Leander Haussmann

"In meinem Humor konnte ich mich verkriechen"

Regisseur Leander Haußmann

(tsch) Mit seinen Theaterinszenierungen wurde er mehrfach zum Berliner Theatertreffen der Besten eingeladen. Besonders Shakespeare ("Romeo und Julia", "Ein Sommernachtstraum") hatten es ihm angetan. Leander Haußmann, Jahrgang 1962, machte vor dem Dienst in der Nationalen Volksarmee (!) eine Druckerlehre, studierte an der Schauspielschule Ernst Busch und arbeitete am Nationaltheater in Weimar erstmals als Regisseur. Fünf Jahre, von 1995 bis 2000, machte er mit viel Lust und Spaß in Bochum als Theaterdirektor Furore, ein Herz war sein Markenzeichen. Dank des Regisseurs und Produzenten Detlev Buck begann Haußmann zeitgleich als Schauspieler in Filmen mitzuspielen. Mit "Sonnenallee" gab er 1999 sein Regiedebüt und erhielt gleich den Deutschen Filmpreis dafür. Nicht weniger erfolgreich war seine zweite Wende-Komödie, "Herr Lehmann" in den Kinos. Weshalb Haußmann anlässlich seines neuen Films - wieder ist 1989 das entscheidende Datum - von einer "Trilogie" zu sprechen beliebt. "NVA" startet am 29.09. in den deutschen Kinos.

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teleschau: Wie fühlen Sie sich?

Leander Haußmann: Nach dem Film ist vor dem Film. Aber an der Klasse des Hotels (München, Bayerischer Hof, Anm. d. Red.) merkt man schon, dass man in einer besseren Liga spielt.

teleschau: Beabsichtigten Sie, wie Sie verlauten ließen, wirklich zuerst einen Briefroman?

Haußmann: Die Idee mit dem Dichter als Held, der zur Armee muss, hat uns sehr geholfen. Wir kamen dadurch von den Klischees des Militärfilms weg. Wir drehten uns allerdings viel im Kreis beim Schreiben. Schade, die Fördergremien und Redaktionen wollen - warum bloß? - halt immer Drehbücher haben.

teleschau: Hatten Sie vor Vorbildern wie Kirsts "08/15" denn keine Angst?

Haußmann: Ach wo, wir waren in der DDR doch auf solche Dinger neidisch. Wir begnügten uns dort mit dem "Etappenhasen". "08 /15" war ein kleines Kunststück, das mir jetzt beim Anschauen wieder viel Vergnügen bereitet hat.

teleschau: Keine Frage, Sie haben eine eigenwillige Art von Humor. Ist der im weitesten Sinne DDR-bestimmt?

Haußmann: Da ist erst einmal die Musik, das ist die bestimmende Farbe meines Lebens. Der Film beginnt ja mit "Bad Moon Rising" von Creedence Clearwater Revival und hört mit Dylans "It's All Over Now" auf. Das ist ein schöner Kommentar, eine Metaebene. Was den Osten betrifft: Es gibt keinen Unterschied zwischen BRD und DDR; es gibt einen Humor-Unterschied zwischen mir und dem Rest der Welt. Was ich versuche, ist die Schaffung eines neuen Humors. Einer, der sich selbst aussitzt, den man ertragen muss. Der schleicht sich ganz langsam rein. Ich liebe die langen Gags von Stan und Ollie.

teleschau: Ja, der Gag mit der Handgranate im Film war schön. Aber im Kino hat zumindest bei der Pressevorstellung keiner gelacht.

Haußmann: Es ist ja auch schwer mit den Leuten. Humorlosigkeit ist die Waffe der Mittelmäßigen, müssen Sie wissen. Die absolute Humorlosigkeit bedeutet die Diktatur.

teleschau: Klingt ja ganz schön verbittert für einen Spaß-Regisseur. Machen Sie eigentlich gar kein Theater mehr?

Haußmann: Ich lege nur eine Pause ein, nach 50 Inszenierungen. Ich kann das nur jedem Regisseur wärmstens empfehlen. Was das Theater betrifft, so hatte ich ja bekanntlich das Glück, daneben meine Studentenfilme machen zu dürfen. Ich schlug den Medien damit ein Schnippchen, sprang dem Kritiker-Tod von der Schippe. Irgendwann kommt im Film dann ja auch noch das Gesellenstück. Dann müssen sie sich wieder eine andere Schublade suchen.

teleschau: Zurück zu "NVA": Ist Ihnen die Freundin des Helden, diese sicher wunderbare Eva, die man ja nie zu Gesicht bekommt, nicht irgendwie abhanden gekommen, oder haben Sie sie am Ende sogar rausgeschnitten?

Haußmann: Ich finde es originell, diese Liebesgeschichte einfach nicht zu zeigen und in der ganzen ersten Hälfte des Films keinerlei Frauen auftreten zu lassen. Die kommen dann erst - wie in einem Monet-Bild - bei der Landpartie, was den Eindruck einer Vision, eines Märchens erweckt. Im Übrigen war ich immer schon auf der Flucht vor Schuldramaturgien.

teleschau: Was war also der Anreiz, einen Film über die NVA zu drehen?

Haußmann: Ich wollte diese Vereinsvorsteher eines Kleingartenvereins porträtieren, ohne die Insignien der Macht. Wie sie offene, noch junge Menschen nach unten drücken. Diesen Zeitdiebstahl, ein Verbrechen, das nie geahndet wird.

teleschau: Sie sprechen aus Erfahrung?

Haußmann: Ich war da. Mein Humor war meine Waffe, in dem konnte ich mich verkriechen. Manchmal bekam ich einen Lachanfall. Klar, das war dann auch eine Art von Nervenzusammenbruch. Der Krüger im Film zum Beispiel will einfach tanzen, und die vernichten ihn. Neulich habe ich auf dem früheren Todesstreifen diesen ganzen Wahnsinn wieder gespürt.

Wilfried Geldner

Wertung
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Regisseur Leander Haußmann (rechts) bringt seine Trilogie zu Ende. "NVA" heißt sein aktueller Film. Im Hintergrund: Detlev Buck als Oberst Kalt.
Regisseur Leander Haußmann (rechts) bringt seine Trilogie zu Ende. "NVA" heißt sein aktueller Film. Im Hintergrund: Detlev Buck als Oberst Kalt. (Delphi)
Regisseur Leander Haußmann übernahm bei der TV-Verfilmung "Kabale und Liebe" (Sonntag, 09.10., 22.00 Uhr, ZDF und Montag, 03.10., 3sat, 20.15 Uhr) die Rolle des Ausrufers.
Regisseur Leander Haußmann übernahm bei der TV-Verfilmung "Kabale und Liebe" (Sonntag, 09.10., 22.00 Uhr, ZDF und Montag, 03.10., 3sat, 20.15 Uhr) die Rolle des Ausrufers. (ZDF / Petro Domenigg / Boje Buck Film / Lotus Film)

Datum: 27.09.2005

Diskussion: "Leander Haussmann"

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