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Massiv

Der neue Gangstarap-Superstar

Rapper Massiv

(tsch) Nein, eine schöne Nachricht war es nicht. Unbekannte schossen den Rapper Massiv Ende Januar an, wenige Tage vor der Veröffentlichung seines neuen Albums "Ein Mann, ein Wort". Tagsüber, auf offener Straße. Anschließend wurde eifrig spekuliert. Die Polizei gab sich vorsichtig, bestätigte wenig, dementierte aber auch nicht. Das Label selbst attackierte all jene, die Massiv unterstellten, den Angriff selbst inszeniert zu haben. Schon vorher fiel der gebürtige Pirmasenser auf. Ein paar Schlägereien bei Konzerten, ein paar Auseinandersetzungen mit Kollegen - um die Musik, das eigentlich Wichtige am HipHop, ging es da nicht wirklich. Und immer wieder wurde unterstrichen, wie viel Geld sich die SonyBMG den Aufstieg des Mannes mit palästinensischen Wurzeln kosten lassen würde, dass da so etwas wie eine Wachablösung im deutschen Rap geplant sei. Grund genug für ein Gespräch mit dem 26-jährigen Rapper.

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Massiv ist höflich. Massiv ist sogar sehr höflich. Und: Massiv ist ehrlich. Wo andere sich mühevoll eine Street-Credibility zusammenreimen, eine Vergangenheit erfinden und ihre vermeintliche Sonderstellung im Rapgame mit ihren untopbaren technischen Fähigkeiten begründen, sagt er ziemlich früh: "Ich habe bei den Aufnahmen zu 'Mann gegen Mann' viel gelernt." Und schildert, wie das für ihn so war. Die erste Platte, das nicht unbedingt ausgereifte "Blut gegen Blut", entstand schließlich ohne viel Geld und in Massivs Schlafzimmer. "Hinter der Matratze", sagt er. Und dann plötzlich eineinhalb Jahre Zeit, ein Studio und jede Menge Geld von der Plattenfirma. Das Resultat ist oben genanntes Lernen. "Meine Skills sind besser als früher, und meine Reime. Ich mache mir mehr Gedanken über die Texte. Und auch von Desue, der die Platte als Executive Producer betreute, habe ich viel mitgenommen", erklärt er. Trotzdem, das HipHop-typische Selbstbewusstsein, das besitzt er: "Natürlich werde ich beim nächsten Mal vieles besser machen, ich bin sehr kritisch mit mir selbst. Aber 'Mann gegen Mann' ist eine Hammerplatte."

Drei Jahre ist es her, dass Massiv zum ersten Mal nach Berlin kam. Aufgewachsen ist er in Pirmasens. 42.000 Einwohner, wie Massiv sagt, "aus allen Nationalitäten." Dazu eine US-Kaserne mit ein paar zehntausend Soldaten. "Fast alle in dieser Stadt waren arbeitslos", erzählt der Rapper und fügt an: "Du kannst Dir vorstellen, wie scheiße das war." Irgendwann zog er schließlich nach Berlin, zunächst für eineinhalb Jahre zu einem Freund - und nahm kurz darauf seine Familie mit, die ihn heute vorbehaltlos unterstützt. Das scheint wichtig zu sein, denn mit der Anerkennung der Berliner Rapper war das anfangs so eine Sache: "Ich habe mir schnell einen Namen gemacht und wurde nicht überall angenommen", erzählt Massiv. Dass er sich durchaus polternd und nicht immer aus nachvollziehbaren Gründen mit einigen etablierten Stars, vor allem aus Bushidos Ersguterjunge-Camp und der Crew um die Ruhrpott-HipHopper Snagga & Pilath, anlegte, erwähnt er nicht. Nur so viel: "Battle gehört zum HipHop dazu. Das ist eine eigene Kultur. Man will beweisen, dass man eine größere Fresse hat. Wenn Dich einer angreift, darfst Du nicht zurückweichen."

Angriff. Ein guter Stichpunkt. "Nicht unbedingt nur über die Geschichte mit der Schussverletzung sprechen", sagte der zuständige Promoter einige Tage vor dem Gespräch. Trotzdem - ausklammern kann man das Thema nicht, und Massiv überrascht es nicht wirklich, dass man darüber dann doch reden möchte. "Ich bin ein Opfer. Mann sollte Mitleid mit mir haben und mich nicht richten", erklärt er. "Alles, was durch die Medien ging, waren Angriffe auf mich. Ich habe von mir aus niemanden etwas getan." Dass das Genre HipHop unter der Rauheit gerade der Berliner Szene leidet, weiß er. Gewalt, so sagt er, lehne er selbstverständlich ab. Und er versuche eben, sein eigenes Umfeld aufzubauen und so die üblichen Grabenkämpfe zu umgehen. Lieber weist er darauf hin, dass das alles auf seinen Platten nicht stattfinden würde. "Ich habe in keinem meiner Texte etwas Frauenverachtendes, und nichts ist gegen Schwule gerichtet oder so. Ich versuche, den Leuten einen Film schmackhaft zu machen. Ist halt, wie wenn sie ins Kino gehen." Natürlich, der Realitätsbezug, der sei da. "Journalist der Straße", so Massiv, sei er. Aber es sei eben auch Entertainment und als solches nicht immer ernst zu nehmen.

Und wer weiß, vielleicht ändern sich ja die Dinge. Massiv sagt selbst, dass er sich reifer, weiter fühlt als früher, dass er am Entstehungsprozess der Platte gewachsen sei. Fast überraschend ist, dass er sich auch politisch äußert. Die Gewaltdebatte, die zuletzt Wahlkämpfe dominierte, verfolgte er eher irritiert - nicht, weil ein ganzes Umfeld kriminalisiert wurde, sondern, weil's nix Neues sei: "Ich weiß einfach nicht, was diese Debatte jetzt soll. Jugendliche waren schon immer kriminell, diese Gewalt gab es schon immer. In letzter Zeit hat man eben Glück gehabt, die Dinge mit Kameras festzuhalten. Wenn man dann hört, dass Kinder mit zwölf in den Knast gesteckt werden, ist das schon unglaublich. Da muss man doch andere Lösungen finden." Und dann sagt er noch etwas sehr Persönliches: "Ich habe ein Mädchen gefunden. Es sieht gut aus." Ob er damit die Gesamtsituation, sein aktuelles Leben in der Stadt, oder nur das Girl meint, wird nicht ganz klar. Dass er zumindest alles versucht, um nicht mehr nur über die Zwischenfälle der letzten Zeit, sondern auch seine Musik in den Medien vorzukommen, schon. Massiv arbeitet an sich. Und das ist im Genre nicht selbstverständlich.

Jochen Overbeck


Gangster oder Großmaul? Massiv polarisiert.
Gangster oder Großmaul? Massiv polarisiert. (SonyBMG)

Mit "Ein Mann, ein Wort" in die Top 20 der deutschen Albumcharts. An Größen wie Bushido oder Sido kommt Massiv noch nicht vorbei.
Mit "Ein Mann, ein Wort" in die Top 20 der deutschen Albumcharts. An Größen wie Bushido oder Sido kommt Massiv noch nicht vorbei. (SonyBMG)

Aus Pirmasens in die große Stadt: Massiv möchte die HipHop-Szene aufrollen.
Aus Pirmasens in die große Stadt: Massiv möchte die HipHop-Szene aufrollen. (SonyBMG)

Datum: 18.02.2008

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