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Dynamite Deluxe

"Für viele sind wir Newcomer"

Rap-Band Dynamite Deluxe

(tsch) "Normalerweise hole ich mir mittags 'nen Döner", beschwört Samy Deluxe, "mein Mittagessen kostet immer noch dreifünzig". A la carte im Vier-Sterne-Hotel essen, wie am Tag dieses Interviews, ist die Ausnahme. Nicht etwa, weil Sam, der Wegbereiter des deutschen Battlerap, sein Geld zusammenhalten müsste. Nein, schlicht und einfach weil Döner schmeckt. Rinderlende hin oder her: Samy und seine Kollegen Tropf und DJ Dynamite, gemeinsam als Dynamite Deluxe bekannt, sind nicht wegen des Essens nach München gekommen, sondern um über ihr neues Album zu sprechen. Beachtliche acht Jahre ist "Deluxe Soundsystem", die letzte Platte und zugleich das Debüt der drei Hamburger, mittlerweile her. Kein Wunder, dass sich "TNT" für die Jungs wie ein Neuanfang anfühlt. Galionsfigur Samy gibt sich dennoch selbstsicher wie stets: "Es ist das beste Album des Jahres."

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Dass "TNT" für den Rapper und die beiden Beatbastler eher ein Teilzeitprojekt war, hat der Scheibe nicht geschadet. Dreieinhalb Jahre lang arbeitete das Trio nebenher an der Platte. "Für das Album haben wir all unsere Freizeit gestrichen", erklärt Dynamite, der die letzten Jahre als Dancehall-DJ und Produzent quer über den Globe trottete. "Trotzdem haben wir an 'TNT' sehr viel intensiver zusammengearbeitet als an 'Deluxe Soundsystem'", ergänzt Tropf, Samys Live-Mischer und Jan Delays Koproduzent.

Und ja, das hört man. Als die Crew Ende der 90-er aus ihrem Keller im Hamburger Stadtteil Eimsbush an die Öffentlichkeit drang, rappte Samy Deluxe, wie es eben üblich war, über loopbasierte Beats, die entweder Tropf oder Dynamite geschraubt hatte. Unzählige Gigs, diverse Projekte und zehn Jahre später greifen die Jungs bei der Produktion ineinander wie Zahnräder. "TNT" zitiert eindrucksvoll die ganze Palette von Soul bis Reggae, gewährt jedem Track seinen Spielraum und spannt zugleich den Bogen, der die Stücke zusammenhält. Die Soundbastler liefern Samy nicht nur eine Leinwand für seine messerscharfen Raps, sondern vielmehr einen Hintergrund mit Textur. Davon könnte sich die hiesige Rap-Szene ruhig ein Stück abschneiden.

Ebenso wie vom Ehrgeiz des Trios. "Wenn ich mir 'Deluxe Soundsystem' anhöre, denke ich: 'Meine Stimme klingt scheiße' - egal, ob mich Leute dafür als Legende feiern. Ich will immer einen draufsetzen", gibt Samy zu verstehen. Sich auf alten Lorbeeren auszuruhen, kommt auch für die anderen nicht in Frage, wie Dynamite erklärt: "Wir können uns nicht auf etwas von vor acht Jahren ausruhen. Klar sind wir stolz auf das, was wir gemacht haben, aber kaufen können wir uns dafür heute nichts mehr." "Außerdem waren die heute 15-Jährigen bei unserem letzten Album gerade mal sieben - das heißt, für viele sind wir Newcomer", knüpft Samy an.

Gar nicht schlecht, denn bei der älteren Generation der HipHop-Hörer, die, die mit den Beginnern, Fünf Sterne Deluxe und Konsorten sozialisiert wurden, gilt "Deluxe Soundsystem" als Meilenstein. Dementsprechend groß wären die Erwartungen an einen Nachfolger. Weil "TNT" dafür entschieden zu spät kommt und die deutsche HipHop-Szene seit dem Vorgänger diverse Morphosen durchlebt hat, stiehlt sich die Platte geschickt aus der Verantwortung. Aber Dynamite Deluxe geht es ohnehin nicht darum, engstirnige Fans alter Tage bei Laune zu halten: "Wenn wir es denen recht machen wollen würden, blieben wir uns selbst nicht treu", sagt Dynamite.

Überhaupt scheint das Trio recht unbeeinflusst von den Erwartungen anderer. "Erwartungsdruck gibt es immer, wenn man einmal was geschafft hat - aber der fließt nicht in die Arbeit ein. Den Druck sollte sich die Plattenfirma machen, das ist deren Job", erklärt Tropf. Gelassenheit, die von Professionalität herrührt.

Immerhin haben Dynamite Deluxe in zehn Jahren Profikarriere so ziemlich alles erreicht, was im Deutschrap möglich ist. Ihre Fangemeinde mussten sie sich hart erarbeiten. In die Charts zu kommen, war dabei nie ein konkretes Ziel. "Anfangs war es gar nicht vorstellbar, mit deutschem Rap - und vor allem mit deutschem Rap wie unserem - Erfolg zu haben. Wir müssten bei jedem Stadtfest und jedem Haus der Jugend vorstellig werden, um die Leute zu überzeugen und unsere Demos zu verkaufen", erinnert sich Dynamite. Um die Jahrtausendwende zahlt sich die Plackerei besser als erträumt aus: Dynamite Deluxe bringen mehrere EPs und einen Klassiker raus, kommen ins Musikfernsehen und die Charts.

Wenig später, 2001, trennen sich die Drei, "um keine Kompromisse mehr eingehen zu müssen", wie Samy Deluxe verrät. Während sich Dynamite in Joni Rewind umtauft und an Dancehall-Tunes schraubt, bastelt Tropf mit Sam an dessen Solokarriere - mit "Deluxe Soundsystem" als Empfehlungsschreiben scheint der Weg dorthin schon geebnet. Während der HipHop-Hype abflacht und das Gros der Acts wieder in der Versenkung verschwindet, setzt der Wickeda MC seinen Siegeszug fort, um den Deutschrap-Thron zu erklimmen. "Von denen, die den Absprung nach dem Boom nicht geschafft haben, kann uns keiner unseren Erfolg übel nehmen. Wir waren der Antrieb. Wir haben damals im Basement schon mehr gemacht als die anderen", weiht Samy in seine Erfolgsstrategie ein.

Obwohl Dynamite Deluxe als Band während all der Zeit auf Eis liegt, kommt das eingeschworene Team nicht voneinander los: Tropf mischt die Auftritte ab, Dynamite scratcht hier und da, beide steuern Beats bei und hängen in Samys Label Deluxe Records mit drin. Doch erst die Arbeit an der "Verdammtnochma"-LP, die 2004 erscheint, zeigt ihnen, dass sie noch miteinander können. "Wir haben wieder zueinandergefunden, ohne je wirklich auseinandergefunden zu haben", rekapituliert Tropf. Ob "TNT" nun ein Comeback-Album, ein zweites Debüt oder einfach eine weitere Platte aus der Dynamite-Samy-Tropf-Schmiede ist, sei dahingestellt - wie eine Bombe schlägt es sicher ein. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der noch ungewisse Nachfolger weniger Zeit lässt.

Jochen Overbeck


Krass, aber auch geil: Dynamite Deluxe sind zurück.
Krass, aber auch geil: Dynamite Deluxe sind zurück. (EMI)

Das erste relevante Deutsch-HipHop-Comeback: Nach acht Jahren sind Dynamite Deluxe zurück.
Das erste relevante Deutsch-HipHop-Comeback: Nach acht Jahren sind Dynamite Deluxe zurück. (EMI)

"Wenn wir es denen recht machen wollen würden, blieben wir uns selbst nicht treu": Dynamite erklärt das Prinzip von "TNT".
"Wenn wir es denen recht machen wollen würden, blieben wir uns selbst nicht treu": Dynamite erklärt das Prinzip von "TNT". (EMI)

Datum: 11.02.2008

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