I'm Not There
I'm Not There(tsch) Es ist ja manchmal so, dass die Leute überrascht sind, wenn zum Beispiel ein Folk-Sänger plötzlich zur E-Gitarre greift. "Das geht doch nicht, das entspricht doch nicht seiner Persönlichkeit. Er verrät sich ja", so oder ähnlich hören sich dann die Vorwürfe an. Geht natürlich doch. Weil jede Persönlichkeit eben verschiedene Seiten hat. Todd Haynes macht das jetzt mit verrückter Konsequenz deutlich: Er untersucht die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit von Bob Dylan. "I'm Not There" heißt sein Kinoexperiment, in dem er sich mit sechs verschiedenen Dylan-Darstellern sehr lebendig dem Mythos nähert, und zwar weit davon entfernt, in Ehrfurcht zu erstarren. Anzeige Haynes hat ein ausgezeichnetes Gespür für das Lebendige im Kino. Er liebt die Dynamik, das Überraschende. Erst recht, wenn es unkonventionell ist. Der Regisseur schenkte dem Kino mit "Velvet Goldmine" (1998) einen bizarren und großartigen Ausflug in die funkelnde Welt des Glam-Rock Anfang der 70er-Jahre und huldigte 2002 mit "Dem Himmel so fern" Douglas Sirks großartigen Hollywood-Melodramen aus den 50-ern. Haynes ignoriert in seinen Filmen Genrekonventionen, und so ist auch "I'm Not There" eher ein assoziatives Spiel mit einzelnen Stationen und Lebensphasen in Dylans Leben als ein konventionelles Biopic. "Inspired by the music of Bob Dylan" - so steht's am Anfang auf der Leinwand. Und dann betreten nach und nach sechs Dylans - von einem umwerfenden Ensemble gespielt - die Bühne; mit unterschiedlichen Namen, mit unterschiedlichen Anliegen, mit unterschiedlichen Lebensteilentwürfen. Jack Rollins (Christian Bale), Woody Guthrie (Marcus Carl Franklin), Jude Quinn (Cate Blanchett), Robbie Clark (Heath Ledger), Billy the Kid (Richard Gere) und Arthur Rimbaud (Ben Whishaw) - das sind sechs Seiten einer Persönlichkeit (aber unter Garantie nicht alle). Es sind Lebensstationen, die sich zu einem exquisiten Soundtrack mit Vorbildern und Inspirationsquellen vermischen. Die Episoden sind jeweils mit eigenem Look inszeniert, sie laufen zeitlich parallel, überschneiden sich aber. Und das ist keineswegs ein Widerspruch, wenn mehrere Seelen in einer Brust wohnen. "I'm Not There" springt hin und her, aber nicht willkürlich. Der Film ist trotz der vielen Perspektiven ein langer, relativ ruhiger Fluss, dessen Wendungen, Mäander und Richtungswechsel einem inneren Rhythmus folgen. So wie Dylan sich selbst folgt, so wie er Diva sein muss oder Prediger bei den wiedergeborenen Christen. Und so wie er Dandy ist, Protestsänger ohne Botschaft, Held und Verräter. Das Leben, sein Leben, die von Todd Haynes verfilmte Interpretation, folgt der Logik der Existenz, zumal im Universum der Popkultur. Dazu gehört die Herkunft, dazu gehören die Wurzeln, dazu gehören Neuerfindungen, dazu gehören Erwartungen, die man erfüllt, die man enttäuscht. Also reitet Richard Gere als Cowboy (in Anspielung auf Dylans Auftritt in "Pat Garret jagt Billy the Kid") durch eine surreale Western-Kulisse, fährt Marcus Carl Franklin als junger Woodie Guthrie im Güterzug durch den Westen und sucht die Ursprünge der amerikanischen Musik oder hat eine großartige Cate Blanchett - für ihre Dylan-Darstellung gab's einen Golden Globe, den Darstellerpreis in Venedig und eine Oscar-Nominierung - auf dem Höhepunkt des Ruhms die Schnauze voll von den Erwartungen der Fans. Zwischen Enttäuschung, Arroganz und verletzlicher Unsicherheit pendelt ihr Jude Quinn, überfordert davon, nicht mehr Herr des eigenen Ichs zu sein. Die Popwelt, auch das zeigt der intelligente Film, schafft sich ihre Heiligenbilder und Helden - völlig losgelöst von den Menschen. Die können dabei nur verlieren oder offenbaren einfach ihre dunklen Seiten. Heath Ledger, dessen tragischer Tod den Kinostart überschattet, verkörpert sie hier; er ist Macho, gescheiterter Ehemann, arroganter Narziss. "I'm Not There" ist ein durchgeknallter Film mit epischen Ausmaßen. Er ist ein Kaleidoskop ohne - und diese Bescheidenheit ist essenziell - Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Bob Dylan hat sich oft genug neu erfunden, er ließ sich nie festlegen. Warum auch? Damit ist er Inspiration für viele und eine Muse unserer Zeit. Das arbeitet Haynes heraus, verspielt und klug, abstrakt und trotzdem greifbar. Gerade wegen der vielen Widersprüchlichkeiten funktioniert das alles wunderbar. Haynes erkundet, er sucht, findet, wird überrascht, muss interpretieren und spekulieren. Auch der Film lässt sich nicht festnageln und ist in dieser Hinsicht Bob Dylan sehr ähnlich. Andreas Fischer |
Credits: Laufzeit: 136 Min. Kinostart:28. Februar 2008 |
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