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Slut

Der Gewinn aus dem Wagnis

Band Slut

(tsch) Als Florian Weber von den Sportfreunden Siller neulich in einem Interview gefragt wurde, ob es einen Musiker gäbe, den er beneide, antwortete er: "Chris Neuburger von Slut. Kann alles und ist obendrein noch Architekt." In der Tat besitzt der Sänger von nicht nur Ingolstadts, sondern wohl Deutschlands wichtigster Indiepopband einen Beruf. Einen, in den er zurückkehren könnte. Vielleicht erklärt das die ungeheure Souveränität, die "StillNo1", das neue Album der Gruppe, ausströmt.

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Kurz vorm Videodreh zu "If I Had A Heart" ist Neuburger am Telefon. Die Zeit drängt, der Clip muss fertig werden, wie er erklärt: "Das müssen wir jetzt noch schnell machen, bevor wir auf Tour gehen. Wir werden einen Teil des Videos als ganz klassische Performance drehen, halt mit Instrumenten in der Hand - und den anderen Teil mit Bildern - mal sehen, was rauskommt." Slut, mit Instrumenten: früher nicht unbedingt das Lieblingsding der Gruppe. Chris lacht. "Das ist nach wie vor nicht unsere Lieblingsdisziplin. Wir hoffen auch, dass der Anteil, in dem wir zu sehen sind, möglichst gering gehalten wird. Wir sind aber auch keine Freunde irgendwelcher Geschichtenerzählerei mehr, da hat sich der Ansatz geändert."

Für eine Band wie Slut, die nie fürs Musikfernsehen gemacht schien, ist dessen Wegfall vielleicht nicht das Schimmste. "Das Fass, das man aufmachen muss, wenn man ein Video dreht, ist nicht mehr so groß wie noch vor fünf, sechs Jahren", so Chris. "Und der Internet-Anteil ist halt nicht mehr so gering zu schätzen. Da schauen es sich die Leute den Clip auf drei mal fünf Zentimeter an, und da muss es funktionieren."

Funktionieren ist ein gutes Stichwort. Nach "All We Need Is Silence" schien es zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung so, als stünde die Band vor der Auflösung, was im Übrigen schon auch an der Plattenfirma lag, die das Album als eines, nach dem schlicht nichts mehr kommen könnte, charakterisierte. Christian Neuburger sieht's anders. "Wir waren gar nicht so schlimm beinander wie oft behauptet, und wir bekamen ja gleich eine ziemlich gute Ablenkung geboten - mit den Proben zur 'Dreigroschenoper.' Das überschnitt sich mit den Touren und den Festivalauftritten."

Vom Juni 2005 bis Februar 2006 lief die Slut-Adaption des Brecht- / Weill-Klassikers am Ingolstädter Theater - die Veröffentlichung der bereits komplett eingespielten CD scheiterte an den Rechteinhabern. Christian Neuburger sieht's in der Rückschau gelassen. "Zum Teil war das unsere Blauäugigkeit. Wir gingen einfach davon aus, dass das irgendwie geht. Andere, etwa Dominique Horwitz, hatten das ähnlich gemacht und spielten das Material immer wieder live, das war auch kein Problem. Dass es ein Wagnis war, dass wir uns da auf dünnem Eis bewegen würden, war uns klar."

Trotzdem - als Enttäuschung möchte Neuburger das Scheitern des Projektes nicht bezeichnen. "Natürlich, am Anfang waren wir schon frustiert. Aber es steht ein Jahr Erfahrung und gute Zeit einer Woche Ärgernis gegenüber. Ich denke, das kann man verkraften." Zumal die Beschäftigung mit einer Musikart, die einer anderen Epoche als der des zeitgenössischen Pops entstammt, durchaus nachhaltig war, so Chris Neuburger. "Da ist schon einiges hängengeblieben. Wir wussten vorher, dass wir mehr als nur Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang beherrschen und auch andere Arrangements können. So haben wir bei den Aufnahmen zu "StillNo1" darauf geachtet, dass immer alle Möglichkeiten mit einbezogen werden können. Das war einer Regiearbeit nicht unähnlich. Wir haben da schon was mitgenommen, auch wenn man's nicht sofort hört."

"Still No1" ist eine breit angelegte, vielseitige Platte, deren Entstehungszeitraum trotzdem ein recht überschaubarer ist. "Auch, wenn das jetzt etwas marktschreierisch klingt: Wir gingen ins Studio, nahmen fünf Wochen auf und mischten zwei Wochen. Das ging sehr, sehr zackig. Wir haben einfach nur gemacht, es gab keinen Plan und damit auch keine Diskussionsgrundlage. Wir haben einfach nur gemacht." Dem Schreiber dieser Zeilen kamen beim ersten Hören Britpop-Pioniere wie Ride oder The Verve in den Sinn - Chris schmunzelt. "Du bist nicht der Erste. Die Platte wird immer nach England projiziert, wir hatten auch schon die Herren Smiths als Referenz. Das finde ich ja sehr ehrenvoll, ich habe da nichts dagegen. Auch My Bloody Valentine sind ja nicht die Schlechtesten gewesen. Aber ich glaube nicht, dass sich die Andersartigkeit der Platte auf ihre Instrumentierung beschränken lässt. Es ist eher eine Haltungsfrage. Wir haben die Band Slut auf eine andere Art und Weise gemolken. Kein Masterplan, kein Konzept. Der Raum, den wir betraten, war größer und weiter als je zuvor."

Nachdem bisher eher Weilheim die Heimstätte für Aufnahmen der Ingolstädter war, ging's diesmal nach Berlin. "Wir kennen die Stadt eh gut und wollten den größtmöglichen Unterschied zu Weilheim evozieren. Das ging mit Berlin sehr gut", sagt Chris. "Wir wollten nicht auf dem Lande residieren und uns abends nach getaner Arbeit fein zurücklehnen, sondern wir wollten, dass wir rund um die Uhr gefordert werden - wenn nicht von der Musik, dann doch wenigstens von der Stadt."

Übrigens: Wer "Wednesday", die erste Single, als Gradmesser für den Klang des Albums heranzieht, wird sich wundern. Das leicht angeproggte Piano-Stück hat mit den anderen Songs wenig zu tun. Sicher ein Spiel mit den Erwartungen, aber auch die reine Vorsicht. "Wir wollten nach der langen Pause erst einmal ganz behutsam anfangen", erklärt Chris. "Und da schien uns Wednesday bestens geeignet. Zumal ich nicht glaube, dass eine Single dazu da ist, ein Album zu vertreten. Wir haben auch noch nie in Singles gedacht. Das fiel uns schon immer schwer, wir dachten immer im Album-Format."

Jochen Overbeck


Dezidiert ambitioniert: "StillNo1" heißt das neue Album von Slut.
Dezidiert ambitioniert: "StillNo1" heißt das neue Album von Slut. (Virgin)

Nach vierjähriger Pause veröffentlichen Slut mit "StillNo1" ein neues Studioalbum.
Nach vierjähriger Pause veröffentlichen Slut mit "StillNo1" ein neues Studioalbum. (Virgin)

Die "Dreigroschenoper" konnten Slut nicht veröffentlichen - trotz der Schlappe beeinflusste die Arbeit mit dem Theaterstück die Band aus Ingolstadt sehr.
Die "Dreigroschenoper" konnten Slut nicht veröffentlichen - trotz der Schlappe beeinflusste die Arbeit mit dem Theaterstück die Band aus Ingolstadt sehr. (Virgin)

Datum: 14.02.2008

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