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"Die Präsidentschaftswahl geht alle an"Schauspieler Forest Whitaker (tsch) Es gab eine lange Zeit, da war Forest Whitaker einer von vielen. Im Filmbetrieb Hollywoods stand er stets im Schatten berühmterer afroamerikanischer Kollegen wie Denzel Washington und Samuel L. Jackson. Doch es arbeitete sich gut in der zweiten Reihe. Filme wie "Im Krankenhaus wird scharf geschossen" oder "Harlem Action" waren zwar keine Meisterwerke, aber sie zahlten sich aus. Erst mit "Ghost Dog", dem Portrait eines ungewöhnlichen Auftragskillers mit Samurai-Philosophie, trat er 1999 aus dem Schatten. Sein großer Durchbruch sollte aber im vergangenen Jahr kommen: Mit seiner Darstellung des ugandischen Diktators Idi Amin gewann Forest Whitaker fast alle wichtigen Auszeichnungen der Filmwirtschaft, auch den Oscar. In seinem neuen Film "8 Blickwinkel" (Start: 28.02.) gibt sich der 46-Jährige wieder gänzlich anders. Als amerikanischer Tourist im spanischen Salamanca wird er Zeuge eines Attentates auf den US-Präsidenten und entdeckt im Moment des Schreckens den Sinn des Lebens neu. Anzeige teleschau: Sie haben sich für Ihre Filme bereits mehrmals in Attentäter hineinfühlen müssen. Lässt sich verstehen, was in ihnen vorgeht? Forest Whitaker: Ich konstruierte mir selbst Vorstellungen über ihre Beweggründe. In Filmen wie "Keiner kommt hier lebend raus" oder "Ghost Dog" spielte ich einerseits einen Killer, der mit seinem Gewissen ringt, und andererseits jemanden, der eine beinahe schon philosophische Sicht auf das Verhältnis von Leben und Tod hat und nur ausführt, wozu er geschaffen wurde. Trotzdem habe ich letztlich nicht ergründen können, warum Attentäter so sind, wie sie sind. Sicherlich handeln sie nach ihrem jeweiligen Glauben und mit ihren jeweiligen Möglichkeiten. Wer Krieg führt und nur Steine zur Verfügung hat, der benutzt eben Steine. teleschau: In "8 Blickwinkel" spielen Sie das genaue Gegenteil: einen anständigen Durchschnittsbürger, der seinen Mitmenschen im Moment der Katastrophe zur Hilfe eilt. Sehen Sie darin eine Vorbildfunktion? Whitaker: Da bin ich, ehrlich gesagt, hin- und hergerissen. Ich hoffe, dass ich für dieses Ideal einstehen würde, sollte ich selbst einmal in eine ähnliche Situation geraten. Es ist unvorstellbar für mich, dass ich in einem solchen Fall einfach ein Kind, das von seiner Mutter getrennt wurde, im Stich lassen würde. Mir ist meine Rolle im Film sehr nahe gegangen: Da geht es um einen Mann, der in einer privaten Krise steckt und versucht, wieder Leidenschaft für das Leben in sich zu wecken. Und durch den schrecklichen Vorfall gelingt ihm genau das, indem er auf heldenhafte Weise für das eintritt, was er für richtig hält. teleschau: Wieso ging Ihnen diese Charakterwende nahe? Whitaker: Ich habe in meinem bisherigen Leben vergleichbare schwierige Situationen erlebt, in denen ich mich fragte, wo es überhaupt mit mir hingehen soll. teleschau: Zum Beispiel? Whitaker: Nun, ich lebte auf der Couch von jemand Anderem und kämpfte damit, einen Weg zum Überleben zu finden. Als ich jünger war, nahm es mich auch immer sehr mit, wenn eine Beziehung zerbrach, und ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Doch dann verliebte ich mich neu, und alles war vergessen. Mittlerweile habe ich einen tollen Job, habe mir ein eigenes Zuhause erarbeitet und bin glücklich mit meiner wunderbaren Familie. teleschau: Sie sagten voraus, dass sich Ihre Karriere nach Ihrem Erfolg mit "Der letzte König von Schottland" ändern würde. Aber wie veränderte sich Ihr Leben? Whitaker: Ich drehe immer noch viele Independent-Filme, also kleine Produktionen. Ich möchte den Teppich unter den Füßen behalten. Daher rückte ich auch noch näher an meine Familie heran, weil meine Frau und Kinder die ganze aufregende Zeit über bei all dem Trubel nicht von meiner Seite wichen - und ich nicht von ihrer. Das vergangene Jahr war aus beruflicher Perspektive großartig, doch habe ich mich darauf besonnen, mich noch mehr ins Familienleben zu vertiefen, um uns gegenseitig unserer Liebe und Unterstützung zu vergewissern. Nur darauf kommt es an. teleschau: Dennoch haben Sie 2007 sechs Filme gedreht und waren somit häufig fort von daheim. Besucht Sie Ihre Familie bei den Dreharbeiten? Whitaker: Meine Kinder und meine Frau kommen häufig vorbei und schauen nach dem Rechten. Das war bei all den Filmen im letzten Jahr auch kein Problem, weil vier davon - also "Street Kings", "Winged Creatures", "Powder Blue" und "Where the Wild Things Are" - in Los Angeles gedreht wurden, wo wir leben. teleschau: Was bedeutet Ihnen Ihre Karriere? Whitaker: Sie ist für mich immer noch wie eine Reise, bei der ich nicht weiß, wo sie mich hinbringt. Mein Ziel ist es, persönlich und spirituell zu wachsen und weiterhin zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. teleschau: Halten Sie es immer noch für richtig, Ihren Kindern ungewöhnlich bildliche Namen zu geben? Gwyneth Paltrow stand in der Kritik, ihre Tochter nach einem Apfel benannt zu haben. Sie selbst heißen Forest: "Wald". Whitaker: Meine Kinder heißen True, Sonnet und Ocean, und sie leben danach. Wir überlegten lange, welches Leben wir uns für sie wünschen würden. True soll von Stärke und Klarheit getragen werden, und ich habe noch niemanden getroffen, der so authentisch ist wie sie. Sonnet ist eine wahre Künstlerin und überrascht uns immer wieder mit ihrem poetischen Talent. Und Ocean soll ein größeres Leben haben, als ich es hatte. Ich dagegen bin mit meinem Namen nach meinem Vater und Großvater der dritte Forest in der Familie und daher alles andere als einzigartig. teleschau: Was steckt hinter der Überzeugung, dass Namen Lebensentwürfe transportieren sollen? Whitaker: Das hat bei uns Familientradition. Meine Brüder Kenn und Damon gaben ihren Kindern ähnliche Namen: Journey, Mission, Destant und Sage, und meine Schwester nannte ihren Sohn Hunter. Ich bin also da kein Einzelfall. teleschau: Wie schwer ist es, ein funktionierendes Familienleben im Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses zu führen, schließlich ist auch Ihre Frau Keisha Whitaker Schauspielerin? Whitaker: Wir sind jetzt fast 13 Jahre verheiratet. Ich habe immer versucht, unsere Beziehung zu stärken, unsere Bindungen untereinander zu festigen und nichts selbstverständlich zu nehmen. Außerdem bin ich mir bewusst, dass meine Frau und ich uns in vielen Dingen unterscheiden. Ich schätze das, weil es sie um so besonderer für mich macht. Trotzdem ist es ein zweiter Job, wenn man so möchte, eine Familie zu haben: Man muss ständig an seinem privaten Glück arbeiten. Ich habe klare Prioritäten: Gott, Familie, Freunde und erst danach mein Dasein als Schauspieler. teleschau: Terrorismus ist das neue große Thema in Hollywood. Was halten Sie von der bisherigen Thematisierung in Filmen? Whitaker: Ich halte es nur für sinnvoll, wenn die Komplexität des Problems auf beiden Seiten adäquat dargestellt wird. Das ist der einzige Weg, das Dilemma der weltpolitischen Situation zu verstehen. Daher interessierte mich auch sofort das Thema von "8 Blickwinkel": auf ein Geschehnis, ein Problem, eine Überzeugung aus allen möglichen Blickwinkeln zu schauen und erst dadurch ein Verständnis davon zu bekommen. Das ist ein starkes politisches Statement. Wir müssen uns für andere Perspektiven öffnen und nicht auf eine versteifen. Menschlichkeit existiert in uns allen. teleschau: Bei einem Wahlkampftermin gaben Sie jüngst bekannt, dass der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama Ihnen Hoffnung gebe. Warum beschränken Sie sich nicht auf die Rolle des Beobachters, sondern treten aktiv im Wahlkampf auf? Whitaker: Wir, und damit meine ich nicht nur die Amerikaner, sondern die Weltbevölkerung, sind zurzeit in einer Situation, in der es notwendig ist, sich in dieser Weise zu engagieren. Mein Land befindet sich im Krieg, es sterben jeden Tag Menschen. In den nächsten 15 Jahren kann so viel passieren. Hinzu kamen all die Katastrophen wie die Verwüstungen durch den Wirbelsturm Katrina. Wir haben mit einem maroden Gesundheitssystem zu kämpfen. All das muss wieder in Ordnung gebracht werden - und zwar richtig. Ich möchte nicht einfach nur zuschauen und abwarten, sondern daran teilhaben, was ich für wichtig im Leben halte. Wenn irgendwann in vielen Jahren meine Enkelkinder auf meinen Knien sitzen, möchte ich ihnen nicht erklären müssen, wieso sie in einer Welt leben, die nicht freundlich ist. Oder sogar zerstört durch Entscheidungen, die in meiner Lebenszeit getroffen wurden. teleschau: Und Obama? Whitaker: Er repräsentiert all das, wofür ich einstehe. Er selbst hat ein komplexes Leben geführt, hat einen multinationalen und multikulturellen Hintergrund, und damit steht er sinnbildlich für den Charakter der kommenden Präsidentschaftswahl: Sie hat internationale Reichweite und geht uns alle an. Für mich ist es die Welt, die wählen sollte, schließlich betreffen die Auswirkungen nicht nur die Amerikaner. Obama versteht die Welt und begegnet ihr mit Offenheit. teleschau: Wird Amerika nicht trotzdem weiterhin geteilt bleiben in ein liberales und ein konservatives Lager? Whitaker: Wir haben erstmals die Chance, dieses Lagerdenken aufzugeben, weil Obama ein Kandidat ist, der diese Abgrenzungen zwischen Mentalitäten und Parteien zum Teil schon auflösen konnte. Er ist zwar Mitglied der Demokraten, aber appelliert an uns, angesichts all der Probleme, in denen wir stecken, die gegenseitigen Vorbehalte und scheinbar zuwiderlaufenden Zugehörigkeiten zum einen oder anderen Lager zu vergessen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Das sind keine hohlen Worte, schließlich unterstützen ihn auch viele Wähler aus dem republikanischen Lager. Und er bekommt seine finanzielle Wahlkampfunterstützung nicht von großen Lobbygruppen, sondern erhält viele kleine Spenden aus der Bevölkerung. teleschau: Um beim Thema des Films zu bleiben: Würden Sie für Obama auch eine Kugel abfangen? Whitaker: Wie ich bereits anfangs sagte, hoffe ich, dass ich in einer Situation, die Courage verlangt, Courage zeigen und die Menschen um mich herum beschützen kann. Leif Kramp |
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