Das Waisenhaus

Das Waisenhaus

(tsch) "Das Waisenhaus" könnte eine wahre Geschichte sein. Hier passiert nichts, was es nicht im echten Leben geben kann. Natürlich muss man der Fantasie ihren Raum geben, und auch dem eigenen Unterbewusstsein. Der Realismus und die thematische Verankerung in der Wirklichkeit machen den Horrorthriller des spanischen Regisseurs Juan Antonio Bayona zu einem beängstigend intensiven Kinoschocker, der ganz ohne Blut auskommt, dafür aber lustvoll mit den eigenen Ängsten spielt. Der Regiedebütant zeigt sich dabei durchaus zitierfreudig, entwickelt aber stilsicher eine eigene, faszinierend altertümlich wirkende Handschrift.

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Elegant, düster, altmodisch - zu Beginn des Films führen Super8-Aufnahmen die Protagonistin Laura (Belén Rueda) ein. Als kleines Mädchen hat sie bis zur Adoption ein paar glückliche Jahre in dem Haus verbracht, in das sie als Erwachsene mit Ehemann und Sohn zurückkehrt. Sie will das ehemalige, mittlerweile verlassene Waisenhaus zu einem Heim für behinderte Kinder umbauen. Doch das Haus hat ein Geheimnis, eigentlich mehrere, wie sich später rausstellen wird.

Von Anfang an verbindet der Film das Reale mit dem Unterbewussten. Lauras Sohn Simón (Roger Príncep) findet imaginäre Freunde, die er zum Schock seiner Mutter malt. Es sind Lauras eigene Freunde aus der Kindheit, die durch das Haus und eine nahegelegene Höhle am Meer geistern. Man ahnt es schon: Irgendetwas stimmt hier nicht. Ein Verdacht, der ganz reale Züge annimmt, als eine mysteriöse alte Frau vom Sozialamt wegen Simóns Krankheit vorstellig wird und nachts in einen Schuppen auf dem Gelände einbricht.

Ganz am Anfang reißen Kinderhände alte Tapeten von den Wänden des Waisenhauses. So als würden sie schichtweise ein Geheimnis freigeben wollen. Ein Geheimnis, das Laura ergründen muss. Denn ausgerechnet am Tag der Eröffnung verschwindet Simón spurlos. Mutter und Sohn hatten sich kurz vorher noch heftig gestritten, und Simóns mysteriöser imaginärer Freund steht plötzlich ganz real vor der panischen Frau.

Mit klassischen, fast schon anachronistischen Mitteln wird der Horror fortan etabliert. Knarzende Dielen, polternde Klopfzeichen in der Nacht und sorgsam eingesetzte Schockmomente machen den Film zu einem beängstigend real erscheinenden Trip. Teilweise fühlt man sich als Zuschauer als Teil der Geschichte. Es ist ziemlich raffiniert, wie Regisseur Bayon das Herzrasen evoziert und nach Belieben steuert. "Das Waisenhaus" funktioniert aber auch auf einer ganz anderen Ebene. Ein spurlos verschwundenes Kind ist schließlich eine ganz reale Horrorvorstellung.

Der Regisseur setzt dabei nicht nur auf wunderschön fotografierte Bilder von erhabener Düsterheit. Der Trick ist sein intelligentes Spiel mit reellen Lebenserfahrungen. Der zunehmende Wahnsinn der hilflosen Mutter, die auch nach Monaten noch auf eine Rückkehr des Sohnes hofft, ist nachvollziehbar. Das sind auch ihre grenzwertigen Erfahrungen, die sie in dem Haus macht. In der sorgsam ausgeklügelten Geschichte werden dabei nach und nach düstere Geheimnisse gelüftet: Simón ist nicht das einzige Kind, das in dem Haus verschwunden ist.

Dass Laura in ihrer Verzweiflung auch übersinnliche Kräfte anruft (großartig als Medium: Geraldine Chaplin), gehört zum intelligenten und nachvollziehbaren Spiel Bayons, der öfter mal Überraschungen aus seiner prall gefüllten Ideenkiste zaubert. Dazu gehört auch das erstaunlich runde und nachvollziehbare, zum Heulen schöne Ende. Die letzten Filmminuten sind die Essenz aus Verletzlichkeit und Kraft, mit der die von der fantastischen Belen Rueda eindringlich gespielte Laura den Film prägt.

Andreas Fischer

Credits:
V:Senator, E / MEX 2007, R: Juan Antonio Bayona, D: Belen Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep u.a.

Laufzeit: 105 Min.

Kinostart:
14. Februar 2008


"Das Waisenhaus" birgt ein dunkles Geheimnis, das in einem hochgradig spannenden Film mit düsterer Poesie gelüftet wird.
"Das Waisenhaus" birgt ein dunkles Geheimnis, das in einem hochgradig spannenden Film mit düsterer Poesie gelüftet wird. (Senator)

Laura (Belén Rueda) ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn.
Laura (Belén Rueda) ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. (Senator)

Simón (Roger Príncep) hat seine neuen Waisenhaus-Freunde gemalt und zeigt sie seiner Mutter Laura (Belén Rueda).
Simón (Roger Príncep) hat seine neuen Waisenhaus-Freunde gemalt und zeigt sie seiner Mutter Laura (Belén Rueda). (Senator)

Datum: 14.02.2008

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