logo
Anzeige
Todd Haynes

"Es geht um Musik, nicht um Worte"

(tsch) Mit seinen 47 Jahren hat Todd Haynes das Träumen nicht verlernt. Doch träumt der kalifornische Filmemacher disziplinierter als andere Menschen. Seine Welt ist die der Kunst, die mit Worten kaum zu fassen ist. Er versucht es daher mit Bildern. Seine große Leidenschaft für musikalische Karrieren hat er bereits eindrucksvoll in "Velvet Goldmine" dokumentiert und in ein Kunstwerk münden lassen. Nun kommt indes ein filmisches Experiment in die Kinos, an dem sich der Regisseur und Autor ("Dem Himmel so nah") leicht hätte verheben können: Keinem Geringeren als Bob Dylan wollte er mit "I'm Not There" (Kinostart: 28.02.) auf den Grund seiner künstlerischen Seele fühlen - und das ohne ihn jemals selbst getroffen zu haben. Wieso der Altmeister ihm dennoch den Segen gab und worin der Schlüssel zum Verständnis des episodischen Mysteriums liegt, erklärt Todd Haynes im Interview.

Anzeige

 

teleschau: Sie haben sich nun lange mit dem Phänomen Bob Dylan beschäftigt. Haben Sie es auch verstanden?

Todd Haynes: Was bedeutet überhaupt, etwas zu verstehen? Es gibt so viele verschiedene Arten zu verstehen.

teleschau: Aber wie verhält es sich mit Dylans Texten?

Haynes: Das Verständnis von Musik unterscheidet sich völlig von dem eines Buches. Natürlich hat Bob Dylan mit diesem Unterschied gespielt und hat Erwartungen enttäuscht, ihn wie ein Buch, einen Philosophen oder politischen Akteur zu ergründen. Gegen solches Schubladendenken hat er sich immer gewehrt. Immer wenn die Leute irgendetwas in seine Lieder hineingelesen haben, entgegnete er, das sei völliger Quatsch. Natürlich verstehe ich viele Texte der Dylan-Songs nicht, und trotzdem verstehe ich den Song selbst. Unterm Strich hat er Recht: Es geht um Musik, nicht um Worte.

teleschau: Aber weshalb ist Ihr Film so schwer zu verstehen?

Haynes: Ich habe versucht, anders als andere biografische Filme weniger Gewicht auf seinen tatsächlichen Lebenslauf zu legen, sondern mich mehr mit seiner künstlerischen Visionsmaschinerie zu beschäftigen. Ich denke, dass ich ihm damit näher gekommen bin. Denn schließlich stellt die Kunst das wahre Innenleben eines Künstlers dar. Natürlich habe ich mich beschränken müssen auf das, was ich für die Hauptlinien seines Schaffens halte. Richard Gere ist im Film zum Beispiel als Billy The Kid zu sehen, was ich als Reminiszenz an das Ideal des Antihelden im Westernkino der späten 60er-Jahre integriert habe. Dylan schrieb die Musik zu "Billy the Kid" und hatte zudem eine Rolle. Die frühen Godard-Filme haben die Ehegeschichte mit Heath Ledger inspiriert. Diese Filme lebten von der Ambivalenz starker Frauencharaktere und einem latenten Sexismus und ähneln damit den großen Love-Songs von Dylan, ohne gleichsam die Doppelmoral der 60er-Jahre zu verschweigen. Nicht zu vergessen sind natürlich die Ausschnitte im Dokumentarfilmstil, in denen Julianne Moore Joan Baez spielt.

teleschau: So verwirrend das teilweise wirkt: Was ist allen verschiedenen Seiten Bob Dylans gemein?

Haynes: Man könnte sagen, dass er sich immer allem, was er auch anpackte, völlig verschrieben hat. Er wollte nie etikettiert, in eine Schublade gesteckt und damit definiert werden. Seine Wandlungsfähigkeit und -lust charakterisiert seinen Status als Performer, der sich allein über das definiert, was er in jedem einzelnen Moment macht. Für Bob Dylan gibt es nur die Wahrheit des Moments, weshalb er sich auch ständig auf Tournee befindet und seine Songs immer wieder neu interpretiert. Vielleicht erkennt man ihn am Ende wieder, aber nur mit Glück. Danach ist der Song tot und harrt seiner Neubelebung und Neuerfindung.

teleschau: Warum trafen Sie Bob Dylan nie persönlich?

Haynes: Das hätte mir nicht im Geringsten geholfen. Egal, was ich ihn gefragt hätte, welche Eindrücke ich gehabt hätte bei einem Treffen - es wäre für den Film sinnlos gewesen und für uns beide unangenehm. Vielleicht würde ich dadurch lediglich um ein Autogramm reicher sein. Solche Treffen haben nichts Natürliches an sich. Außerdem hat Bob Dylan mir ohnehin alles gegeben, was er mir geben konnte: Seine Kunst. Mehr brauchte ich nicht.

teleschau: Hätten Sie den Film ohne Dylans Zustimmung drehen können?

Haynes: Berühmte Personen der Zeitgeschichte haben keine Rechte, die ihren Namen betreffen. Ich hätte also "Die Bob Dylan"-Story drehen können, ohne sein Einverständnis zu haben. Aber seine Musikrechte kontrolliert er dafür umso schärfer. Ohne seinen Segen hätte ich also gefälschte Dylan-Songs benutzen müssen. Doch ich wollte so oder so, dass er mit im Boot war. Glücklicherweise gab er uns das Recht, Live- und Studioaufnahmen gleichermaßen zu verwenden, nachdem er mein Konzept gelesen hatte. Wir bekamen also alles, was wir brauchten. Wenn der Film konventioneller angelegt gewesen wäre, hätte er ein weiteres Mal abgelehnt - wie schon so oft bei vielen anderen Projekten, die ihm vorgestellt wurden.

teleschau: Damit wenden Sie sich auch provokant gegen das typische Biopic-Schema.

Haynes: Wenn ich einem Künstler einen Film widme, dann möchte ich nicht seinem Leben huldigen, sondern seiner künstlerischen Leistung. All die Biopics, die Hollywood jedes Jahr ausstößt, pressen die großen Persönlichkeiten, von denen sie handeln, in die immer gleiche Schablone. Hollywood geht leider auf Nummer sicher. Damit tut man nicht nur ihrem Lebenswerk Unrecht, sondern wirft auch die wunderbaren Potenziale filmischer Arbeit aus dem Fenster.

teleschau: Wieso entscheiden Sie sich dafür, den Dylan der 60er-Jahre von Cate Blanchett, also einer Frau, spielen zu lassen?

Haynes: Es ging um Bob Dylan in 1966. Wenn man sich den damaligen Dylan auf Filmaufnahmen beispielsweise in der Dokumentation "No Direction Home" von Martin Scorsese anschaut, erkennt man sofort, welche enorme Veränderung er in nur einem Jahr durchgemacht hat. Er schlief nicht mehr, trieb sich an den Rand der Erschöpfung, war spindeldürr, sein Haar zerzaust: Er war quasi ein elektrifizierter Dandy, eine Marionettenpuppe auf der Bühne. Ich kann mir vorstellen, was Dylans Fans damals gefühlt haben müssen, als ihr geliebter Folk-Prophet sich ihnen derart präsentierte, wie eine Lesbierin, ähnlich wie Patty Smith in den 70ern. Es war schockierend. Und genau diese Schockwirkung wollte ich wieder erzeugen. Cate Blanchett hat es geschafft, sich in diesen schwierigen Charakter hineinzufühlen und hat ihn, obwohl er wie ein Strich in der Landschaft wirkte, dreidimensional gemacht.

teleschau: Was bewog Stars wie Cate Blanchett, Christian Bale, Richard Gere und Heath Ledger dazu, sich auf ein solch schwieriges Projekt einzulassen?

Haynes: Sie haben das Drehbuch nicht verstanden. Vielleicht lag darin der Reiz. Sie haben mir vertraut und vermuteten, dass ich weiß, was ich tue. Ich hatte zuvor schon mit Christian Bale in "Velvet Goldmine" gearbeitet, und wir schworen uns, unbedingt wieder zusammenzuarbeiten. Er ist eigentlich kein wirklicher Dylan-Fan. Richard Gere dagegen ist völlig vernarrt in Dylans Musik. Und als sein Idol dem Film seinen Segen gab, hielt ihn nichts mehr zurück. Sie alle sind im normalen Umgang gar nicht wie Stars, sondern waren bereit, Risiken einzugehen, um Neues auszuprobieren und Herausforderungen anzunehmen.

teleschau: Mit solchen Stars ist ein Film wohl kaum noch ein Risiko.

Haynes: Wer weiß das schon am Anfang? Für sie war es ein großes Risiko, schließlich hätte der Film ja auch eine Riesenkatastrophe werden können. Schauspieler sind am Ende des Tages einfach nur Schauspieler, keine Stars. Natürlich hat es mir geholfen, den Film finanziert zu bekommen. Aber er war kein Selbstläufer. Cate war angesichts ihrer Aufgabe völlig verängstigt, wollte aber keinen Rückzieher machen.

teleschau: Weil Dylan ein solches Mysterium ist?

Haynes: Dylan ist einfach ein faszinierender Künstler, nicht nur durch seine Arbeit, sondern auch durch sein Verhalten. 1967 zog er sich nach seinem Motorradunfall fast völlig aus dem öffentlichen Leben zurück, zog seine Familie auf und veröffentlichte ein paar merkwürdige Country-Platten, die so völlig anders waren als das, wohin sich die Gegenkultur der Zeit hinbewegte. Er ist seitdem niemals wirklich zurückgekehrt in dem Sinn, dass er wieder in das Laufrad der Medienmaschinerie gestiegen ist. Wenn er auftrat oder ein Album veröffentlichte, dann nur zu seinen Bedingungen. Er hatte immer die vollständige Kontrolle. Das ist ungewöhnlich für eine solche Berühmtheit, die Gefahr laufen muss, von der Öffentlichkeit vereinnahmt zu werden.

teleschau: Wie erklären Sie sich die oft doch recht abschätzig wirkende Haltung Dylans gegenüber der Medienöffentlichkeit?

Haynes: Ich erinnere mich, wie Dylan vor einigen Jahren bei der Oscar-Verleihung per Videoschaltung auftauchte, als er die Trophäe für seinen Song in "Die Wonderboys" erhielt. In diesem Moment, als er vor der Kamera auftauchte, hielt ich plötzlich alles für möglich: Es könnte super laufen, aber auch alles in die Hose gehen. Vielleicht würde plötzlich eine nackte Person vor ihm vorbeilaufen. Die harmonische Oscarverleihung schien plötzlich, ohne dass etwas passierte, in Schräglage zu geraten, nur weil es Bob Dylan war. Wer löst schon solche Gefühle aus? Ein Mann, der seine große Zeit in den 60-ern hatte, der so viele Jahrzehnte das Scheinwerferlicht gemieden hat.

teleschau: Was ist es also, das ihn ausmacht?

Haynes: Dylan strahlt immer noch etwas Amateurhaftes, etwas Riskantes aus. Man weiß nie, was zu erwarten ist. Es ist bizarr. Ich bin mir daher auch gar nicht sicher, ob ich ihn überhaupt als Person kennenlernen möchte. Ich glaube, die einzige Möglichkeit, Dylan nahe zu kommen, ist eines seiner Familienmitglieder zu sein. Eine Alternative wäre noch, einer seiner Ko-Musiker auf der Bühne zu sein, doch auch da hat man nur die Möglichkeit, sich in der Intimität des musikalischen Moments mit ihm verbunden zu fühlen. Danach ist alles vorbei.

teleschau: In Ihren bisherigen Filmen behandelten Sie Themen der Vergangenheit. Wieso sind Sie so fasziniert daran?

Haynes: Ich bin verliebt in die Vergangenheit, da will ich mir und Ihnen nichts vormachen. Vielleicht liegt das auch ein wenig daran, dass unsere Gegenwart von einem Schockzustand, einer anhaltenden Depression gekennzeichnet ist, die wir der Ära von George Bush zu verdanken haben. Wenn man darin gefangen ist, kann man gar nicht erfassen, in welch einer Misere man eigentlich steckt. Umso schlimmer finde ich, dass sich Kinder heutzutage immer weniger für die Vergangenheit, speziell die jüngste, interessieren. Während meiner Kindheit in den 70er-Jahren war es cool, sich mit vergangenen Zeiten zu beschäftigen und darüber Bescheid zu wissen. Die 50-er waren schwer in Mode damals. Wir lernten, wie wir so geworden sind, wie wir waren. Diese Mentalität fehlt heutzutage.

Leif Kramp


Todd Haynes schuf das etwas andere Biopic über Bob Dylan: "Ich habe versucht, anders als andere biografische Filme, weniger Gewicht auf seinen tatsächlichen Lebenslauf zu legen, sondern mich mehr mit seiner künstlerischen Visionsmaschinerie zu beschäftigen."
Todd Haynes schuf das etwas andere Biopic über Bob Dylan: "Ich habe versucht, anders als andere biografische Filme, weniger Gewicht auf seinen tatsächlichen Lebenslauf zu legen, sondern mich mehr mit seiner künstlerischen Visionsmaschinerie zu beschäftigen." (Tobis Film)

Todd Haynes unternahm mit "I'm Not There" ein filmisches Experiment.
Todd Haynes unternahm mit "I'm Not There" ein filmisches Experiment. (Tobis Film)

Die Schauspieler wie Christian Bale (links) mussten ihrem Regisseur Todd Haynes mehr als sonst vertrauen.
Die Schauspieler wie Christian Bale (links) mussten ihrem Regisseur Todd Haynes mehr als sonst vertrauen. (Tobis Film)

Datum: 25.02.2008

Facebook aktivieren

Diskussion: "Todd Haynes"

Um eine Diskussion zu "Todd Haynes" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 197584

 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 110 - id = 4332 - task = view - option = com_content - limitstart= 0