(tsch) Dieser Mann hat Millionen erwirtschaftet. Viele Millionen. Er hat ebenso viele Kinogänger mit seinen Effektfeuerwerken unterhalten, erstaunt und immer wieder neu überrascht. Trotzdem oder gerade deshalb ist Roland Emmerich, der nach Zahlen erfolgreichste Hollywood-Import aus Deutschland, durch und durch abergläubisch. Wenn er über seinen Erfolg spricht, dann nicht, ohne auf Holz zu klopfen. Die Pressspanplatte des Hoteltischs reicht ihm dafür keineswegs. Er springt auf, durchquert das Zimmer und klopft auf die Platte eines Antiktischs. Das Erfolgsrezept des 52-Jährigen liegt indes nicht in seinem Aberglauben, sondern in seiner Durchsetzungsfähigkeit. Auch seinen neuen Film "10.000 BC" (Kinostart: 06.03.), eine auf 75 Millionen Dollar geschätzte Blockbuster-Produktion, inszenierte er nach eigenem Gutdünken, nicht nach dem Willen eines mächtigen Filmstudios der Traumfabrik. Das Steinzeitspektakel erzählt von einem jungen Mammutjäger. Im Interview erklärt Roland Emmerich, warum Unabhängigkeit der Schlüssel zum Erfolg ist, wieso er im Grunde immer dieselbe Geschichte verfilmt und verrät, warum er sich selbst für einen Feigling hält.
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teleschau: Einem Schauspieler kann ja eigentlich nichts Besseres passieren, als von Ihnen entdeckt zu werden: Will Smith, Jake Gyllenhaal und Heath Ledger wurden durch Ihre Filme zu Stars.
Roland Emmerich: Ach, da haben noch viel mehr davon profitiert. Nehmen Sie Djimon Hounsou, den ich in "Stargate" besetzte, und schauen Sie sich an, wo der heute ist. Er dreht Filme wie "Constantine", "The Island" und "Blood Diamond". Ich muss ja offenbar einen besonders guten Riecher für Talente haben, sonst hätte es ja nicht so oft geklappt. Im Falle von Will Smith wusste ich zum Beispiel einfach, dass er mal ganz groß rauskommen wird. Das Studio dagegen ging erst einmal auf Abwehrhaltung. Ich musste mich wirklich anstrengen, um ihn durchzuboxen. Im Nachhinein bin ich stolz, dass ich auf meinen Bauch gehört habe und es nicht nach hinten losgegangen ist. Bei Heath Ledger war es ähnlich: Das Studio wollte einen bekannteren Schauspieler, doch ich habe mich durchgesetzt.
teleschau: Heath Ledger ist gerade gestorben. Wie schwer hat es Sie getroffen?
Emmerich: Wir waren keine Freunde oder so etwas. Wir sind uns hin und wieder über den Weg gelaufen. Doch da ich gut mit Jake Gyllenhaal befreundet bin und er wiederum seit dem gemeinsamen Dreh von "Brokeback Mountain" eng mit Heath, gab es schon eine gewisse Nähe. Für viele im Filmgeschäft war es ein harter Schlag, als sie von seinem Tod erfuhren. Auch wirtschaftlich hat es ja enorme Auswirkungen: Warner Bros. hat nun Probleme, den neuen "Batman"-Film pünktlich in die Kinos zu bringen. Außerdem muss die öffentliche Aufmerksamkeit dem Film nicht unbedingt helfen, sie kann ihm auch schaden.
teleschau: Inwiefern ist es symptomatisch für den Druck, dem man in Hollywood ausgesetzt ist, dass sich Heath Ledger versehentlich selbst vergiftet hat?
Emmerich: Wir alle haben gesehen, wie vorsichtig man sein muss, wenn man Medikamente zu sich nimmt. Ich kenne viele Kollegen, die Schlaftabletten und Antidepressiva zu sich nehmen. Und wenn man die falsche Mischung einnimmt, hört auf einmal das Herz auf zu schlagen. Ich halte mich zwar fern von solchen Mittelchen, aber ich kenne das Gefühl, ausgelaugt zu sein. Wenn ich mit einem Film fertig bin, werde ich automatisch depressiv. Das liegt an der hohen Arbeitsbelastung, der man während der Produktion ausgesetzt ist. Und auf einmal ist das alles vorbei und du hast nichts mehr zu tun, überhaupt nichts. Wir alle müssen damit zurechtkommen.
teleschau: Wie kommen Sie damit zurecht?
Emmerich: Als ich "10.000 B.C." fertiggestellt hatte, tat ich etwas, das für mich völlig neu war: Ich fiel nicht in ein dunkles Loch, sondern nutzte die vergangenen zwei Monate, um gleich im Anschluss selbst ein Drehbuch zu schreiben: "2012". Das passte ja ganz gut, weil in dieser Zeit ja auch der Autorenstreik Hollywood relativ lahmgelegt hat. Ich habe jetzt also gleich wieder etwas zu tun.
teleschau: Wie beschäftigen Sie sich, wenn Ihnen einmal nichts einfällt?
Emmerich: Ich reise. Irgendwohin. Ich habe keine festen Ziele. Auch wenn es sich danach anhört: Meine Rucksackzeiten sind längst vorbei. Ich bin eher der First-Class-Reisende, weil ich einfach Luxus mag. Wenn ich schon einmal Urlaub mache, dann fliege ich erster Klasse, dann buche ich Zimmer in den besten Hotels. Ich habe mir sogar ein eigenes Boot in Thailand gekauft.
teleschau: Der Held Ihres neuen Films ist ein waschechter Außenseiter. Wie haben sie sich gefühlt, als Sie nach Hollywood kamen?
Emmerich: Ich bin immer noch ein Außenseiter.
teleschau: Wie meinen Sie das?
Emmerich: Wenn ich einen Film mache, dann nur meinen eigenen. Das macht dich automatisch zu einem Außenseiter, nur habe ich das bewusst kultiviert, indem ich die Filmauktion quasi erfunden habe. Das Prinzip ist: Wir lassen die Studios für unser Filmkonzept bieten und benutzen den Gewinner dann als eine Art Bank und als Verleih. Ich wollte niemals Teil Hollywoods sein. Mein Vater hat mir dazu geraten, immer nur das zu tun, was ich selbst möchte. Doch es hat geklappt: Nur für meinen ersten Film, "Universal Soldier", wurde ich von einem Studio engagiert. Aber danach drehte ich nur meine eigenen Filme. Ich hatte einfach Glück, dass ich von Anfang an Erfolg hatte, denn ohne Erfolg hätte ich mich wohl nie durchsetzen können. Ich kann es mir leisten, deren Spiel nicht mitzuspielen.
teleschau: Dabei könnten Ihre Filme nicht hollywoodtypischer sein.
Emmerich: Stilistisch haben Sie Recht: Ich habe schon in der Filmschule Hollywood-Filme gedreht. Mein erster Film, "Das Arche Noah Prinzip", hat exakt nach dem gleichen Prinzip wie meine jetzigen Filme funktioniert. Nur gab ich damals weniger Geld aus. Für mich kam es aber nie in Frage, mich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Hollywoodstudios zu begeben. Deren Einstellung ist: Wenn sie dir Geld geben, dann wollen sie auch mitreden. Ich sitze lieber allein auf dem Fahrersitz und sichere mich vor jedem Projekt ab, lasse mir von unserem jeweiligen Studiopartner vorher alles bestätigen, höre dann natürlich auch auf seine Meinung, doch entscheide immer selbst.
teleschau: Ist "10.000 B.C." Ihrer Meinung nach trotz der Gewaltszenen immer noch ein Familienfilm?
Emmerich: Ich wollte weder einen besonders gewalttätigen noch einen sonderlich realistischen Film machen. Es ist nicht mehr als eine Fantasie, eine Vorstellung davon, wie die Welt hätte aussehen können, die so weit in der Vergangenheit liegt. Das sollen sich auch Kinder im Alter von zehn Jahren anschauen können.
teleschau: Sie sagten einmal, dass Spezialeffekte allein nicht reichen, sondern ein Film auch eine gute Geschichte haben muss. Doch warum kommen Ihre Geschichten nie ohne Spezialeffekte aus?
Emmerich: Das ist ganz einfach: Visuelle Effekte machen neugierig. Man geht nicht in Filme, zumindest trifft das auf die meisten zu, weil man sich von ihrer Geschichte etwas Neues verspricht. In meinen Filmen dagegen bekommt man nicht nur eine gute Story, sondern auch etwas zu sehen, das man vorher noch nie gesehen hat.
teleschau: Dann sitzen Sie doch sicherlich gerne vor Ihren alten Filmen und überlegen sich, was Sie mit heutigen Mitteln besser machen könnten.
Emmerich: Genau das ist der Grund, weshalb ich es tunlichst sein lasse, auch nur eine Sekunde meiner Filme im Nachhinein anzuschauen. Wenn ich auf sie zufällig im Fernsehen stoße, dann schalte ich sofort um.
teleschau: So rigoros?
Emmerich: Es ist einfach beschämend, so etwas noch einmal anschauen zu müssen. Noch schlimmer ist jedoch, sich selbst schauspielern zu sehen. Ich habe das einmal in einem Studentenfilm mitgemacht, und es war die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Leider musste ich es auf den Hofer Filmtagen über mich ergehen lassen, diesen Film noch einmal zu sehen - einfach nur furchtbar!
teleschau: Werden Sie jemals bei einem gänzlich effektlosen Film wie "Trade", den Sie produzierten, selbst Regie führen?
Emmerich: Ehrlich gesagt, hatte ich darüber nachgedacht. Es wäre aber ein großer Fehler gewesen, denn ich hätte den Film nie so gut drehen können wie Marco Kreuzpaintner. Auf der anderen Seite reizt es mich aber manchmal schon: Zum Beispiel fasziniert mich die Art, wie Paul Greengrass die "Bourne"-Filme inszeniert hat. Da halte ich mich aber an das, was Steven Spielberg jüngst gesagt hat, als er gefragt wurde, ob er diesen Stil mit all den schnellen Schnitten und der wackligen Kamera für den vierten "Indiana Jones"-Film adaptieren würde. Er sagte nein, das würde Indiana Jones nicht gerecht. Genauso verhält es sich bei mir: Schuster, bleib bei deinen Leisten.
teleschau: Werden Sie auch mal einen Film in Deutschland drehen?
Emmerich: Das habe ich vor, und die Chancen stehen gut. Heutzutage geht es den Studios nämlich nur noch darum, ob man in einem bestimmten Land Steuervergünstigungen bekommt, wenn man dort einen Film produziert. Deutschland ist da relativ weit vorne, nur deswegen werden so viele Blockbuster wie "Speed Racer" oder "Walkyrie" in Potsdam-Babelsberg gedreht. Wenn ich also mit Dreharbeiten nach Deutschland komme, dann wird es ein großer Film.
teleschau: Was fasziniert Sie überhaupt so sehr an Weltuntergangsszenarien?
Emmerich: Bei Desaster-Filmen kommt alles zusammen: Wir haben visuelle Effekte, eine interessante, weil ungewöhnliche Geschichte und ein cooles Szenario, um echte Menschen und ihre Gefühl zu zeigen. Es geht immer um einen Normalo, der über sich hinauswächst und zum Helden wird. Entweder er rettet seinen Sohn, seine große Liebe oder gleich die ganze Welt. Solche Geschichten faszinieren mich ungemein, vielleicht auch, weil es auf gewisse Art meine eigene Lebensgeschichte ist: der Durchschnittsschwabe, der es in Hollywood geschafft hat. Dabei bin ich aber eigentlich ein Waschlappen.
teleschau: Soso ...
Emmerich: Nun, ich nehme es zwar gerne mit den großen Studios auf, und mich stören keine schlechten Kritiken. Aber was mir eine Heidenangst macht, sind körperliche Bedrohungen. Ich habe auch ausgeprägte Höhenangst. Andererseits habe ich keine Probleme damit, in einem Hubschrauber mitzufliegen. Schon merkwürdig. Doch meine Furcht war mein großer Vorteil, denn nur dadurch habe ich erkannt, dass Hollywood selbst von Angst angetrieben wird: Jeder Studiochef hat Angst, seinen Job zu verlieren, wenn der nächste Film ein Riesenflop wird. Deshalb werden so viele Fortsetzungen gedreht.
teleschau: Haben Sie nicht Angst davor, dass es missverstanden werden könnte, dass die Bösewichter in "10.000 B.C." ein arabisches Aussehen haben?
Emmerich: Wir haben wirklich versucht, diesen Eindruck so stark wie möglich abzuschwächen. Doch es war die einzige Alternative, die uns noch blieb. Wir haben es mit weißen Darstellern versucht, doch hätte das überhaupt nicht funktioniert. Dann hätten alle gedacht: Schon wieder Nazis!
Leif Kramp
Regisseur, Produzent, Autor: Roland Emmerich saß bei seinem neuen Film "10.000 B.C." erneut alleine auf dem Fahrersitz. (2007 Warner Bros. Ent.)
Sieht sich weiterhin als Außenseiter in Hollywood: Roland Emmerich. (2007 Warner Bros. Ent.)
Roland Emmerich (links) und sein Hauptdarsteller Steven Strait. Zahlreiche Hollywood-Stars wurden von Emmerich entdeckt. (2008 Warner Bros. Ent.)