gehen. Also sind wir in der heutigen Zeit gezwungen, zwei vollständig gegensätzliche Dinge zu tun: Markterfolg und Qualität unter einen Hut zu bringen.

teleschau: Wie schwer ist für Sie, diesen Kompromiss einzugehen?

Nichols: Ich kann meine Filme glücklicherweise so drehen, wie ich es schon immer gemacht habe: Ich suche mir eine Geschichte, die mein Interesse weckt und der ich das Potenzial zuschreibe, auf der großen Leinwand Wirkung zu entfalten. Wenn es sich um eine solche Geschichte handelt, bin ich der Meinung, dass man ihren Leinwandwert gar nicht mehr kaputt machen kann. Aber natürlich, das gebe ich zu, lebt "Der Krieg des Charlie Wilson" von Tom Hanks, Julia Roberts und Philipp Seymour Hoffman.

teleschau: Wie aktuell ist Ihr Film?

Nichols: Es geht hier um einen vergangenen Krieg. Er ist abgeschlossen, und man muss sich schon sehr anstrengen, um Ähnlichkeiten zu dem Krieg zu entdecken, in dem wir gerade stecken. Aber ich würde es mir wünschen, dass möglichst viele Zuschauer verstehen, dass mit dem damaligen Konflikt alles angefangen hat.

teleschau: Also geht es Ihnen schlussendlich um die Gegenwart?

Nichols: Natürlich bezieht sich das Gezeigte in jedem seiner Aspekte auf unsere heutige Situation. Ich zeige, dass auf beiden Seiten Fundamentalisten am Werk sind und dass es zwischen ihnen keine befriedigende Lösung geben kann. Und da fragen sich eben viele Leute, wohin uns diese Entwicklung führt.

teleschau: Haben Sie eine Antwort?

Nichols: Das Schlimmste ist noch nicht geschehen. Ja, unzählige Menschen sterben täglich, verhungern leise und klaglos. Doch das ist nicht neu, das ist offenbar das fürchterliche Grundgesetz der Erde. Aber das Katastrophalste im Sinne von Atomarschlägen und sonstigen Massenvernichtungsszenarien ist Gott sei Dank noch nicht passiert.

teleschau: Wieso gibt es eine Abneigung im Publikum gegen Filme über aktuelle Konflikte?

Nichols: Ich glaube, dafür ist die Scham, Verwirrung und Angst in der Bevölkerung zu groß. Ihr fehlt die historische Distanz, die nötig ist, um nicht mit den eigenen Gefühlen in Konflikt zu kommen. Dabei würde ich gerne einen Film über Iowa und New Hampshire und all die Bundesstaaten drehen, in denen zurzeit über die politische Zukunft Amerikas mitentschieden wird. Da erinnere ich mich an meinen Film "Mit aller Macht": Die Clintons sind immer noch unter uns.

teleschau: Ihr Herz schlägt also offenbar für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Obama und nicht für seine Konkurrentin Hillary Clinton?

Nichols: Ich kann mir nicht helfen, aber ich stehe auf Obamas Seite, weil er ein bewundernswerter Mann ist.

teleschau: Worauf sollten Politiker hören?

Nichols: Das Handeln eines Politikers ist leider prinzipiell das Ergebnis laufender Umfragen. Es ist kaum vorstellbar, aber in den USA wird die gesamte Nation buchstäblich rund um die Uhr von den Mitarbeitern ambitionierter Politiker befragt, und das über jedes Thema, das man sich vorstellen kann. Es ist den Politikern selbst gar nicht anzulasten, schließlich ist die Umfragekultur ein Teil des politischen Systems in den USA. Und sie müssen ja wissen, wonach sie sich richten sollen. Gleichzeitig ist das ihr größtes Problem.

teleschau: Wieso inszenieren Sie nun den Politiker Charlie Wilson in Ihrem Film derart heroisch?

Nichols: Heroismus ist eine Zutat, die in diesem Fall passte, weil sie mit ungeheuren Makeln daherkam. Charlie Wilson ist mit seinen Fehlern immer offen und ehrlich umgegangen. Dieser Mann ist eine Ausnahme. Ein Politiker, der nicht lügt: Das ist doch wirklich nicht zu fassen und gleichzeitig die Antwort auf alle unsere Gebete. Charlie hat mich und das ganze Team völlig vereinnahmt: ein echter Gentleman, der geflissentlich wie höflich über die Fehler anderer hinwegsieht, dies einen aber nicht spüren lässt.

teleschau: Ist es nicht überhöht, Wilson allein die Lorbeeren für den Triumph im Afghanistan-Konflikt zuzuschreiben?

Nichols: Niemand hat jemals behauptet, er hätte alles allein geschafft. Das Weiße Haus wusste natürlich Bescheid, auch die CIA, im Grunde war jeder im Bilde. Außerdem war es ziemlich hilfreich, dass in Europa der Eiserne Vorhang bröckelte und schließlich fiel. Wilsons Verdienst war es aber, dass er nicht aufhörte und es ihm gelang, eine ganze Milliarde US-Dollar pro Jahr für einen verdeckten Krieg durchzusetzen. Das hat noch nie jemand vor ihm geschafft. Er tat dies glaubhaft für die Afghanen. Das ist ihm zugutezuhalten.

teleschau: Denken Sie, dass auch die streikenden Drehbuchautoren in Hollywood durchhalten werden?

Nichols: Es würde mich nicht stören, wenn sich dieser Streik noch für eine sehr lange Zeit fortsetzen würde. Es ist doch nicht schwer einzusehen, dass einem Drehbuchautor das gehört, was er schreibt. Das sollte ihm nicht genommen werden. Doch Hollywood sieht das anders. Daher gehört den Autoren meine vollständige Solidarität. Ich fände es sogar klasse, wenn die Oscar-Preisverleihung abgesagt werden müsste wegen des Streiks. Da geht es ohnehin nur um etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte: den Wettstreit von jedem gegen jeden. Es geht immer nur ums Gewinnen, ums Bessersein, ums Geldverdienen.

Leif Kramp

Mike Nichols gehört zu den prominentesten Regisseuren Hollywoods. Geboren wurde er 1931 in Berlin.
Mike Nichols gehört zu den prominentesten Regisseuren Hollywoods. Geboren wurde er 1931 in Berlin. (2008 Universal Studios)
Hauptdarsteller Tom Hanks (links), Produzent Gary Goetzman (Mitte) und Regisseur Mike Nichols stellten ihren Film "Der Krieg des Charlie Wilson" bei der Premiere in London vor.
Hauptdarsteller Tom Hanks (links), Produzent Gary Goetzman (Mitte) und Regisseur Mike Nichols stellten ihren Film "Der Krieg des Charlie Wilson" bei der Premiere in London vor. (2008 Universal Studios)
Hauptdarsteller Tom Hanks garantiert, dass der Film "Der Krieg des Charlie Wilson" (Kinostart: 07.02.) die notwendige Aufmerksamkeit beim Publikum erhält.
Hauptdarsteller Tom Hanks garantiert, dass der Film "Der Krieg des Charlie Wilson" (Kinostart: 07.02.) die notwendige Aufmerksamkeit beim Publikum erhält. (2007 Universal Studios / Francois Duhamel)

Datum: 04.02.2008

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