logo
Anzeige
Cineastentreff Kino Film Filmstarts - Neu im Kino Kino Film Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

(tsch) Johnnys Depp kann machen, was er will. Wenn er in einem Film auftaucht, dann ist das - ganz wenige Ausnahmen seien gestattet - schlichtweg ein Ereignis. Egal ob als Pirat, Schokoladenhersteller oder nun als Barbier im Blutrausch, der Schauspiel-Exzentriker gewinnt, weil er verrückt genug ist, seinen Rollen immer etwas ganz Spezielles ab. Er wird zu dem, was er spielt, und niemand wundert sich. Wenn dann noch Tim Burton auf dem Regiestuhl Platz nimmt, dann wird aus einem normalen Film voraussichtlich ein im besten Sinne "irres" Vergnügen. "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street" ist bereits die sechste Zusammenarbeit der beiden Kinokauze und der beste Beweis für diese These. Zwei Golden Globes, einen für den Besten Film (Musical oder Komödie) und einen für den Besten Hauptdarsteller, gab's auch schon. Natürlich.

Anzeige

 

Diesmal haben sie sich bei einem Musical vereint. Und zwar ein echtes. Tim Burton hatte zwar mit "Nightmare Before Christmas" und "Corpse Bride" bereits Erfahrungen mit dem Genre vorzuweisen, die Darsteller waren darin aber Puppen. Nun sind's echte Menschen, und die müssen, wie es sich für ein richtiges Musical gehört, wirklich viel singen. Raum für Dialoge gibt es in "Sweeney Todd", anders als bei vielen Leinwand-Musicals der vergangenen Jahre, nämlich kaum noch. Es ist also eine Herausforderung, nicht nur für Tim Burton, sondern auch für seine Darsteller, die alle Songs selber singen mussten.

Die unheimliche wichtige Besetzung des Grusicals ist ein echter Geniestreich. Neben Johnny Depp, der wieder einmal eine Augenweide ist und eine perfekte Balance aus Melancholie, Verletzlichkeit, Rachsucht und Blutdurst findet, agieren Helena Bonham Carter als rotzige Mrs. Lovett, Alan Rickman als versnobter Richter und in einem kurzen Auftritt Sacha Boren Cohen ("Ali G", "Borat") als Jahrmarktsschwindler und Barbier-Konkurrenz Johnny Depps. Sie alle sind Glücksgriffe, spielen und vor allem singen mit bemerkenswerter Präsenz und Ausdruckskraft. Und die Arien und Duette sind anspruchsvoll.

Sie stammen aus der Feder von Stephen Sondheim, der den mit neun Tony-Awards ausgezeichneten Broadway-Hit bereits 1979 schrieb. Obwohl Tim Burton einen fremden Stoff verfilmte, hat er aus "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street" einen unverkennbar seinem Oeuvre zuzuordnenden Film gemacht. Wahrscheinlich hat ihn die düstere, morbide Stimmung der Vorlage angezogen, die in Burtons Version mit ein paar hübschen Anleihen aus dem Splattergenre - hier spritzt mehr Kunstblut als in der Jahresproduktion japanischer Horrorschmieden - verfeinert wurde.

Es sind ohnehin mehr die Atmosphäre, visuelle Brillanz und der perfekte Rhythmus von Musik und Bildern, die "Sweeney Todd" auszeichnen. Die Handlung ist ein eher simples Gerüst, ein spartanisches Vehikel für die kongenialen Einfälle, mit der Burton das Makabre, das Schaurige, das Manische zelebriert. Sweeney Todd, einst glücklicher Barbier mit schöner Frau und hübscher Tochter, wurde vom eifersüchtigen und selbstherrlichen Richter Turpin unschuldig ins Übersee-Gefängnis geschickt. Nach langen Jahren im Zwangsexil kehrt Todd zurück nach London, um Rache an seinem Peiniger zu nehmen. Und zwar möglichst blutige.

Unterstützung bekommt er von Mrs. Lovett, die im selben Haus wie er lebt und ein schlecht gehendes Fleischkuchen-Restaurant betreibt. Das ändert sich, als Sweeney Todd, der beste Barbier der Stadt, wieder anfängt, seinem Beruf nachzugehen. Mit scharfen, im Takt der Musik geschwungenen Messern und getrieben von Rachegefühlen verliert der mechanisch agierende Todd jeden Bezug zum Leben. Wie seine Kunden auch. Die bekommen von ihm die letzte Rasur und enden dann als Füllung in Mrs. Lovetts Pasteten.

Die beiden Charaktere sind düstere Gestalten in einem schauderhaften Szenario, aus dem alle Farbe, bis auf das Blutrot, gewichen ist. Sie sind verlorene Seelen, von unbeherrschbarem Verlangen Getriebene, die sich und ihre Umwelt aus den Augen verlieren. In malerischen bis ins kleinste Detail durchkomponierten Szenenbildern verzehren sie sich nach ihrer unerwiderten Liebe und dürsten nach Rache. "Sweeney Todd" ist diesbezüglich, bei aller schaurig-schönen Düsterheit, auch ein ziemlich ernster Film über Obsessionen und ihre ungesunden Folgen.

Denn weil Rache niemals ein einträgliches Geschäft sein kann, endet's auch hier böse. Auf jeden Fall für alle, die sich ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatten und sich in den Blutrausch steigerten. Ob sie ihren Frieden finden? Vielleicht. Tim Burton scheint da jedenfalls recht einsichtig und versöhnlich gestimmt gewesen zu sein. Denn obwohl ihre Seelen verloren scheinen, und das ist ein kleiner Trost, entlässt er sie mit einem wunderschönen, von Blut malerisch umrahmten, Schlussakkord in die Verdammnis. Vielleicht gibt es jenseits des Weltlichen ja Vergebung.

Andreas Fischer

Credits:
V:Warner, USA 2008, R: Tim Burton, D: Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman u.a.

Laufzeit: 116 Min.

Kinostart:
21. Februar 2008


Düster, makaber und ganz schön blutig: Tim Burtons Grusical "Sweeney Tod - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street".
Düster, makaber und ganz schön blutig: Tim Burtons Grusical "Sweeney Tod - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street". (Warner / Dreamworks)

Barbier Sweeney Todd (Johnny Depp) und Fleischkuchenverkäuferin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) sind ein diabolisches Duo mit finsteren Gedanken.
Barbier Sweeney Todd (Johnny Depp) und Fleischkuchenverkäuferin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) sind ein diabolisches Duo mit finsteren Gedanken. (Warner / Dreamworks)

Der rachsüchtige Barbier Sweeney Todd (Johnny Depp) hat den Bezug zu sich selbst verloren.
Der rachsüchtige Barbier Sweeney Todd (Johnny Depp) hat den Bezug zu sich selbst verloren. (Warner / Dreamworks)

Datum: 18.02.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street"

Um eine Diskussion zu "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 97260

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    In jeder Hinsicht herausragend: "Leaving Las Vegas"
    „Leaving Las Vegas“ (1995) ist einer der besten Liebesfilme der Kinogeschichte. Wohl auch deshalb, weil er traurig ist. Ein Alkoholiker, der sich „zu Tode saufen“ will, wie er allen erzählt, und eine Prostituierte ...

    "Doubt - Glaubensfrage" punktet durch glänzende Besetzung
    Einen Oscar haben sie nicht bekommen, doch sie waren alle nominiert: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams und Viola Davis. Praktisch alle, die im Drama „Doubt“ zu sehen sind, lieferten eine ...

    In "Lemon Tree" verklagt eine Palästinenserin ganz Israel
    Ein israelischer Regisseur mit Sympathien für die Palästinenser: Eran Riklis („Die syrische Braut“) ist sicher eine Ausnahme und seine Filme haben es nicht leicht in Israel. Die Reaktionen auf „Lemon Tree“, ...

    Charmant, authentisch und lebendig:"Couscous mit Fisch"
    Meinungsverschiedenheiten, temperamentvolle und vor allem lautstarke Streits gehören zum Alltag der Familie von Slimane, einem 60-Jährigen Algerier, der einst nach Frankreich auswanderte. Aber auch Liebe ...

    Christoph Maria Herbst ist "Jakobs Bruder"
    Dramen machen die Deutschen gern. Nur mit den großen Emotionen will es oft nicht klappen: Es wirkt alles ziemlich hölzern, kopflastig und gekünstelt. Gut also, dass es Regisseur Daniel Walta in seinem ...

    Wenn die Jugendträume verwelken: "Zeiten des Aufruhrs"
    „Zeiten des Aufruhrs“, das Drama des „American Beauty“-Regisseurs Sam Mendes, ist eine exzellente Studie über die fatalen Folgen gesellschaftlicher Anpassung. Es sieht einem Ehepaar beim Scheitern am Kampf ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
-
Partner von Fantastic Zero


itemid = 31 - id = 4293 - task = view - option = com_content - limitstart= 0