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Fettes Brot

"Wer keinen Bock auf Gewalt hat, hört uns"

Musiker Fettes Brot

(tsch) Fettes Brot - das sind sympathische und intelligente Burschen, die es wie keine anderen HipHopper im Lande verstehen, auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz, Begeisterung und Unverständnis, Spaß und Ernst zu wandeln, ohne dabei jedoch an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Statt auf Battle Rap und monotone Einheitsbeats setzt das Hamburger Trio meist auf intelligente Inhalte, Ironie und Wortwitz in ihrer Musik. König Boris, Björn Beton und Doktor Renz können es aber auch krachen lassen, wie sie mit ihrem sechsten Studioalbum "Strom und Drang" und der ersten Single-Auskopplung "Bettina (Zieh dir bitte etwas an)" beweisen. Im Interview plaudern die Hamburger Jungs über den Reiz eines jungfräulichen Studios, hirnlosen Gewaltrap und über die "Sackhaarigkeit" ihrer neuen Platte ...

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teleschau: Ende 2007 wart Ihr als Bette Frost auf geheimer Club-Mission, um das neue Album "Strom und Drang" den Fans vorzustellen. Ein Novum in Eurer Bandgeschichte - wie waren die Reaktionen?

Doktor Renz: Es ist schön, wenn man nach 15 Jahren in diesem Biz immer noch Dinge tun kann, die man zuvor noch nie getan hat. Wir wurden sehr wohlwollend von den Fans empfangen - und zu der neuen Musik wurden die richtigen Grimassen gezogen: von verstört bis begeistert.

teleschau: Bei dem Gig in München waren vor allem altbackene Brote-Fans - größtenteils Ü-30. Habt Ihr Nachwuchssorgen?

König Boris: Nein, eigentlich ist unser Publikum eher in die Breite gewachsen. Normalerweise ist auf unseren Konzerten von zehn bis Mitte 40 alles vertreten.

teleschau: Was auffällig ist: War Euer letztes Album "Am Wasser gebaut" noch voller "Seelenmusik", schöpft Ihr bei "Strom und Drang" wieder aus den Vollen - textlich wie musikalisch. Wart Ihr Euch selbst zu ernst geworden?

König Boris: Nein, gar nicht. Aber Du hast Recht: "Strom und Drang" wirkt wesentlich jugendlicher und aufgekratzter als die Vorgängerplatte. Aber so war eben unsere Stimmung, als wir ins Studio gingen. Wir legten einfach los, ohne groß an ein neues Album zu denken. Erst am Ende, als das Ding fertig war und wir einen Schritt zurücktraten, sahen wir, was uns da passiert ist.

Björn Beton: Eine gewisse Sackhaarigkeit ist dieser Platte jedenfalls nicht abzusprechen.

König Boris: Und mal ehrlich: Es gibt nichts Langweiligeres als Bands, die die Erwartungen ihrer Hörer erfüllen. Wenn man nur noch Kundendienst macht, verliert man als Künstler irgendwann seine Daseinsberechtigung.

teleschau: Ist die Elektro-Lastigkeit genauso zufällig wie das Album entstanden oder den Chart-Umständen geschuldet?

Doktor Renz: Natürlich fließen derartige Trends mit in unsere Musik und Produktionen ein. Wir mögen schließlich aktuelle Musik, interessieren uns weitflächig für alles, was in diesem Business geschieht.

teleschau: Die erste Single-Auskopplung "Bettina (Zieh dir bitte etwas an") ist so eine wummernde Elektronummer, die ihr zusammen mit den beiden Berliner Beat-Tüftlern Modeselektor aufgenommen habt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Doktor Renz: Wir lernten die beiden über eine gemeinsame Freundin kennen, wussten aber schon lange, dass uns der Weg irgendwann zusammenführen wird. Und als Modeselektor mit ihrem Album fertig waren, schickten sie uns einen Beat, bei dem uns sofort klar war: Das wird ein Hit. Umso mehr legten wir uns ins textlich Zeug, um der musikalischen Vorlage gerecht zu werden.

teleschau: Und wie viele Nächte lang muss man Call-In-Shows gucken und Automarken mit vier Buchstaben raten, um so einen Song schreiben zu können?

König Boris: Eine reicht vollkommen.

teleschau: Aber Euch brannten offenbar noch mehr Themen auf den Nägeln - etwa das Proll- und Pimp-Gebaren der werten Rap-Kollegen, das Ihr gleich in zwei Nummern - "Der beste Rapper ist offensichtlich Ich" und "Automatikpistole" - anprangert.

Doktor Renz: Einmal nehmen wir es aufs Korn, einmal nehmen wir es ernst. Auch wir haben eine große Schwäche für Angeber-Rap, der schon immer dazugehört hat. Damals gab er uns das Gefühl, dass wir die Größten und Geilsten sind und da mitmischen können. Heute sind diese Angeber-Tracks eine liebgewonnene Tradition auf unseren Platten. Gleichzeitig ist die ganze Entwicklung im Rap befremdlich. Was ursprünglich statt Gewalt stattgefunden hat - nämlich sich mit zwei Mikrofonen bewaffnet verbal auseinanderzusetzen - ist durch die Texte mittlerweile so brutal geworden, wie die Wirklichkeit vorher gar nicht war. Am Schluss weiß man gar nicht mehr, was zuerst da war: die Musik oder die Gewalt.

König Boris: Fraglich ist auch, warum nicht lieber Wege aus der Gewalt gezeigt werden, anstatt sie immer nur zu glorifizieren.

teleschau: Sind die amerikanischen Verhältnisse noch zu vermeiden?

Doktor Renz: Ich habe fast das Gefühl, dass die amerikanischen Verhältnisse weit Show-Business-orientierter sind als die deutschen. Andererseits: Wenn ich Genre-Größen wie Dr. Dre und Timbaland sehe, die sich zweifelsohne nicht mehr zu beweisen brauchen und sich dennoch mit Steroiden Muskelberge aufbauen, ist das schon seltsam. Früher brauchte Timbaland zwei Bodyguards, heute sieht er aus, als hätte er zwei aufgegessen.

teleschau: Klingt fast so, als ob Ihr der guten, alten Zeit nachtrauert ...

Björn Beton: Vieles, was ich unter Rap und HipHop verstehe, gibt es heute einfach nicht mehr. Diese ganze Sportlichkeit, Friedfertigkeit und der Aufruf, kreativ zu sein, die einst im Rap steckten, erkenne ich nicht mehr. Stattdessen ruft man zur Gewalt und zur Ausgrenzung anderer auf.

Doktor Renz: Grundsätzlich finde ich es auch wahnsinnig unsympathisch, wenn eine Jugendkultur nach unten tritt und nicht die bestehenden Verhältnisse anprangert.

Björn Beton: Vor allem, wenn man selbst aus diesen Verhältnissen kommt. Eigentlich müsste die Schlussfolgerung - ein wenig Selbstreflektion vorausgesetzt - eine ganz andere sein. Anstatt das Ghetto schick zu finden, müsste man eher aufrufen, das hinter sich zu lassen. Macht aber keiner ...

teleschau: Stimmt es Euch traurig, dass die Teenager lieber zum Bushido-Konzert rennen, um sich die volle Dröhnung Sex, Gewalt und Drogen abzuholen, als sich eine Scheibe Wortwitz vom Fetten Brot abzuschneiden?

Björn Beton: Traurig macht uns das nicht, aber es beschäftigt uns - und zwar so sehr, dass Boris den Song "Automatikpistole" geschrieben hat. Ich fände es aber auch auf eine gewisse Art ziemlich konservativ von uns Ü-30-Jährigen, wenn wir plötzlich über "die Jugend von heute" herziehen würden ...

König Boris: Wir haben ja zum Glück auch die Möglichkeit, uns musikalisch zu äußern und bieten einfach eine Alternative an. Wenn man keinen Bock auf triste, graue Gewalt hat, kann man eben Fettes Brot hören.

telschau: Müsst Ihr nach diesen beiden Tracks eigentlich nicht zwangsläufig - trotz aller Beschwichtigungen - wieder mit jeder Menge Beef rechnen?

Doktor Renz: Dafür ist "Der beste Rapper Deutschlands ist offensichtlich ich" zu offensiv-humorvoll ausgelegt. Am witzigsten finde ich es jedoch, dass wir in dem Stück eigentlich gar nicht rappen und trotzdem behaupten, die besten Rapper zu sein. Ein Gag, den wir von Missy Elliot geklaut haben.

teleschau: Das neue Album dauert nur knapp 37 Minuten. Nicht gerade üppig, oder?

König Boris: Die Qualität einer Platte schlägt sich ja nicht in der Minutenzahl nieder. Was nützt es mir denn, wenn ich ein Album mit 22 Tracks veröffentliche, die Hälfte davon aber beim Hören übersprungen werden. Dann doch lieber 37 Minuten glänzende Unterhaltung, die man gleich nochmal hören will. Zudem finde ich es geil, wenn man die Leute etwas hungrig zurücklässt. Bei Konzerten spielen wir deshalb lieber eine Viertelstunde weniger, als eine halbe Stunde zu lang.

teleschau: Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Mieze Katz von Mia beim Track "Das traurigste Mädchen der ganzen Stadt"?

Doktor Renz: Für uns war der Song schon immer der Song mit Mieze - obwohl sie lange nichts von ihrem Glück wusste (lacht). Wir kannten uns nur sporadisch von Festivals. Dann fassten wir uns ein Herz, riefen sie an, fuhren nach Berlin, spielten ihr den Song vor und trafen damit wohl einen Nerv ...

teleschau: Und der Modern-Stalking-Song "Ich lass dich nicht los" - ein "Jeanie" Reloaded?

Björn Beton: Nee, überhaupt nicht. Aber mich freut es, dass die Leute immer wieder diesen Vergleich ziehen. Ich wollte einfach eine Mörderballade schreiben und dachte - jetzt wo Du es erwähnst - ursprünglich auch über einen Nachrichtensprecher darin nach ...

König Boris: Da ist wohl der Geist von Falco in Björn gefahren ...

teleschau: Sind die Beweggründe von einst, Musik zu machen, heute - 15 Jahre später - eigentlich noch dieselben?

Doktor Renz: Ja! Ich rap nicht, weil ich nichts anderes kann, sondern weil ich nicht anders kann. Alles, was wir machen, entsteht aus diesem Urtrieb heraus, sich ausdrücken zu wollen.

Björn Beton: Bei dieser Platte war es wirklich auffällig, dass wir erst zusammen Musik machten und dann erst merkten, dass wir an einem neuen Album arbeiteten. Inspirierend war natürlich unser neues Studio, das so herrlich jungfräulich vor uns lag und unbedingt ... äh ... bespielt werden musste.

teleschau: Wenn Ihr gerade nicht bewusst oder unbewusst an einem neuen Album arbeitet oder auf Tour seid: Trefft Ihr Euch privat dann noch regelmäßig?

Björn Beton: Übers Jahr verteilt sehen wir uns gewiss häufiger als unsere übrigen Freunde und Bekannten.

Doktor Renz: Dennoch denken wir hin und wieder darüber nach, ob wir nicht zusammen mit unseren Familien in den Urlaub fahren - so verrückt das auch klingen mag. Aber unser Leben findet in sehr eindrucksvollen Perioden statt - und an Urlaub ist derzeit nicht zu denken. Vom 22.4. bis tief in den Mai hinein werden wir touren, danach werden wir auf jeder Menge Festivals spielen. 2008 kommt man wohl nur schwer an uns vorbei ...

Fettes Brot on Tour:

22.04. Flensburg - Deutsches Haus

23.04. Dortmund - Westfalenhalle 2

24.04. Trier - Europahalle

25.04. Köln - E-Werk

27.04. Stuttgart - LKA Longhorn

28.04. CH-Zürich - Volkshaus

29.04. Wiesbaden - Schlachthof

30.04. München - Georg-Elser-Halle

02.05. Leipzig - Werk II

03.05. Dresden - Alter Schlachthof

04.05. Berlin - Columbiahalle

06.05. Hannover - ADW Hall

07.05. Bielefeld - Ringlokschuppen

08.05. Bremen - Pier 2

09.05. Hamburg - Stadtpark

12.05. A-Graz - Orpheum

13.05. A-Salzburg - Republic

14.05. A-Linz - Posthof

Gerd Hilber


Fettes Brot (von links: Doktor Renz, König Boris, Björn Beton) haben Neues zu bieten. Seit 14.3. steht ihre Platte "Strom und Drang" in den Regalen.
Fettes Brot (von links: Doktor Renz, König Boris, Björn Beton) haben Neues zu bieten. Seit 14.3. steht ihre Platte "Strom und Drang" in den Regalen. (Fettes Brot / Indigo)

"Strom und Drang" sei eine gewisse "Sackhaarigkeit" nicht abzusprechen, sagen die Jungs von Fettes Brot.
"Strom und Drang" sei eine gewisse "Sackhaarigkeit" nicht abzusprechen, sagen die Jungs von Fettes Brot. (Fettes Brot / Indigo)

Mit der ersten Single-Auskopplung "Bettina" (Zieh dir bitte etwas an) landeten Fettes Brot auf Anhieb in den oberen Chart-Regionen.
Mit der ersten Single-Auskopplung "Bettina" (Zieh dir bitte etwas an) landeten Fettes Brot auf Anhieb in den oberen Chart-Regionen. (Fettes Brot / Indigo)

Datum: 16.03.2008

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