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The Mars Volta

Den Schritt zurück

Band The Mars Volta

(tsch) The Mars Volta sind das Blairwitch Project unter den coolen Rockern. Einst verwurzelt in At The Drive In, rankt sich um jede ihrer Veröffentlichungen der letzten Jahre eine gruselige Geschichte um Verlust, Leben und Tod. Immer wieder thematisierten Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala den Tod eines Freundes in wuchtigem, eruptivem und schmerzhaftem Rock. Sie sprechen gerne von mysteriösen Dingen, wie einem antiken Brett, das bei den Aufnahmen zu "The Bedlam In Goliath" eine essenzielle Rolle gespielt haben soll. Es hat die Aufnahmen beeinflusst. Aber The Mars Volta können auch ohne urbane Legenden ihre Zusammenarbeit erklären, sie müssen nicht am Mythos feilen.

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Omar, der wohlerzogene Streber mit der Brille, ein verschrobenes Genie, und Cedric Bixler-Zavala, sein haariger Sänger, sehen aus wie Brüder. Sie behaupten, schon alles geteilt zu haben, sogar die Freundin. Ihr Name ist Mars Volta. Cedric und Omar passen zusammen, das merkt man im Gespräch. Elf Jahre klebten sie aneinander, lebten im gleichen Haus, reisten gemeinsam durch die Welt. Derzeit ist einer in New York, der andere in Los Angeles. Sie klingen fast ein wenig erleichtert.

Songwriting gelingt ihnen im Schlaf. "Weißt du, wir kennen uns so lange. Cedric und ich haben diese eigene Sprache, wir sind in der Lage, einander zu zeigen, was wir wollen. 1989 haben wir uns erstmals getroffen, lange vor At The Drive In. Jeder hatte schon acht, neun Bands hinter sich", erinnert sich Omar. "Es ging darum, Leute zu finden, die ihren Job kündigten, um rauszukommen aus El Paso. Musiker, die leichtfertig genug sind, Risiken einzugehen", bringt Cedric es auf den Punkt.

Da sitzt der harte Kern der texanischen Freak-Auswahl auf dem Sofa, offenbar nur auf der Durchreise, irgendwo in der Mitte ihrer Mission und präsentiert das vierte Album mit kruden, klobigen Songstrukturen. "Während des Entstehungsprozesses", erklärt Omar, "schicken wir nur die Sachen hin und her, wir müssen nicht sprechen. Er weiß, was ich meine. Wir befinden uns ohnehin in einem Info-Overkill. Bis zur fertigen Produktion habe ich große Momente mit der Musik, das Gute sind die Babyschritte davor." Da grinst Cedric: "Deswegen hört sich Omar unsere Alben danach nicht mehr an. Der Mix killt ihn, all die Spuren, die er Tag für Tag anhören muss." Omar lacht hysterisch: "Ich kenne jede Note und jeden Ton, immer und sowieso. Höre hin, nicht zu. Wenn wir die Songs fertig haben, möchte ich bitte, dass sie gehen."

Gehen musste auch ihr alter Drummer, wegen "Faulheit". "Jemand, der immer schlechte Laune hat, inspiriert einen nicht gerade beim Arbeiten", sagt Cedric. "Thomas Pridgen, der Neue, ist erst 22. Ich bin 33. Für ihn ist alles neu und aufregend. Und er ist nicht im Punkrockbereich verwurzelt wie wir. Wir intellektualisieren die Dead Kennedys und Bad Brains. Er macht einfach, das ist gut."

Mars Volta werfen sich die anstrengendsten Songstrukturen um den Kopf. "The Bedlam In Goliath" schenkt dem Publikum nichts. "Der Hörer braucht eine gewisse Neugier und Offenheit. Hunger ist der Grund für Reisen, neue Kulturen kennenzulernen. So ist das auch mit unserer Musik", sagt Omar und schaut ernst durch seine Brillengläser. "Den Verstand benutze ich nie beim Musikmachen, nur das Herz und die Seele."

Aber was brauchen Mars Volta zum Kreativsein? "Es gab Zeiten, in denen wir zum Arbeiten Drogen nahmen. Das ist jetzt nicht mehr so, wir müssen nüchtern rangehen. Ok, höchstens mal ein Joint, um etwas herauszulassen, was sonst unter Verschluss bliebe, also die Verbindung zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein schaffen. Wir arbeiten vorzugsweise nachts. Mir ist das unverständlich, wie manche morgens um neun anfangen können. Ich kann um diese Zeit nicht einmal sprechen." - Das glaubt man Cedric aufs Wort.

Auch bei "The Bedlam In Goliath" war John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers - neben vielen anderen - als Inspirator im Studio. Das Ergebnis ist komplex oder kompliziert, je nachdem, wie positiv man dieser Band gegenübersteht. "Wir fangen nur die Stimmungen auf", verteidigt sich Omar. "Das Leben ist komplex, nicht unsere Musik. Du kannst wütend oder traurig sein, dann kriegst du einen Anruf, der dich glücklich macht. Wir sind komplizierte Wesen mit einem Anteil von Ruhe, Chaos, Sex, Wut und anderen Gefühlen. Unsere Musik ist ein Bild davon, wie es in uns aussieht."

Verstehen sie sich selbst heute besser als noch vor ein paar Jahren, zu "De-Loused in The Comatorium" (2003) oder "Frances the Mute" (2005)? "Ja", sagt Omar. "Es geht um die Dinge zwischen den Zeilen. Nicht was die Leute sagen, ist entscheidend, sondern das Warum. Du schaust Dir ein Bild an, stehst direkt davor, glaubst zu wissen, was es ist. Doch auf dem Bild ist nicht nur ein Loch, es gehört zu einer Nase. Du gehst einen Schritt zurück und - wow - die Nase ist in einem Gesicht. Das ist ein ganzer Mensch, und er geht gerade einen Berg hoch zu einem Tempel. Den Tempel habe ich bisher nie gesehen. So ist das mit dem Älterwerden und der Zeit. Man begreift."

Bevor man in dieser komplexen Weisheit versinkt, holt Omar Rodriguez-Lopez, das musikalische Hirn von Mars Volta, einen auch just wieder zurück: "Das ist nur für eine kurze Zeitspanne so. Du kannst ein paar Fragen beantworten und dann kommen neue ... und die Paranoia kehrt zurück."

Claudia Nitsche


The Mars Volta (von links: Cedric Bixler-Zavala, Omar Rodriguez-Lopez) schüren wie bei jedem Album auch bei "The Bedlam In Goliath" einen Mythos um die Entstehung ihrer neuen Platte.
The Mars Volta (von links: Cedric Bixler-Zavala, Omar Rodriguez-Lopez) schüren wie bei jedem Album auch bei "The Bedlam In Goliath" einen Mythos um die Entstehung ihrer neuen Platte. (Universal / Ross Halfin)

Ihre Wurzeln liegen in At The Drive In. Als Mars Volta lassen es Cedric Bixler-Zavala (zweiter von links) und Omar Rodriguez-Lopez (fünfter von links) weiterkrachen.
Ihre Wurzeln liegen in At The Drive In. Als Mars Volta lassen es Cedric Bixler-Zavala (zweiter von links) und Omar Rodriguez-Lopez (fünfter von links) weiterkrachen. (Universal / Ross Halfin)

Elf Jahre lang lebten Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez von Mars Volta im gleichen Haus. Angeblich teilten sie sich die Freundin.
Elf Jahre lang lebten Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-Lopez von Mars Volta im gleichen Haus. Angeblich teilten sie sich die Freundin. (Universal / Ross Halfin)

Datum: 14.02.2008

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