(tsch) "Nicht schon wieder das Dritte Reich", stöhnen die Schüler. Wer aus der jüngeren Generation hat das nicht schon selbst im Geschichtsunterricht gehört oder gar selbst in den Buchumschlag gemurmelt, wenn abermals der Nationalsozialismus auf dem Lehrplan stand. "So etwas wäre heute doch nicht möglich, dazu sind wir viel zu aufgeklärt", halten die Schüler ihrem Lehrer Rainer Wenger außerdem vor. Was setzt man nun solchen naiven, aber nachvollziehbaren Aussagen entgegen? Rainer Wenger antwortet in Dennis Gansels Drama mit einem Experiment: "Die Welle" (2008).
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Der Titel ist berühmt. Das gleichnamige Jugendbuch, auf dem Gansels Film basiert, ist so eng mit dem Deutschunterricht verbunden, wie Hitler-Deutschland mit der Geschichtsstunde. An vielen Schulen zählt Morton Rhues "Die Welle" zu den Standardwerken, wie etwa Schillers "Räuber".
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich im April 1967 an der "Cubberley High School" in Palo Alto in den USA zutrug. Lehrer Ron Jones wurde damals mit ähnlichen Aussagen seiner Schüler konfrontiert wie Rainer Wenger. Auf ungewöhnliche und - wie sich im Nachhinein herausstellte - gefährliche Art und Weise wollte er seiner Klasse zeigen, dass Faschismus sehr wohl auch in den eigenen Reihen stattfinden kann. Schon bald wurde die "Cubberley High School" von seinem Experiment, der "Third Wave", überrollt.
Solch unkonventionelle Lehrmethoden lassen auf einen unkonventionellen Menschen schließen. Den gibt Jürgen Vogel recht überzeugend. Rainer Wenger war früher Hausbesetzer und Linker. Mit seiner schwangeren Frau (Christiane Paul in einer recht blassen Nebenrolle) lebt er in einem alten Bootshaus direkt am See. Er fährt mit lautem Punkrock im Autorradio auf dem Schulparkplatz vor, unterrichtet in Schlabberjeans und Ramones-Shirt. Und natürlich dürfen die Schüler Rainer duzen. Einen Tick zu locker, ein wenig zu kumpelig ist dieser Lehrer, der so in der Realität eher selten anzutreffen sein dürfte, was allerdings keineswegs Jürgen Vogel vorzuwerfen ist, sondern vielmehr der Figurenüberzeichnung durch den Autor.
Klar, dass dieser hypercoole Pauker das ganze Vertrauen seiner Schüler hat. Und so ist es ein Leichtes, sie für ein Experiment zu begeistern, das schon bald zum Selbstläufer wird. Es beginnt mit Lockerungsübungen im Unterricht, neuen Regeln, dem Betonen des Gemeinschaftssinns und einer neuen Kleiderordnung. Alle tragen weiße Hemden. Nicht lange, und es kommt ein Name, ein eigenes Zeichen hinzu. Die Schüler sind jetzt "Die Welle", eine einheitliche Masse in Weiß, die bald jeden schneidet und unterdrückt, der nicht zu ihrer Gemeinschaft gehören will. Längst hat der faschistische Grundgedanke Besitz von ihnen ergriffen, und die Jugendlichen tragen einige Flecken auf der weißen Weste. Begreifen werden das allerdings nur wenige, wie Karo (Jennifer Ulrich), die kritische Chefredakteurin der Schülerzeitung.
Sie bricht sogar mit ihrem Freund Marco (Max Riemelt), einem begeisterten "Welle"-Anhänger. Sie ist es, die versucht, die Bewegung zu stoppen, und Rainer die Augen zu öffnen. Der hat längst das Ziel seines Experiments und die Gefahr aus dem Blick verloren. Merkwürdigerweise protestiert außer Karo kaum jemand, die Direktorin scheint absolut blind zu sein, und erkennt nicht, was vor sich geht. Die Kollegen halten sich mit Kritik zurück.
Neben dieser unglaubwürdigen Tatsache ist es der Look des Films, der irgendwie unangenehm auffällt. Bei allen Ambitionen, die Dennis Gansel mit der "Welle" auf die Leinwand bringt, ist aus dem Drama doch ein recht poppiges Stück Aufklärung geworden. Wahrscheinlich bemüht, gerade das junge Zielpublikum anzusprechen, spielt das Drehbuch (Dennis Gansel, Peter Thorwarth) mit der Sprache der Jugend, mit ihren Looks und Subkulturen - das "Welle"-Zeichen wird natürlich getaggt. Das Ganze wirkt ein wenig zu studiert und dadurch aufgesetzt. Von der Sportskanone, dem Klassenclown, der Streberin, der Beliebtesten über den Klassendepp bis zum Sprayer sind alle Klischees bedient in Rainer Wengers Klasse.
Auch inszeniert Kameramann Torsten Breuer seine Bilder hin und wieder wie einen stylischen Videoclip bei MTV, so etwa eine Party am Strand. Tanzende, knutschende, Bier trinkende Teenies - das Ganze würde auch wunderbar zum Musikvideo des lauten Titelsongs "Garden Of Growing Hearts" von Empty Trash taugen, mit dem man wohl auch den jugendlichen Nerv treffen wollte.
Auch wenn manches hier nicht so recht zusammenpassen will, war es Zeit für einen Film mit genau diesem Thema. Und Dennis Gansel war genau der richtige Regisseur für dieses Projekt, das im internationalen Wettbewerb des Sundance Film Festivals lief. Er befasste sich bereits 2004 in dem Drama "Napola" mit Faschismus und Jugend. Gansel beschrieb darin die Wandlung eines 16-Jährigen, der sich zunächst von den Nazis verführen lässt, an einem von Hitlers Elite-Internaten jedoch langsam Zweifel am System entwickelt. Max Riemelt spielte bereits damals den Verführten.
Ron Jones' Experiment - er war selbst am Filmset anwesend - liegt bereits 41 Jahre zurück. Der Roman "Die Welle" ist immerhin schon 27 Jahre alt. Und doch ist er nach wie vor aktuell, vielleicht aktueller denn je. Heute, da Nazis Menschen an öffentlichen Plätzen niederprügeln, da Schlagzeilen von Lehrern berichten, die im Musikunterricht ihre Schüler zum Hitlergruß und zum Singen eines Nazi-Liedes auffordern.
Nina Hortig
Credits: V:Constantin, D 2008, R: Dennis Gansel, D: Jürgen Vogel, Max Riemelt, Christiane Paul u.a.
Laufzeit: 107 Min.
Kinostart: 13. März 2008
Dennis Gansels Drama "Die Welle" zeigt, wie schnell sich faschistisches Denken in jungen Köpfen festsetzen kann. (Constantin)
Rainer Wenger (Jürgen Vogel, vorne) beginnt in seiner Klasse ein Experiment zum Thema Autokratie, das schon bald zu einem gefährlichen Selbstläufer wird. (Constantin)
Außenseiter Tim (Frederick Lau) ist besonders anfällig für das "Projekt" Welle. Endlich wird er respektiert und findet Anschluss. (Constantin)
Datum: 10.03.2008
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