Ein Artikel zu viel
(tsch) "Sie war sehr sanft ... aber auch sehr entschlossen und nicht aufzuhalten. Diese Polarität hat mich fasziniert." Wenn Eric Bergkraut über Anna Politkowskaja spricht, schwingen viele Gefühle in seiner Stimme mit: Bewunderung, Hochachtung, Trauer, Wut. Der Schweizer Filmemacher hat sie gut gekannt, die russische Journalistin, die am 7. Oktober 2006 ermordet wurde. Der Fall ist bis heute nicht geklärt, wird aber immer wieder mit Russlands oberster Spitze in Verbindung gebracht - denn Anna Politkowskaja war unbequem und übte offen Kritik. In seiner Dokumentation "Ein Artikel zu viel", die nun im Ersten zu sehen ist, zeichnet Bergkraut ein intimes Porträt der Frau, die für viele Russen eine Heldin und so etwas wie die letzte Hoffnung war. Gleichzeitig ist sein Film ein "Sittenbild Russlands" - denn Leben und Wirken der Anna Politkowskaja sind von der politischen Entwicklung des Landes nicht zu trennen.
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"Sie war eine Frau mit einer Mission", erzählt Bergkraut. "Sie hat die Ungerechtigkeiten einfach nicht ertragen. Ihr Gestus war zu helfen." Jahrelang hat Anna Politkowskaja sich für die Rechte der kleinen Bürger in Russland eingesetzt, ihr großes Thema war der Tschetschenien-Krieg. Die Journalistin, die für die Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" schrieb, war eine der wenigen, die während des Tschetschenien-Krieges bewusst und kontinuierlich im Widerspruch zur offiziellen Darstellung aus der Krisenregion berichteten. Mutig und unverblümt schrieb die Aktivistin über Verbrechen der russischen Armee, über Raub und Korruption, Folter und Mord im Kriegsgebiet.Es ist kein Geheimnis, dass Anna Politkowskaja dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ein Dorn im Auge war. Ist es Zufall, dass sie ausgerechnet an seinem Geburtstag ermordet wurde? Diese Frage wird wohl nie eine Antwort finden. Anfang März endet nun die Präsidentschaft Putins. Eric Bergkraut nutzt die Gelegenheit, in seinem Film auch eine Bilanz über dessen Wirken zu ziehen: "Putin versucht, das Rad zurückzudrehen." Gleichzeitig betont der Schweizer Regisseur, dass seine Dokumentation eine "vorsichtige Annäherung" sei. "Ich hasse Hauruck-Filme, ich liebe die Differenzierung." Eric Bergkraut hat Anna Politkowskaja, die mit ihrer kleinen Statur, den ergrauten Haaren und der unmodischen Brille auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkte, mehrfach persönlich getroffen. In seiner Dokumentation "Coca - Die Taube aus Tschetschenien", die 2004 entstand, spielte sie eine Schlüsselfigur. Von diesen Dreharbeiten hatte der Schweizer noch drei bis vier Stunden Material mit der Journalistin, die er nun für die aktuelle Doku "Ein Artikel zu viel" aufbereitete. Diese zeigt die politisch engagierte Aktivistin, aber auch die private Anna Politkowskaja, die nur selten und sehr ungern über sich selbst sprach. Daneben ist auch ihre Familie zu sehen, so kommen ihre beiden Kinder, ihre Schwester und ihr Ex-Mann zu Wort. Der Autor sprach auch mit Wegbegleitern wie dem ehemaligen Schachweltmeister Kasparow und fügt schließlich noch Statements der offiziellen Untersuchungsorgane an, denen es wohl nie gelingen wird, die Ermordung der mutigen Frau aufzuklären. Anna Politkowskaja, die nur 48 Jahre alt wurde, wusste, dass ihr Leben an einem seidenen Faden hing. "In meinem Film spricht sie auch viel über den Tod. Sie war sich bewusst, was auf sie zukommt", erzählt Bergkraut. Schließlich hatte es mehrere Mordanschläge auf sie gegeben, einigen ist sie nur knapp entronnen. Erst 2004 soll jemand versucht haben, sie zu vergiften, einige Stunden rang sie mit dem Tod. "Ja, es ist ein Wunder, dass ich noch da bin. Etwas muss mich auf der Erde zurückhalten", sagte sie im März 2004. Am Ende war dieses "Etwas" wohl nicht mehr stark genug gewesen.
Anja von Fraunberg
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"Ein Artikel zu viel" - ARD
Sendetermin: 20.02.2008 - 23:30:00
Wertung 
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| Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 ermordet. Die russische Aktivistin für Menschenrechte hatte schon länger geahnt, dass ihr Leben an einem seidenen Faden hängt - 2004 sagte sie noch: "Es ist ein Wunder, dass ich noch da bin." (MDR / ZDF / Axel Berger) |
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