(tsch) Mit David Lynch ging's zurück auf den Highway der Albträume: Nach dem heiteren Roadmovie "Straight Story" ließ der Kultregisseur wieder seine bizarren Filmwelten aufleben. Bei "Mulholland Drive" (2001) führte das Unterbewusstsein Regie, und die Logik sollte in der realen Welt vor dem Kino zurückbleiben. Über das Glücksversprechen, die Machtverstrickungen, das gnadenlose Starsystem der Traumfabrik Hollywood schrieben viele kluge Leute - Lynch verließ jedoch die rationale Ebene und bezog auf raffinierte Weise den Zuschauer ein. 3sat zeigt nun den Film, für den der Regisseur unter anderem bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde.
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In einer Stadt, in der sich jede Servicekraft für einen unentdeckten Filmstar hält, ist nichts so, wie es scheint. Es geht um Illusionen. Die blonde Betty, gespielt von "King Kong"-Schönheit Naomi Watts (momentan mit dem Thriller-Drama "Tödliche Versprechen" im Kino), die eben in L.A. angekommene Unschuld aus Kanada, will als Schauspielerin ein Teil der Träume werden. Halb Soapstar, halb Grace Kelly, verkörpert sie den naiven und unverbrauchten Nachwuchs für die Starfabrik.
Einem Film noir entstiegen wirkt dagegen die mysteriöse Dunkelhaarige (Laura Herring), die nach einem grauenvollen Unfall das Gedächtnis verlor. Zufällig treffen die beiden Frauen aufeinander und stellen fest, dass sie etwas gemeinsam haben: Sie wissen nichts von Hollywood. Die gutmütige Betty beschließt, der rätselhaften Frau, die sich Rita (nach Rita Hayworth) nennt, zu helfen.
Während die beiden das Detektivspiel mithilfe der Erinnerungsfetzen Ritas zusammenschweißt und sich zwischen ihnen eine homoerotische Liebe mit einer sehr geschmackvoll gefilmten Liebesszene entwickelt, beginnt sich der Betrachter mit den Charakteren anzufreunden und zu verstehen, wie die Geschichte funktioniert. Dazu trägt auch der Subplot über einen Erfolgsregisseur bei, der in einen Konflikt mit dem Produzenten seines nächsten Films gerät. Als er sich weigert, die Hauptrolle nach dem Willen der bedrohlichen Macht im Hintergrund zu besetzen, wird sein Leben binnen Stunden zerstört. Justin Theroux, Darsteller des Unglücklichen, war auch in Lynchs Mystery-Drama "Inland Empire", das 2007 in die Kinos kam, zu sehen. Trotz guter Kritiken hatte der Film jedoch keinen finanziellen Erfolg.
Zuschauern, die verstehen wollen, macht Lynch es nicht leicht. Immer wenn man glaubt, etwas zu kapieren, ein Muster zu erkennen, zerstört der Regisseur diese Illusion durch schockierende Momente oder seltsame Figuren wie einen Mann, der in Winkies Imbiss von Albträumen geplagt wird.
Nach zwei Dritteln des Films stellt Lynch komplett alles auf den Kopf und präsentiert seine beiden Hauptdarstellerinnen als völlig andere Charaktere mit einem Namen und einer Biografie. Die nun folgende grausame Geschichte gibt den Schauspielerinnen, vor allem Naomi Watts, die Möglichkeit, eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit zu zeigen. Den Zuschauer wirft diese Neuerung wieder zurück. Oder löst sie die vorherigen Rätsel auf? Was, wenn Betty das Idealbild einer anderen Blondine ist und Rita ihr anderes Ich? Oder das Ganze die Fantasie einer verschmähten und gedemütigten Geliebten kurz vor dem Selbstmord? Nichts ist sicher, aber die Lust an diesen wirren, genial montierten und gefilmten Geschichten bleibt bis zum Ende ungebrochen.
Jasmin Herzog
Leidenschaft pur: Rita (Laura Elena Harring, links) und Betty (Naomi Watts) können nicht voneinander lassen. (ZDF / Melissa Moseley)
Eine Schönheit (Laura Elena Harring) auf Identitätssuche. (ZDF / Melissa Moseley)
Betty (Naomi Watts) kann sich nicht von ihrer geheimnisvollen Liebe trennen. (ZDF / Melissa Moseley)
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