(tsch) Zehn bis elf Millionen Zuschauer, die 2007 den ARD-Zweiteiler "Die Flucht" verfolgten, haben gezeigt: TV-Deutschland lässt sich durchaus begeistern für die Geschichten von Millionen Zivilisten, die in der Endphase des Zweiten Weltkrieges vor der Roten Armee aus den Ostgebieten des kollabierenden Deutschen Reichs flohen. Durchaus bemerkenswert ist dies, da man im TV mit Geschichten über deutsche Kriegsopfer beim "Tätervolk" lange Zeit keinen Blumentopf zu gewinnen glaubte. Zu gefährlich, zu revanchistisch schien das Sujet. Selbst die größte Seekatastrophe aller Zeiten, der Untergang des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945, wurde bislang nur ein einziges Mal verfilmt - im Jahr 1959. Dafür erleben wir die "Gustloff" nun in wahrhaft epischer Breite: Regisseur Joseph Vilsmaier ("Comedian Harmonists") inszenierte den Event-Zweiteiler (So., 02.03. und Mo., 03.03., jeweils 20.15 Uhr, ZDF), ZDF-Zeitgeschichtler Guido Knopp widmet dem Fall gleich zwei Dokumentationen (02.03., 21.45 Uhr, und 04.03., 20.15 Uhr).
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Vom 02. bis 04. März ist das ZDF "voll auf Gustloff" - könnte man etwas flapsig sagen. Das Ausmaß des menschlichen Dramas, die Größe der Geschichte, rechtfertigt dies freilich: 9.000 Menschen starben Ende Januar 1945 in der eiskalten Ostsee, nachdem ein sowjetisches U-Boot drei Torpedos auf das ehemalige Nazi-Kreuzfahrtschiff "Wilhelm Gustloff" abgefeuert hatte.
Das zweiteilige Drama von Autor Rainer Berg ("Tanz mit dem Teufel - Die Entführung des Richard Oetker") orientiert sich zwar an den tatsächlichen Charakteren und Fakten der Schiffskatastrophe, sie ist aber letztlich in weiten Strecken fiktiv: Der junge, zivile Fahrkapitän Hellmuth Kehding (Kai Wiesinger) ist nach Gotenhafen in der Danziger Bucht gekommen, um den größten See-Flüchtlingstransport im sich auflösenden Dritten Reich zu organisieren. Schön, dass er dabei auch seine große Liebe Erika (Valerie Niehaus) wiedertrifft, die vor Ort als Marinehelferin arbeitet. Auf dem ehemaligen "Kraft durch Freude"-Schiff "Wilhelm Gustloff" sollen bis zu 10.000 Passagiere pro Passage nach Kiel gebracht werden. Allerdings befinden sich auch 1.500 Wehrmachtsangehörige an Bord, vor allem U-Boot-Kadetten.
Kehding wird schnell klar, dass er keineswegs das alleinige Kommando haben wird. Ganz im Gegenteil - drei Tage vor Auslaufen des ersten von mehreren geplanten Transporten kochen verschiedene Parteien ihr eigenes Süppchen: Der militärische Leiter der Fahrt, Korvettenkapitän Petri (Karl Markovics), verfolgt vor allem kriegstaktische Interessen. Auch dem NSDAP-Vertreter an Bord, Ortsgruppenleiter Escher (Alexander Held), ist das Schicksal der Flüchtlinge egal. Ihn interessiert nur, ob der Jahrestag der Machtergreifung an Bord gebührend gefeiert werden kann. Und dann ist da noch Kapitänleutnant Harald Kehding (Heiner Lauterbach), Kriegsheld und zerstrittener Bruder des Fahrkapitäns, der mit undurchsichtigen Spionageabwehraufgaben betraut ist.
Als die "Gustloff" am Mittag des 30. Januar 1945 den Hafen verlässt, erreichen sie dubios verschlüsselte Funksprüche. Es werden Saboteure an Bord vermutet. Außerdem soll das abgedunkelte Schiff in der Nacht Positionslichter setzen, weil ihm ein deutscher Flottenverband entgegen kommt. Ein Fehler, wie sich herausstellt. Das russische U-Boot, welches die "Gustloff" entdeckt, feuert drei Torpedos ab. Das Schiff mit 10.000 Passagieren sinkt innerhalb einer Stunde.
Für den ersten Teil des historischen Melodrams benötigt man Sitzfleisch: Drei Tage, bevor die "Gustloff" ablegen soll, beginnt der Film mit der Einführung seiner vielen Figuren - was ihn 90 Minuten kostet. Da gibt es den jungen sympathischen Kapitän (Wiesinger) und seine Freundin (Niehaus), ihre Liebe muss allerdings unglaubwürdig heimlich vonstattengehen. Dazu ist das fast pazifistisch daherkommende Paar vom ständigen Getrenntwerden bedroht, worauf zahlreiche angedachte Spannungsmomente des Drehbuchs setzen. Weitere Sympathieträger sind: die Flüchtlinge Lilli Simoneit (Dana Vávrová) und ihre Familie sowie deren hochschwangere Begleiterin Marianne (Anja Knauer). Diesen stehen zahlreiche Bösewichte oder zumindest düster-undurchsichtige Charaktere entgegen: Was führt beispielsweise der depressive Alt-Kapitän Johannsen (Michael Mendl) im Schilde? Und könnte es wirklich sein, dass der sich verdächtig benehmende Funker Hagen Koch (Detlev Buck) einen Sabotageakt plant?
Als Drama ist Vilsmaiers Zweiteiler eher flach geraten, das fällt vor allem im an Action armen ersten Teil auf. Dafür wird der Zuschauer in den zweiten 90 Minuten mit durchaus ansehnlichem Eventfernsehen versöhnt. Die ausgiebige Untergangsszene erreicht zwar nicht ganz "Titanic"-Qualität, dafür musste der bayerische Regisseur aber auch mit etwa sieben Prozent von James Camerons Budget zurechtkommen.
"Die Gustloff" leidet am Ende dennoch deutlich unter dem "Dresden"-Syndrom: Ausstattung, Bild und Technik überzeugen, Charaktere und Drehbuch hingegen wirken reißbretthaft. Die Theorie, dass Sabotage das Versenken der "Gustloff" ermöglicht hat, ist bis heute übrigens nicht bewiesen. Zum Zeitpunkt der Pressevorführung Anfang Januar forschte Guido Knopps Historiker-Team immer noch in russischen Archiven nach Indizien für den im Film behaupteten Tatbestand. Nicht nur deshalb sind die beiden Reportagen zu empfehlen - hier kommen schließlich die echten Überlebenden der "Gustloff" zu Wort.
Eric Leimann
Sie stehen für das Gute in bösen Zeiten: die aufsässige Marinehelferin (Valerie Niehaus) und der moralisch integre Kapitän (Kai Wiesinger) an Bord der "Wilhelm Gustloff". (ZDF / Conny Klein)
Liebe in den Zeiten des Krieges: Marinehelferin Erika Galetschky (Valerie Niehaus) und Kapitän Hellmut Kehding (Kai Wiesinger). (ZDF / Conny Klein)
Die Vertriebenen Lilli Simoneit (Dana Vávrová, links) Marianne (Anja Knauer, Mitte) und Erika Gatetschky (Valerie Niehaus, rechts) sind nur drei von Tausenden, die auf Zuflucht auf der "Wilhelm Gustloff" hoffen. (ZDF / Conny Klein)
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