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Die Nacht von Wildenhagen

Die Nacht von Wildenhagen

(tsch) Als der Krieg nach Deutschland kam ... Viele Geschichten werden im Fernsehen aus jenem traurigen Kapitel deutscher Geschichte erzählt. Vielleicht zu viele. Angesichts der immer gleichen Archivbilder vermisst man zusehends Informationen, die über den bloßen Schauwert hinausgehen. Der Kultursender ARTE suchte 2005 für seinen mehrwöchigen Programmschwerpunkt zum Jahrestag des Kriegsendes nach neuen Schlaglichtern, nach Ereignissen, die in den großen Dokumentationen allenfalls am Rande erwähnt werden. Man stieß auf grauenhafte Geschichten, wie die von Adelheid N. Sie erinnert sich in Carmen Eckhardts bewegender Dokumentation "Die Nacht von Wildenhagen" an den kollektiven Selbstmord von 30 Frauen in einem kleinen Dorf in Ostbrandenburg. Der für den WDR produzierte Film läuft nun noch einmal zur nächtlichen Stunde.

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Die hauptsächlich für den WDR arbeitende Fernsehjournalistin, die unter anderem 1998 mit einem Porträt Gunther von Hagens ("Der Plastinator") für Aufsehen sorgte, greift ein Thema auf, das bis heute in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist. Der Grund kommt in dieser stillen, nachdenklich stimmenden Dokumentation zur Sprache: Viele der Menschen, die aus den Ostgebieten vertrieben wurden, fanden in der DDR eine neue Heimat. Offizielle Stellen interessierten sich nicht für ihre Geschichte, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Vorgehen der Sowjet-Armee war im "Bruderstaat" nicht gewünscht.

Anfang 1945, unmittelbar vor dem Einmarsch der Roten Armee, begingen in vielen Dörfern Ostbrandenburgs tausende Zivilisten Selbstmord. Nach Ansicht vieler Historiker waren sie getrieben von der Nazi-Propaganda, die gebetsmühlenartig von den Gräueltaten der Sowjetsoldaten berichtete und Angst und Panik unter der Bevölkerung schürte. Der Name Nemmersdorf spielte in Goebbels' Propaganda eine zentrale Rolle. Die ostpreußische Stadt war bereits im Oktober '44 in die Hände russischer Soldaten gefallen. Als kurze Zeit später deutsche Truppen den Ort zurückeroberten, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: Kinder, Frauen und Alte waren der Wut der Rotarmisten zum Opfer gefallen, und die Propaganda, so sind sich die meisten Historiker heute einig, hetzte das Volk mit einer noch über den tatsächlichen Schrecken hinausreichenden Version auf. "Nemmersdorf" verfehlte seine Wirkung nicht: Soldaten kämpften verzweifelt weiter - Frauen hatten Angst, der "russischen Bestie" lebend in die Hände zu fallen. Viele wählten den Freitod.

"Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt, die Selbstmorde kaum dokumentiert und aufgearbeitet", so die Autorin, die bei ihren Recherchen schließlich auf Adelheid N. stieß, die die schrecklichen Ereignisse der Nacht zum 1. Februar 1945, als in dem Dorf Wildenhagen 30 Frauen Selbstmord verübten, vor der Kamera schildert.

Als zehnjähriges Kind überlebte sie als Einzige den kollektiven Suizid, auch ihre Mutter kam in jener Nacht ums Leben. Adelheid N. erläutert nun, warum sie diese traumatischen Erlebnisse so viele Jahre für sich behielt, und kehrt, gemeinsam mit weiteren Zeitzeugen, an die Orte des Geschehens zurück. Bedrückender Höhepunkt sind Bilder zweier Massengräber und Zeitzeugen, die der nie ganz vergessene Schrecken offensichtlich wieder einholt, die sich dadurch aber auch von einem Trauma zu lösen scheinen.

Frank Rauscher


Die Kinder von Wildenhagen - Jedes vierte wird von der Mutter in den Freitod mitgenommen.
Die Kinder von Wildenhagen - Jedes vierte wird von der Mutter in den Freitod mitgenommen. (WDR)

Adelheid N. überlebt durch Zufall, während sich ihr Mutter selbst tötet.
Adelheid N. überlebt durch Zufall, während sich ihr Mutter selbst tötet. (WDR)

Elfriede Müller beobachtet als Kind, wie sich Mutter und Kinder der Nachbarn selbst töten.
Elfriede Müller beobachtet als Kind, wie sich Mutter und Kinder der Nachbarn selbst töten. (WDR)

Datum: 18.02.2008

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Artikel ID 196147

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