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I'm Not There

I'm Not There

„I`m Not There“ ist eine Textzeile aus einem Bob-Dylan-Song. Der Titel der gleichnamigen Hommage an den legendären Sänger funktioniert auf mehreren Ebenen: Einmal ist er direkt zu verstehen - Dylan persönlich ist wirklich „nicht da“ – und vielleicht ist damit auch die Schwierigkeit gemeint, die Vielfalt seines Charakters in homogene Geschichte zu zwingen. Aus diesem Grund wird Bob Dylans bewegtes Leben nicht nur von sechs verschiedenen Schauspielern in sechs verschiedenen Kurzfilmen gespielt; es sind auch sechs verschiedene Charaktere, die vorgestellt werden, von denen keiner den Namen des Sängers trägt, sondern den von Personen, die Einfluss auf ihn hatten. Und so verwundert es kein bisschen, dass Dylan als 11-jähriger von einem schwarzen Jungen (Marcus Carl Franklin) oder später von Cate Blanchett gespielt wird.

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Regie: Todd Haynes
Hauptrollen: Cate Blanchett, Christian Bale, Heath Ledger, Richard Gere
Kinostart: 28.02.08
Verleih: Tobis


Vielleicht kann man tatsächlich nur durch eine Collage allen Facetten von Bob Dylan gerecht werden. Den meisten Menschen lediglich als die Stimme der 68-er Generation bekannt, unterzog sich die Rocklegende in Wirklichkeit einem permanenten Wandel: vom scharfzüngigen Poeten und Songwriter in Minnesota über den politischen Folk-Sänger im pulsierenden New Yorker Greenwich Village und vom Rockstar-Rebell bis zum gescheiterten Vater und Ehemann und schließlich zum christlichen Prediger.

„I`m Not There“ macht es sich zur Aufgabe, all diese Entwicklungen des Sängers zu zeigen. Das Resultat ist ein äußerst ambitioniertes Experiment, das gleichermaßen originell wie irritierend ist. Denn um die komplexen Zusammenhänge in diesem Mosaik aus Charakteren und Bildern zu verstehen, muss man sich mit Dylans Biographie gut auskennen. Mit einem Gitarrenkoffer, auf der „Diese Maschine tötet Faschisten“ steht, reist der 11-jährige Woody Guthrie (Marcus Carl Franklin) 1959 auf Güterzügen durch Amerika. Guthrie war ein gesellschaftlich engagierter Folksänger und -songwriter und ein großes Vorbild für den heranwachsenden Dylan.

Der „nächste Dylan“, gespielt von Ben Wishaw („Das Parfum“), trägt den Namen des französischen Boheme-Dichters Arthur Rimbaud, der großen Einfluss auf Dylans Poesieverständnis hatte, ist 19 Jahre alt und plädiert für die Autonomie der Künstlerexistenz. „Es ist falsch zu sagen: Ich denke. Es müsste heißen: Man denkt mich“, schreibt der französische Symbolist Rimbaud um 1870, und dieser Gedanke scheint für die Herangehensweise von „I`m Not There“ an den Sänger programmatisch zu sein: Ist es der Mensch Bob Dylan oder vielmehr der konstruierte Mythos, um den es hier geht?

Später sieht man den jungen Sänger Jack Rollins (in Wirklichkeit der Name eines Filmproduzenten), gespielt von Christian Bale, („American Psycho“, „Batman Begins“), der gesellschaftlich-kritische Folksongs schreibt und zum Liebling der politisierten amerikanischen Jugend der 1960-er Jahre heranwächst. Ein Pseudo-Interview mit Dylans angeblicher Ex-Freundin, gespielt von Julianne Moore („Magnolia“, „Boogie Nights“), deckt seine Popularität und die wachsende Kommerzialisierung seiner Protestsongs auf.

Durch die darauf folgende Liebesgeschichte zwischen dem Schauspieler Robbie Clark (in der Rolle: der vor Kurzem verstorbene Heath Ledger, „Brokeback Mountain“) und der Malerin Claire (Charlotte Gainsbourg, „Der Zementgarten“, „21 Gramm“) wird auf die gescheiterte Ehe Dylans mit dem Model Sara Lowndes angespielt. Von da an übernimmt Cate Blanchett („Elizabeth“) und überzeugt als ein am Abgrund seiner Karriere stehender, von Krisen zerrissener, ununterbrochen rauchender Dylan, der nun trotz heftigen Protests seiner Fans laute Rockmusik macht.

In seiner sechsten und letzten Episode ist „I`m Not There“ auch eine Hommage an den Regisseur Sam Peckinpah (1973 drehte dieser den Film „Pat Garett jagt Billy The Kid“, in dem Bob Dylan eine Nebenrolle übernahm), in dem sich ein etwas gealterter Dylan (Richard Gere) aus unerfindlichen Gründen Billy The Kid nennt (denn damals spielte Dylan nicht Billy) und von Wahnvorstellungen geplagt wird.

Grosses Lob bekam „I`m Not There“ in den US-Kritiken für sein außergewöhnliches Schauspielensemble. Alle Dylan-Darsteller sind angeblich sehr überzeugend in ihren Rollen, wobei Cate Blanchett herausragen soll: Ihre Nominierungen als beste Nebendarstellerin für den Oscar und den Golden Globe sprechen dafür.

Der Aufbau der Episoden ist keineswegs chronologisch. Die Szenenabfolge wird oft durch retrospektive Risse unterbrochen; jedes neue Image Dylans im Film präsentiert sich durch einen völlig anderen Stil: Farbe wechselt oft mit Schwarz-Weiß, fiktive Interviews mit Drogenrausch-Bildern. Und das Ganze wird von Dylans Musik dominiert, die die einzelnen Szenen verbindet und kommentiert. (Die Bewegtheit der Bilder soll auch dazu beitragen, dass die Länge des Films von über zwei Stunden dem Zuschauer nicht zur Plage wird).

Ein wenig erinnert die Machart an Biopics wie „The Doors“ (Oliver Stone) oder „Piñero“ (Leon Ichaso): zwei gegensätzliche Beispiele, denn was bei „Piñero“ sehr originell ist und auf die porträtierte Person neugierig macht, verwirrt und ärgert bei „The Doors“. Vor allem hat „The Doors“ aber gezeigt, dass auch von interessanten Personen langweilige Geschichten erzählt werden können.

„I`m not there“ fällt durch seine unkonventionelle Herangehensweise und seine kunstvollen Bilder positiv auf. Ob eine solch beeindruckende Fülle aus Charakteren unter Kontrolle gehalten werden kann, ohne dass man als Zuschauer ständig den Faden verliert, ist eine andere Frage. Es ist ein Experiment und Experimente sind immer mutig. Das macht auf jeden Fall neugierig.

Vanya Müller


Christian Bale als Folksänger Jack Rollins,  eines der alter egos von Bob Dylan (Tobis)
Christian Bale als Folksänger Jack Rollins, eines der alter egos von Bob Dylan (Tobis)

Heath Ledger als Robbie Clark, ein weiteres alter ego von Bob Dylan (Tobis)
Heath Ledger als Robbie Clark, ein weiteres alter ego von Bob Dylan (Tobis)

Todd Haynes, Regisseur von "I'm Not There" (Tobis)
Todd Haynes, Regisseur von "I'm Not There" (Tobis)

Datum: 09.02.2008

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